Aus Paulas Schreibtagebuch: Sechs Punkte für sechs Punkte über die Punktschrift

Guten Tag,

da lesen und schreiben die Grundlagen meiner Arbeit sind, lohnt es sich immer wieder über die Bedeutung, die die Brailleschrift für mich hat, nachzudenken. Ich sage: „Tausenddank dafür, dass ich diese Schrift lernen durfte und sie nach wie vor gut nutzen kann!“ Und obwohl ich durch die Sechspunktschrift eine „eigene“ Schrift verwende, kommt ihr doch eine wichtige Bedeutung für meine Verbindung zu sehenden Mitmenschen zu, mit denen ich mich schriftlich verständlich machen kann et c.

 

Die Wichtigkeit, die die Sechspunktschrift für mich hat, ist der Grund dafür, dass dieser Beitrag nicht frei von persönlichen Anmerkungen ist, obwohl dieser Artikel vor allem die Bedeutungsgeschichte der Kulturtechnik der Blinden aufzeigen soll. Diese Geschichte ist ein Beweis dafür, wie wichtig das persönliche Engagement betroffener Menschen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation ist, denn ohne den Einsatz der blinden Menschen des 19. Jahrhunderts und der nachfolgenden Generationen wäre die Bildungsgeschichte blinder Menschen nicht so verlaufen. Ohne das Engagement blinder Menschen für die Punktschrift gäbe es mich als blinde Autorin nicht. Obwohl sie speziell für blinde Menschen ist, hat sie einen großen Anteil daran, dass ich eine „normale“ Autorin mit einem „normalen“ Arbeitsalltag bin.

Ich weiß natürlich um die Probleme, die der Verbreitung der Brailleschrift im Wege stehen. So können beispielsweise viele blinde Kinder die Punktschrift nicht erlernen, da sie auf Grund anderer Behinderungen oder Erkrankungen nicht in der Lage sind, die Schrift zu ertasten und/oder ihr System zu begreifen. Die meisten Menschen erblinden in ihrer zweiten Lebenshälfte. So sind etwa 70% der Blinden 65 Jahre oder älter. Zu bedenken ist, dass auch bei diesen Menschen oft zusätzlich zur Erblindung andere Behinderungen oder Erkrankungen wie Diabetes vorliegen, die das Erlernen der Blindenschrift unmöglich machen oder zumindest stark erschweren. Viele ältere Menschen wagen sich verständlicherweise nicht mehr an das Erlernen einer neuen Schrift. Und darüber hinaus findet noch lange nicht jeder Lernwillige Erwachsene an seinem Heimatort einen geeigneten Lehrer. Punktschriftkurse, die überregional, z. B. in einem der Aurahotels stattfinden, sind für viele Senioren unerschwinglich.

Aber obwohl ich kein Lobbyist in Sachen Punktschrift bin, liebe ich die Brailleschrift und mir ist bewusst, wie viel diese sechs Punkte für die Bildung und das Selbstverständnis blinder Menschen geleistet hat. Das liegt sicherlich nicht zuletzt daran, dass die Punktschrift von einem Blinden entwickelt und von den Blinden selbst angenommen und verbreitet wurde.

Für mich gibt es sechs persönliche Punkte, warum ich die Punktschrift nach wie vor sehr schätze, und sie zusätzlich zu den neuen Möglichkeiten, die Hörbücher et c. bieten, wieder verstärkt nutze.

1. Sie war und ist mir ein sinnvoller und guter Zeitvertreib vor allem in schlaflosen Nächten.

2. Ich kann beim Lesen und schreiben die Geschwindigkeit vorlegen, die gerade passt.

3. Wenn ich leise lese, erklingt meine innere Stimme bzw. meine inneren Stimmen und die Vorstellungsgabe wird besonders beflügelt.

4. Vorlesen macht Spaß und ermöglicht es Texte immer wieder neu zu gestalten und zum Leben zu erwecken.

5. Nicht zu allen Texten, die ich lese oder schreibe, habe ich sofort eine abschließende Meinung. Daher war es vor allem in der Zeit vor den Computern gut Lesestoff und selbst geschriebene Texte für einige Zeit zur Seite zu legen, um sie später zu verstehen oder zu bearbeiten.

6. Es ist ein gutes Gefühl beim Lesen oder Schreiben erleben zu dürfen, wie Kopf, Herz und Hand zusammenarbeiten. Ürigens, feiere ich dieses Jahr sozusagen mein 45jähriges Punktschriftjubiläum, denn ich wurde am 08.08.1972 in die Rheinische Landesschule für Blinde in Düren eingeschult, die heute Luis-Braille-schule heißt.

Und jetzt folgt in diesem Post noch etwas über die Entwicklung der Punktschrift. Luis Braille wurde am 04.01.1809 geboren. Im Alter von vier Jahren verletzte er sich ein Auge an einer der Schusterahlen in der Schuhmacherwerkstatt seines Vaters. Das Auge entzündete sich. Und die Entzündung griff auf das andere Auge über, sodass Luis Braille vollständig erblindete. Von Kindesbeinen an wollte Luis Braille sich nicht damit abfinden, dass er Literatur nur durch das Vorlesen kennen lernen konnte. Er interessierte sich für unterschiedliche Schriftsysteme, die haptisch erfassbar waren, z. B. für Reliefschrift, bei der die Druckbuchstaben der geläufigen Schwarzschrift tastbar gemacht wurden. Doch diese Übertragung von Strichen, gebogenen Strichen und Punkten stellten sich als zu groß für die Ertastung heraus. Im Alter von 11 Jahren lernte Luis Braille die sog. Nachtschrift, die der Artilleriehauptmann Charles Barbier entwickelt hatte, kennen. Aber auch diese Schrift mit ihren zwölf Punkten erwies sich als zu groß und kompliziert, um sie einfach mit einem Finger oder mit zwei Fingern, die einander folgen, zu ertasten. Luis Braille vereinfachte diese Schrift auf sechs Punkte. Durch Die Anregungen, die er durch Versuche mit anderen Tastschriften erhielt und durch Experimentieren gelang es Luis Braille im Jahr 1825 die Sechspunktschrift, die heute weltweit seinen Namen trägt, vollständig zu entwickeln. Darüber hinaus entwarf er die auf der Grundlage der Sechspunktschrift basierende Blindennotenschrift, mit der blinde Musiker auf der ganzen Welt Noten lesen und schreiben.

Inzwischen ist die Brailleschrift als Grundlage weiterer Schriftsysteme für Blinde verbreitet, z. B. kyrillisches Alphabet, japanische Silbenschrift, Mathematikschrift et c. Luis Braille starb im Jahr 1852 an Tuberkulose. Den Siegeszug seiner Erfindung erlebte er nicht mehr.

Im Jahr 1850 wurde die Brailleschrift an französischen Blindenschulen als verbindliche Kulturtechnik eingefühhrt. Die internationale Anerkennung als Schriftsystem der Blinden erfolgte am 09.12.1879. In diesem Jahr wurde die Sechspunktschrift auch in Deutschland anerkannt.

Interessant an der Verbreitungsgeschichte der Brailleschrift sind die Vorbehalte, die sehende Blindenlehrer Luis Braille und seiner Erfindung entgegen brachten. So war der Direktor der französischen Blindenschule, an der Luis Braille lehrte, davon überzeugt, dass die Einführung dieser Schrift blinde Menschen von ihren sehenden Mitmenschen isolieren würde. In Deutschland wurde dieser Schrift sogar der Vorwurf der Subversion entgegen gehalten, denn sehende Blindenlehrer experimentierten im 18. und 19. Jahrhundert selbst mit verschiedenen Schriftsystemen. Und es war die Überzeugung mächtig, dass ein eigenes Schriftsystem, das von den Blinden selbst entworfen und unterrichtet werden konnte, keine Zukunft haben könnte. Dazu kam, dass auch blinde Blindenlehrer sehr umstritten waren. Doch vor allem ab Ende des 19. Jahrhunderts trug die Brailleschrift zur Emanzipation und Bildung blinder Menschen wesentlich bei. Dies ist sicher zu weiten Teilen der Tatsache zu verdanken, dass Luis Braille und seine Mitstreiter sehr sorgfältig experimentierten, um eine angemessene Punktekonstellation zu finden, die den Erfordernissen des Tastsinns entspricht.

Liebe Grüße

Paula Grimm

Quellen
Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Louis_Braille

Zeitschriftenartikel:

Manfred Weiser: Zur Geschichte der Blindenbildung. Zeitschrift für Sonderpädagogik. 1/1990 S.29-44

Homepage mit aktuellen Aspekten zum Thema Brailleschrift aus der Schweiz: http://www.braille.ch

Autor: PaulaGrimm2412

Paula Grimm ist das Pseudonym für meine Arbeit als Autorin. Ich wurde am 24. Dezember 1965 in Issum im Kreis Kleve geboren, bin seit Geburt vollblind und ursprünglich Diplompädagogin von Beruf. Seit Oktober 2004 lebe ich wieder am linken Niederrhein, war freiberufliche Lebensberaterin und Webtexterin für unterschiedliche Schreibbüros und Webportale und bin seit August 2016 offiziell freiberufliche Autorin. Ich bin prosaisch. Aber treibe es bezogen auf Prosatexte thematisch und stilistisch bunt.

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