Aktuelles Projekt in Paulas Geschichtennetz

„Wer dem Tod eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“, dachte Gesken Paulsen. Sie wandte den Kopf langsam nach links und von der Toten ab. Doch der Gedanke, der ihr über den Tot in den Sinn gekommen war, änderte durch die Bewegung seine Richtung nicht und führte sie nicht an den Punkt, wo die Quelle, von der dieser Gedanke über den Tot stammte, gespeichert war. Gesken registrierte, dass ihr Gedächtnis sie ausnahmsweise im Stich ließ. Aber anstatt sich darüber zu ärgern, schloss sie kurz die Augen, um sich zu sammeln, öffnete sie dann wieder und betrachtete das Zimmer, in dem die Tote gefunden worden war.

„Eine verdächtig ruhige Szene, eine verdammt ruhige Szene!“, dachte Gesken. Aber irgendetwas verhinderte, dass sie diese „verdammt ruhige Szene“ genau erfassen konnte.

Dass die Tote genauso alt war wie Gesken Paulsen und einige andere Fakten hatte ihr Heiko Wissmann mitgeteilt, noch bevor sie in den ersten Stock des Hotels gegangen war, um die Tote zu sehen. Als Gesken den Eingangsbereich des Viermasters betreten hatte, hatte sie Wissmann beobachtet, wie er wie ein Gockel auf und abstolzierte, um derjenige zu sein, der der Chefin die bereits bekannten Fakten präsentierte. Obwohl er begierig seine Informationen an sie loswerden wollte und auf sie wartete, hatte er sie zunächst nicht bemerkt. „Moin, Wissmann!“, hatte sie gesagt. Er stolzierte auf sie zu, plusterte sich noch mehr auf und sah seiner Chefin mit herablassendem Blick an, obwohl er zu ihr aufsehen musste. Denn er war fast 20 Zentimeter kleiner als sie. „Welche Fakten sind schon bekannt?“ Wissmann ärgerte sich, weil er wusste, dass sie bei jedem anderen Kollegen, „Was wissen wir schon?“, gefragt hätte. Doch er schaffte es großspurig da zu stehen und Zu verkünden: „Weibliche Leiche, 51 Jahre alt, ist mit einer Blindengruppe hier, die an diesem Wochenende hier ihren 45jährigen Einschulungstag feiern wollten. Die sind wohl hier, weil sie hier auch mal im Schullandheim gewesen sind. Sie ist Musikerin und Musikprofessorin in Hamburg, schreibt und übersetzt auch und das alles inzwischen sehr erfolgreich. Ihr Name ist, ähm, Sibylle, ähm, Sibylle, ach ja, Sibylle Leuchteblau, arbeitet aber unter einem Pseudonym. Das hab ich vergessen ist aber nicht wirklich wichtig! Sie wurde vermutlich vergiftet, vielleicht auch Selbstmord, wahrscheinlich Zyankali. Sie wurde tot in ihrem Zimmer gefunden!“

„Wie sind die Leute auf den Todesfall aufmerksam geworden?“

„Die hatte einen Köter, so ein Vieh, das sie geführt hat. Der hat irgendwie gepeilt, dass was nicht stimmt, hat gebellt, die Zimmertür aufgemacht, ist zu der Wirtin gerannt, die noch beim Aufräumen war. Und die hat sie dann gefunden.“

Als sie den Flur im ersten Stock betreten hatte, war Gesken sofort die ruhige und gefasste Stimmung aufgefallen, di von überall her auf sie zugekommen war. „Gute Arbeit, Winkler!“, hatte sie gedacht. „Moin, zusammen!“, hatte sie mit ihrer tiefen leicht rauen Stimme laut und deutlich gegrüßt, dass auch die Gäste, deren Zimmertüren alle offen gestanden hatten, sie hatten hören können Sollten sie doch neugierig sein, wie sie wollten. Solange ihr niemand im Weg war oder ihr die Ohren voll quatschte, war alles gut. – War alles gut oder zumindest so gut wie  möglich? – Als sich Gesken an die Situation erinnerte, kam ihr der Verdacht, dass die spezielle Rube, die in diesem Moment geherrscht hatte, dafür verantwortlich gewesen war, dass sie beim ersten Blick nichts erkannt und nur diesen Gedanken über den Tot eines Altersgenossen gehabt hatte. Denn die Ruhe um sie her troff derart von Neugier und der Herrschaft mancher Menschen aus der Gruppe der Gäste, dass es ungemein schwer war, zu bestimmten Aspekten der Realität und zu Sibylle Leuchteblau selbst durchzudringen.

„Warum sind Sie eigentlich so spät gekommen, Chefin?“, hatte Wissmann gefragt. Das Wort Chefin hatte er ihr förmlich vor die Füße gespuckt. Er war wütend auf sich selbst gewesen, da ihm der Tonfall, der eine eindeutigzweideutige Anspielung in die Frage gelegt hätte, nicht gelungen war. „Meine ältere Tochter hatte nach mehr als einem Jahr einen ihrer plötzlichen Anfälle von Muttersehnsucht. Da musste ich doch hin!“ Gesken hatte dann heftig den Kopf geschüttelt und damit die Gedanken an den Nobelfraß, die teuren Weine, das gezierte Imponiergebell der Mutter ihres Schwiegersohns und den lamorianten Fastmonolog ihrer Tochter Rikarda, den sie sich hatte nach dem Essen anhören müssen, abzuschütteln. Dann hatte sie Sibylle Leuchteblau sorgfältig und ruhig betrachtet und festgestellt, dass sie nicht nur im selben Alter gewesen war, sondern auch zur selben Größe aufgeschossen war wie Gesken selbst. „Bohnenstange, Storch im Salat, Kleiderständer, um nur die netteren Sachen zu sagen!“, hatte Gesken mit leicht bitterem Unterton in der Stimme gemurmelt.

„Schön, dass Sie solidarisch sind! Aber, was denken Sie über den Todesfall? Finden Sie nicht auch, dass das auch ein Selbstmord sein könnte?“ „Nein, das finde ich ganz und gar nicht. Das sieht aus als ob es sich eine Frau mit einem Schlumertrunk und einem Buch zum Abschluss eines Tages im Bett gemütlich machen wollte!“, erwiderte Gesken verwundert darüber, dass sie wohl doch schon mehr wahrgenommen und verstanden hatte, als sie gedacht hatte. „Dafür spricht auch, dass wir im Bad ihre Glasaugen in der Reinigungsflüssigkeit gefunden haben!“, hatte Richards eingewendet. Er war erst seit zwei Monaten bei der Kriminalpolizei. Und noch bevor Wissmann, gekränkt darüber, dass ein noch jüngerer Beamter als er selbst einer war, überhaupt etwas gesagt hatte, hatte der Gerichtsmediziner und enge Vertraute von Gesken, Dr. Jan Wilhelmsen, hinzugefügt: „Die Auffindesituation lässt einen Selbstmord sehr, sehr unwahrscheinlich erscheinen. – Nur ein größerer Schluck war nötig, um sie zu töten. Die Dosis muss also ziemlich hoch gewesen sein. Sie hatte einen längeren Todeskampf, hat sich übergeben müssen. Also war das Kaliumcyanid nicht mit einer Säurelösung versetzt, wie man es bei einem Selbstmord typischerweise macht, um den Todeskampf zu verkürzen. – Wie dem auch sei! Die Autopsie wird wohl Genaueres zeigen.“ „Und die Befassung mit dem Leben des Opfers auch!“, hatte Gesken gesagt. Und dann war ihr noch einmal der Gedanke in den Sinn gekommen: „Wer dem Tot eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“ Diesmal hatte Gesken den Gedanken offenbar ausgesprochen, denn Wilhelmsen hatte gemeint: „So ähnlich steht es in Bruder Cadfael und ein Leichnam zu viel als Hugh Beringer den Leichnam, der eben nicht zu den Hingerichteten gehört und in Beringers Alter ist, sieht.“ Gesken hatte ihm dankbar zugenickt und gelächelt.

Und als Gesken sich diesmal, immer noch im Türrahmen stehend, im Zimmer umsah, nahm sie endlich die Einzelheiten und das Gesamtbild genau wahr. Sie sah und roch, dass sich Sibylle Leuchteblau erbrochen hatte. Und die Haut war rosig verfärbt, was wie der Geruch nach Bittermandel ein deutlicheer Hinweis auf eine Cyanidvergiftung war. Sie sah das große Punktschriftbuch auf dem Bett, die leere Flasche und das noch fast volle Glas auf dem Nachttisch, rote Hausschuhe, wahrscheinlich in Größe 45. Gesken beruhigte sich vollkommen, da sie feststellen durfte, dass sie intuitiv die Situation gleich beim ersten Mal erfasst hatte, sodass sie richtig erkannt hatte. So war ihr Eindruck richtig gewesen, dass Sibylle Leuchteblau es sich einfach gemütlich hatte machen wollen.

Und dann sah Gesken den Hund, der am Fußende des Bettes auf einer Decke lag. Offensichtlich hatte noch niemand den schokobraunen Labradormix mit dem runden, weißen Fleck auf der Stirn wirklich bemerkt. Das Tier lag da, seine Augen waren geschlossen, es gab keinen Laut von sich, zuckte nur manchmal, da nichts, was lebt, absolut unbewegt sein kann. „Auch Hunde können vollkommen resignieren!“, dachte Gesken bei sich.

„Weiß jemand, was mit Blindenführhunden passiert, wenn ihr Besitzer stirbt?“, fragte Gesken. „Die Bläss können Sie gleich mit Ihrer Dienstwaffe abknallen. Die ist schon acht oder neun. Da wird nix mehr draus. Und die ist bestimmt verwöhnt bis über beide Ohren, so vernarrt wie die Bylle in die Köter war!“ Die Stimme des Mannes, die Gesken hinter sich hörte, wäre tief und angenehm gewesen, wenn der Mann nicht so undeutlich gesprochen hätte, die Pausen, die er zwischen den Worten machte, nicht so unnatürlich gesetzt hätte, und wenn er die Lautstärke nicht hätte auf- und abschwellen lassen, sodass es schwer bis unmöglich war, nicht zu beachten, wenn er sprach. Und so spürte Gesken seine Absicht jede Situation zu dominieren und seine Haltung, dass er es überhaupt nicht nötig hatte, ordentlich zu sprechen wie eine kalte Faust im Nacken. Wer etwas von ihm wissen wollte, musste sich gefälligst bemühen ihn zu verstehen. Gesken wandte sich um und ging auf ihn zu.

Der Mann war Anfang 50, sehr korpulent, ungefähr so groß wie Wissmann und trug einen teuren Jogginganzug. Als Gesken ihm gegenüber stand aber keine Anstalten machte, ihm die Hand zu geben, wich er einen Schritt zurück. Doch er redete einfach weiter: „Wenn man mich fragt, aber mich fragt ja wieder mal keiner, hat die Bylle Selbstmord begangen. – In mehr als 50 Jahren nie einen Kerl, der sie ordentlich durchzieht, nirgendwo richtig dazu gehören, zwar jede Menge Bildung und Geld aber immer einsam und eben immer noch das erbärmliche Landei wie eh und je. Da kann man schon auf Selbstmordgedanken kommen. Und die Weiber steigern sich in alles immer so ‚rein!“

„Moin, Gesken Paulsen! Und wer sind Sie?“ „Ich bin Bertram Ferdinand Prinz von Hohlberg, seit 11 Jahren der Leiter der Kanzlei von Hohlberg & Söhne. Ich berate und vertrete Firmen in allen wirtschaftlichen Belangen und im Arbeitsrecht!“ Das sagte er sehr deutlich, machte dann eine Pause und nuschelte schließlich: „Den Stallgeruch von so’nem Bauernhof kriegt man aus den Leuten eben nicht ‚raus!“ „Warum sollte man auch? Wenn wir auf Höfen ermittelt haben, war es oft nützlich, dass ich mich mit den Arbeitsabläufen gut auskannte!“ „Ist jetzt auch egal!“ knurrte er. „Die Sache mit der Bylle können Sie schnell und günstig für den Steuerzahler abschließen. Wir setzen uns alle zwei oder zweieinhalb Stündchen zusammen, und wir erzählen Ihnen, was bei der Bylle Sache war und dann werden Sie schon begreifen, dass es nur ein Selbstmord sein kann. Wir wissen Bescheid. Wir waren zusammen im Internat. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft!“

Es waren die Worte Schicksalsgemeinschaft und Bescheid wissen, die in Geskens Kopf eine leise aber deutlich hörbare Glocke anschlugen. Nicht nur, dass Gesken keine Lust auf Gerede über alte Zeiten und Interpretationen der aktuellen Lebenssituation von Sibylle Leuchteblau hatte. Was dabei bestenfalls herauskommen konnte, war eine wortreiche Allgemeinmeinung über die Verstorbene. Sie könnten die Leute wohl gegeneinander ausspielen, sich durch das Gerede zum Kern des Todesfalles durchwühlen. Aber was konnte bei all der Wichtigtuerei von Sibylle Leuchteblau und ihrer Geschichte übrig bleiben? Und dann nahm ein Plan in Gesken Gestalt an. Sie wollte möglichst viel von Sibylle Leuchteblau selbst wissen. Und in diesem Fall würde der Vorwurf nicht lauten können, dass sich die Ermittlungen ausschließlich oder doch zu sehr um den oder die Täter drehten. Gesken war sich vollkommen im Klaren draüber, dass sie sich durch das gemeinsame Alter, die Größe, die Herkunft und die Tierliebe mit Sibylle Leuchteblau verbunden fühlte. Sie schämte sich deshalb überhaupt nicht. Sie empfand nicht die geringsten Skrupel ihre Zuneigung zu Sibylle Leuchteblau auszuleben. Ihre Idee sich ausschließlich auf das Leben der Verstorbenen zu konzentrieren, sie möglichst gut kennenzulernen, um alle Anwesenden mit Dingen zu konfrontieren, die ihnen bislang nicht wichtig gewesen waren, die sie noch nicht kannten, machte Gesken freier und offener. Denn die meisten Menschen, die hier versammelt waren, versuchten Geskens Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und sie war fest entschlossen, sich das nicht weiter unwidersprochen gefallen zu lassen.

Gesken ging in das Zimmer zurück, in dem Sibylle Leuchteblau lag und verteilte die Arbeit auf die Kollegen. „Sagt mir sofort Bescheid, wenn ein Tagebuch, persönliche Briefe oder sogar ein Abschiedsbrief gefunden wird!“, sagte sie schließlich und wandte sich dann an Dr. Jan Wilhelmsen und sagte: „ich hab da noch ‚ne Kleinigkeit zu tun, dann kümmere ich mich um den Hund. Und wenn ich sie weggebracht habe, könnt ihr die Leiche wegbringen! Müsste nicht auch der Wellmann hier sein?“ Der große alte Mann mit dem vollen weißen Haar und den stahlblauen Augen nickte nur kurz.

Als Gesken aus dem Hotelzimmer trat, wurde sie fast von Wellmann über den Haufen gerannt. Der Fotograf wirkte mit der großen Fototasche, die er bei sich hatte, wie eine kleine Kugel, die von dem Gewicht der Utensilien, die sie mit sich führte, angetrieben wurde.

Gesken ließ den Poliezeifotografen an sich vorbei gehen und trat auf den Flur. „Meine Herrschaften, ich muss Sie bitten sich nicht aus Herrmannssiel zu entfernen, bis der Kollege Winkler sie einzeln einvernommen haben wird. Um es für Sie so bequem wie möglich zu machen, werden Sie im Verlauf des Vormittags im Büro des Hotels Ihre Aussagen machen können. Aber Sie können uns jetzt schon helfen. Wissen Sie, ob es von Frau Leuchteblau persönliche Aufzeichnungen gibt, und wo wir sie finden können, oder wer uns Auskunft darüber geben kann, ob es zum Beispiel ein Tagebuch gibt?“ Beredtes Schweigen war die Antwort. Und aus der Stille wuchs trotziger Widerwille, der von allen Seiten auf Gesken zukam.

Aber dann war eine leise Stimme zu hören. „F-F-FRau P-P-PAulsen! I-ich b-bin r-Ramona F-Fuchs. I-i-ich k-k-kann I-Ihnen helfen!“ Auch die Zimmertür von Frau Fuchs stand offen. Aber die kleine Frau hatte sich tief in den hinteren Teil des Raumes zurückgezogen. Gesken betrat das Zimmer und machte die Tür schnell hinter sich zu. Dabei achtete sie darauf, dass es ein sehr deutliches Geräusch war. Damit wurden ihre Kollegen und die Klassenkameraden von Frau Fuchs von dem ausgeschlossen, was Frau Fuchs Gesken zu sagen hatte.

Ramona Fuchs war das, was man gemeinhin als eine graue Maus bezeichnet. Sie hatte aschblondes Haar, farblose Augen und eine blasse Hautfarbe. Gesken hatte den Eindruck als spürte die Frau mehr, dass die Tür zugemacht worden war, als dass sie es gehört hatte. Ramona Fuchs wischte sich die Augen und atmete mehrfach tief ein und aus, um sich zu sammeln, und damit sich die Erleichterung, die sie darüber empfand mit Gesken allein sprechen zu können, in ihr möglichst gut ausbreiten konnte. Gesken kam auf sie zu und nahm ihre kleine, weiche Hand im ihre große, raue und hielt sie fest, aber so, dass Ramona Fuchs ihre Hand jeder Zeit ganz einfach hätte wegnehmen können.

„Frau Fuchs, wie Sie gehört haben, bin ich Gesken Paulsen und ermittle im Todesfall Ihrer Freundin. Sie können mir jetzt alles sagen, was Sie wissen, und was Sie mir sagen wollen!“ „Viel sagen will ich nicht, ähm, kann ich nicht. Da bin ich nicht gut drin. Aber ich hab was für Sie, was Ihnen hilft, die Bylle selbst kennenzulernen. Die Bylle zog einmal im Jahr persönliche Bilanz, wie sie das nannte, immer am Tag unserer Einschulung, am 08. August. Und das hat sie mir immer gegeben, auf einem USB-Stick.“ „Die Bylle hatte also die Angewohnheit einmal im Jahr aufzuschreiben was sie erlebt hat?“ „Sie hat jedes Mal erst das bearbeitet, was schon da war und dann, wenn sie es für nötig hielt, was dazu gefügt.“

Gesken war verblüfft. So etwas machte sie auch. Aber sie legte immer am  02. Januar ihre jährliche Rechenschaft ab. Am 02. Januar 1969 war sie zu ihren Adoptiveltern Emma und Hein Paulsen auf den Hof gekommen und hatte am 02 Januar 1984, etwas mehr als eine Woche nach ihrem 18. Geburtstag entschieden diesen Tag als ihren Zweitgeburtstag und Rechenschaftstag zu begehen.

Ramona Fuchs räusperte sich. „Auf dem Stick sind auch Bylles Testament und die anderen Verfügungen und die Liste der Leute, an die Sie sich wenden können!“ Ramona Fuchs machte ihre Hand los und ging zum Nachtschränkchen. Sie zog die oberste Schublade auf, nahm den USB-Stick, den Gesken mit einem kurzen Dank entgegen nahm. „Und vergessen Sie bitte nicht, sich an Bylles Krankenkasse zu wenden und zu klären, was mit der Bläss passieren soll.“ „Aber selbstverständlich doch! Ich werde dafür sorgen, dass die Bläss einen schönen, vorgezogenen Ruhestand erleben darf!“, erwiderte Gesken lächelnd.

Als Gesken aus dem Zimmer getreten war, blieb sie einen Augenblick im Flur stehen, um sich zu sammeln. „Und – ist die Ramona einmal in ihrem Leben wirklich mal wichtig gewesen?“, stichelte der dicke Prinz. Darauf reagierte Gesken nicht. Sie holte tief Luft und sagte: „Dass jeder seine Aussage machen muss, habe ich Ihnen ja schon gesagt. Aber es spricht nichts dagegen, nicht dem Wunsch des Herrn von Hohlberg zu entsprechen, mit dem Sie wohl alle einverstanden sind. Schließlich hat ihm niemand widersprochen. Wir treffen uns um vier im Speisezimmer des Hotels. Und dann lassen wir Sibylle Leuchteblau selbst ausführlich zu Wort kommen. Denn von ihr selbst werden wir wohl am ehesten erfahren, ob ihr Todesfall ein Selbstmord war oder nicht. Und wenn es dann noch was zu reden gibt, reden wir.“

Der dicke Prinz und alle anderen, die in den Türrahmen ihrer Zimmer standen, hatten plötzlich eine Ahnung, dass das, was Gesken gesagt hatte eine Finte sein könnte. Aber sie bekamen den losen, dünnen Faden, der ihr Verdacht war, nicht zu fassen. Das ließ Gesken nicht zu. Sie drehte sich noch einmal zum Flur um und erklärte: „Das wir uns ganz klar verstehen. Jeder kann kommen. Aber niemand muss dabei sein!“

Und dann ging Gesken mit ruhigen Schritten auf Bläss zu. Und dabei geschah etwas, was ihre Kollegen schon häufiger erlebt hatten, was sie nicht verstehen konnten, was so unglaublich war, dass sie es bestaunten wie ein Wunder. Sie hatten miterlebt wie Gesken mit Kindern umging und dabei wie ein Kind gewesen war. Sie hatten miterlebt, wie sie sich mit alten Menschen unterhalten hatte und wie sie dabei genauso alt gewesen zu sein schien wie die alten Leute. Und jetzt ging sie auf Bläss zu, und obwohl sie auf ihren beiden Beinen nach Menschenart aufrecht ging und mit ihrer menschlichen Stimme sprach, war sie doch wie ein Arbeitshund war, der sich einem anderen Arbeitshund widmete.

2Bläss, Bläss, steh auf!“, sagte sie ruhig. Und so langsam wie Bläss aufstand, bewegte Gesken ihre Hand auf sie zu, damit die Hündin sie beschnuppern konnte.

„Komm mit, Bläss!“, sagte Gesken drehte sich um, um mit dem Hund das Zimmer zu verlassen. Und Bläss ging mit. Sie ging zögernd neben Gesken her. Ihre Ohren ließ sie traurig hängen. Aber sie ging mit der neuen, großen Herrin aus dem Zimmer, ein Stück den Flur entlang ins Treppenhaus, die Treppe herunter und bis zur Tür der Wohnung der Hotelbesitzerin, an der Gesken klingelte.

Die Wohnungstür wurde sofort geöffnet. Und Gesken stand einer großen, alten Frau mit vollem, weißem  Haar gegenüber, das sie zu einem Bauernzopf geflochten trug.

„Moin, Gesken Paulsen, Kriminalpolizei!“

„Moin, Bente Piepenbrink!“

Und einen langen Augenblick sahen sich die beiden Frauen in die blauen Augen und stellten dabei fest, dass die jeweils andere keineswegs blauäugig war, dass sie aus dem selben Holz geschnitzt waren und miteinander sehr gut auskommen würden, was auch geschehen sollte.

Frau Piepenbrink zeigte schließlich auf die Tür zu ihrer Privatküche. „Einen Friesengeist?“ „Wenn die Arbeit getan ist, gern!“ Und beide lächelten sich an.

Damit Bente Piepenbrink gar nicht erst damit anfing, sich Sorgen um ihre zeugenschaftliche Einvernahme zu machen, sagte Gesken: „Der Kollege Winkler macht die zeugenschaftlichen Einvernahmen. Und es wäre gut, wenn Sie ihm dafür ein Büro oder Zimmer zur Verfügung stellen könnten.“ „Er kann mein Büro haben dafür!“, sagte die sehr tiefe Stimme der Hotelbesitzerin. „Und ich brauche ein Zimmer, viel Kaffee, ordentlich was zu beißen und was für die Bläss!“ Diesmal nickte Frau Piepenbrink nur.

Die beiden Frauen und Bläss gingen zur Rezeption. Frau Piepenbrink legte Gesken eine Anmeldung auf den Tresen und gab ihr einen Schlüssel. „Die 212 ist noch frei. Das ist direkt über dem Zimmer, in dem die Bylle, ähm, die Frau Leuchteblau gewohnt hat. Die Frau Leuchteblau und die Frau Fuchs kamen seit vielen Jahren zweimal im Jahr zu uns. Und die Bylle kam manchmal am Wochenende aus Hamburg und hat bei uns im Speisesaal und im Gemeindehaus Konzerte gegeben. Aber zu diesem Treffen wollte sie eigentlich nicht kommen. Sie wollte nächsten Dienstag ins Krankenhaus gehen, um sich die Polypen herausnehmen zu lassen. „Es tut mir leid, Bente, dass ich Deine gute Küche nicht richtig genießen kann, weil ich nicht riechen kann!“, hat sie gesagt, als sie gestern Nachmittag da stand, wo sie jetzt stehen.“ „Wer wusste darüber Bescheid, dass sie dieses Problem hatte?“ „Alle wussten das. Diese Albertine Kohlmeier, die das Treffen organisiert hat, hat das überall ‚rumposaunt, warum die Frau Leuchteblau nicht kommen wollte, wie unmöglich sie das findet, und wie sie sie überzeugt hat, doch zu kommen.“

Gesken unterschrieb das Anmeldeformular und steckte den Zimmerschlüssel in ihre Hosentasche. Bente Piepenbrink beugte sich vor und machte eine Handbewegung in Geskens Richtung. Und die Polizeibeamtin, die schon hatte gehen wollen, hielt inne. „Ich hätte besser aufpassen sollen, als die Kohlmeiers, das Ehepaar von Hohlberg und die Bylle im kleinen Salon Amaretto getrunken haben. Das Fest sollte ja erst heute Abend stattfinden. Im Moment führe ich das Hotel ja allein. Mein Mann ist im Mai ja plötzlich verstorben. Und mein Sohn und meine Schwiegertochter wollen erst Anfang nächsten Jahres übernehmen.“ „Wann machen Sie ganz zu?“ „Am 01. September!“ „Wer hat den Amaretto bestellt und bezahlt.“ „Bestellt hat Albertine Kohlmeier. Und die drei Flaschen stehen auf der Rechnung von der Bylle.“ „So was habe ich mir gedacht. So sind die Rollen klar verteilt in einer Schicksalsgemeinschaft!“, dachte Gesken. Es war alles gesagt. Aber es war noch nicht alles getan. Und Gesken schenkte Frau Piepenbrink einen langen, tröstenden Blick, um Schuldgefühlen und Selbstzweifeln, die der Frau gekommen waren, oder die noch in einem seelischen Hinterhalt lauerten, etwas entgegenzusetzen, und um ihrem Beileid bezogen auf Frau Piepenbrinks persönlichen Verlust Ausdruck zu geben. Dann wandte sie sich mit einem kurzen Gruß ab und ging mit Bläss, die nicht von ihrer Seite wich, aus dem Hotel, um ein paar Sachen aus ihrem Auto zu holen.

 

Dr. Jan Wilhelmsen stand mit einer Ledermappe unter dem linken Arm bei seinem roten Kombi und ließ den Eingang des Hotels nicht aus den Augen. Als er sah, dass Gesken und Bläss heraus kamen, ging er auf Geskens Auto zu und wartete geduldig am Heck des Wagens auf sie.

„Warum bist Du noch hier?“, fragte sie. Wilhelmsen hielt ihr die Ledermappe hin und sagte: „Ich hab auf Dich gewartet. Ich hab  was für Dich, was Dir sehr helfen wird, Sibylle Leuchteblau alias Euterpe Leonberger höchst persönlich kennenzulernen. In dem Etui sind alle Aufnahmen, die Euterpe Leonberger jemals als Jazzpianistin und Flötistin gemacht hat. Ich habe die Sticks nummeriert, sodass Du ihr musikalisches Schaffen vom Anfang bis zum Ende verfolgen kannst.“

„Ich verstehe nichts von Musik!“ Er lächelte. „Du hast gute Ohren, Herz und Verstand, bist aufgeschlossen. Das ist mehr als genug, um sich von dieser Musik verzaubern zu lassen und das Wichtigste über Sibylle Leuchteblau und Euterpe Leonberger verstehen zu können. – Ach, ja, wenn du richtig viel davon haben möchtest, setzt Du Dich hin, ziehst Dir den Kopfhörer auf und hörst erst mal einfach nur zu, bevor Du irgendetwas anderes machst!“ Und Wilhelmsen zwinkerte ihr mit einem verschmitzten Lächeln zu.

Dr. Jan Wilhelmsen war ein Musikfan und -kenner. Das wusste jeder, der ihn kannte. Und Gesken fühlte sich geehrt, dass er ihr einen Teil seiner Musiksammlung anvertraute, auch wenn es nur für wenige Stunden war. „Bist Du ein Fan?“ er nickte. „Hast Du jemals mit ihr persönlich gesprochen?“, er nickte abermals. „Sie kam jedes Jahr in unseren Jazzclub. Denn bei uns hatte sie ihre ersten Erfolge. Ihr Auftritt bei uns war immer am dritten Samstag im August. Und ich wusste, dass sie diesmal ihren Auftritt auf den dritten Samstag im September verschoben hatte, weil sie in der nächsten Woche eine Polypenop vornehmen lassen musste. Das ist, wie es häufig vorkommt, die Folge einer Nebenhöhlenentzündung.“

Es war überflüssig Jan Wilhelmsen zu fragen, warum er von alledem im Hotelzimmer nichts gesagt hatte. Es war unnötig gewesen darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Und es wäre peinlich gewesen, wie Wilhelmsens Freude an Musik und freundliche Gespräche in einem Jazzclub Wissmanns Phantasie in Gang gesetzt hätte bis daraus wohl ein heißes Liebesverhältnis geworden wäre, das Wilhelmsen angeblich befangen gemacht hätte. „Und ich werde vorsichtshalber die Ergebnisse meiner Untersuchungen von einem Kollegen gegenprüfen lassen!“, sagte Jan Wilhelmsen schließlich und zwinkerte Gesken zu.

Gesken bedankte sich für die Sticks und bat den Pathologen: „Kannst Du bitte auch um vier Uhr hier sein!“ ER nickte, nachdem er kurz auf seine Armbanduhr gesehen hatte. „Bis dahin werde ich wohl schon die wichtigsten Ergebnisse haben! Ich sag dann mal viel erfolg und bis nachher!“ Dann wandte er sich winkend ab, stieg in seinen Kombi und fuhr zum gerichtsmedizinischen Institut. Bläss sah dem Mann, der genauso groß war wie Gesken und ihre verstorbene Besitzerin wehmütig nach. Gesken beugte sich zu ihr herunter, kraulte sie im Nacken und an den Ohren und sagte beruhigend: „Ach, ja, Du kennst ihn auch. der kommt wieder. Und er hilft uns ganz bestimmt.“

Gesken packte ein paar Sachen zusammen und ging in Zimmer 212. Dort fand sie eine große Thermoskanne Kaffee und belegte Brote für sich und für Bläss stand frisches Wasser da und an der Garderobe hing ein Stoffsack mit Leckereien für sie. Gesken stellte ihren Laptop und die kleine Stereoanlage auf, die sie mitgebracht hatte. Dann nahm sie einen Stick aus der Ledermappe von Dr. Jan Wilhelmsen, setzte sich den Kopfhörer auf und hörte die Sonate für Klavier und Flöte Köchelverzeichnis 13 und das Konzert für Flöte und Harfe ebenfalls von Wolfgang Amadeus Mozart. Sie entspannte sich sofort, als die Musik begann. Zunächst sah sie nichts. Aber plötzlich sah sie die Muse Euterpe vor nachtblauem Hintergrund aber nicht mit ihrer Doppelflöte, sondern mit einer Querflöte. Und obwohl sie erwartet hatte, Sibylle Leuchteblau und Szenen aus ihrem schöpferischen Leben zu sehen, während sie die Musik hörte, war sie keineswegs enttäuscht von dem, was sie sah. Denn das Bild war absolut stimmig und harmonierte mit dem Flötenspiel, das Gesken hörte. Doch das, was sie hörte und sah, war nicht nur stimmig. Es gab Gesken auch Kraft und beflügelte sie. ab und zu schlich sich jedoch ein leises Gefühl von Scham darüber an Gesken heran, dass sie diese bezaubernde Gestalt und nicht Bylle Leuchteblau sah, die diese zauberhafte Musik spielte. Aber jedes Mal, wenn sie dachte: „Als ob sie es immer noch nicht Wert wäre, dass man sie sieht!“, wischte die Frau mit den Sternenaugen diesen Gedanken mit einer kurzen Handbewegung weg. Und das wunderbare Gefühl geerdet und doch auch im Himmel zu schweben, stellte sich augenblicklich wieder ein.

So nahm sie nach einer halben Stunde den Kopfhörer ab, stellte die musik leiser, zog den Stecker des Kopfhörers aus der Bugse und schaltete ihren Laptop ein. Als sie die Datei Euterpe Leonberger auf dem Stick gefunden und geöffnet hatte, erkannte sie, dass diese Datei die persönliche Bilanz von Sibylle Leuchteblau enthielt, die in der dritten Person singular verfasst war. Gesken schloss ihren mobilen Drucker an den Laptop an und druckte das gesamte Dokument aus. Danach legte sie eine Datei an, die sie einem Impuls folgend stille Bylle nannte und schrieb zunächst, um sich zu sammeln, folgenden Zeilen: „Wir Musen gehen wie eh und je mit der Zeit. Und wie eh und je küssen wir nicht. Wir sind einfach da für die, die wir unter unsere Fittiche nehmen. Wir tun nicht mehr als dafür Sorge zu tragen, dass diejenigen, für die wir da sind, alles bekommen, was sie benötigen, um das zu schaffen, was sie schaffen können. Und für die ganz Schüchternen zeigen wir uns auch als Stellvertreterinnen. Wir waren und sind natürlich nicht nur für die Männer da, die Kunst schaffen, sondern auch für die Frauen, obwohl uns bei den Frauen die Verhältnisse die Arbeit oft immer noch besonders schwer machen. Wir liebenj, was wir tun. Und es erfüllt uns so gut wie möglich Räume und Zeiten so zu gestalten, dass Menschen schaffen können, was in ihnen steckt, was ihnen am Herzen liegt und ihrem Schöpfergeist entspricht. Es war ein reines Vergnügen für Bylle da zu sein, sie in gewisser Weise zu vertreten und ihr den Freiraum zu schaffen, damit sie mit sich selbst ins Reine kommen konnte. Für Prosa bin ich offiziell eigentlich nicht zuständig, sondern für die Liebeslyrik. Aber um die Liebe ging es immer, um die Liebe zur Musik, zu sich selbst, zum Leben etc. Und sie war aufrichtig dankbar. Das ist selten und tut mir gut.“ Dann bearbeitete sie ruhigen Gewissens unter Federführung von Euterpe mit der Querflöte, was auf den Seiten zu lesen war.  Als Gesken zu arbeiten begann, sah sie Euterpe nicht mehr mit der Querflöte in der Hand vor nachtblauem Hintergrund, sondern in einem der beiden Sessel sitzend mit der Querflötentasche auf dem Schoß in Gesellschaft eines Leonbergers, der zu ihren Füßen lag sich aber bald erhob und sich neben Bläss legte. Obwohl Gesken zunächst nicht verstand, was es mit dem Leonberger und Euterpe auf sich hatte, spürte sie, dass alles in Ordnung war. Und so arbeitete sie bis sechs Uhr nur mit ganz kurzen Pausen, in denen sie einen Schluck Kaffee trank und einen Moment lang der Musik lauschte.

Um sechs machte sie eine längere Pause, versorgte Bläss mit frischem Wasser und Futter, duschte sich, aß und trank selbst etwas und machte mit der Hündin einen ausgiebigen Spaziergang, bevor sie sich erfrischt wieder an die Arbeit machte.

Schließlich hatte Gesken den gesamten Text durchgearbeitet und druckte das Dokument stille Bylle in DIN a5 aus, lochte die Seiten und heftete sie in einem blauen Ringordner ab. Sie legte eine Sicherheitskopie von stille Bylle auf einem ihrer eigenen USB-Sticks an, fuhr den Computer herunter, packte ihre Sachen zusammen und verließ mit Bläss das Hotelzimmer und machte, nachdem sie die Sachen in ihr Auto gebracht hatte, mit der Hündin einen weiteren Spaziergang, der auch ihr besonders gut tat.

Es war genau viertel nach zwei, als Gesken das Büro von Bente Piepenbrink betrat, den kleinen Ringordner unter dem Arm. Alle Kollegen waren bereits versammelt. Auch Jan Wilhelmsen war da. Er kam direkt auf sie zu und zeigte ihr eine Postkarte, auf deren Rückseite Euterpe mit der Querflöte vor nachtblauem Hintergrund zu sehen war. Gesken sagte nichts nickte ihm aber lächelnd zu.

Gesken sah sich die aktuelle Aktenlage an. Der vorläufige Befund des gerichtsmedizinischen Instituts endete mit der Anmerkung, dass weitere Ermittlungen empfohlen wurden, da fremdverschulden keineswegs auszuschließen war. Wilhelmsen erklärte, dass er die Erstellung eines Zweitgutachtens veranlasst hatte. Gesken ging davon aus, dass er den Kollegen bereits mitgeteilt hatte, dass ihm die Tote nicht unbekannt war.

Die Protokolle der zeugenschaftlichen Einvernahmen waren wie Gesken es erwartet hatte. Niemand hatte eine Veränderung in Sibylles Verhalten bemerkt. Von der bevorstehenden Nasenop hatten alle gewusst, der Streit zwischen Sibylle und Albertine Kohlmeier war beigelegt, nachdem Bylle sich doch dazu entschieden hatte, zum Klassentreffen zu kommen. Vor allem Albertine, der dicke Prinz und die alte Lehrerin Frau Karoline Gerhards waren davon überzeugt, dass die Bylle Selbstmord begangen hatte. Und sie hatten wortreich wiederholt, warum sie davon so überzeugt waren.

Als Gesken die Besprechung beendet hatte, blieben sie, Winkler und Jan Wilhelmsen im Büro zurück. „ich will, dass ihr folgende Personen bei unserem Treffen genau beobachtet. Du, Leo, Du nimmst Dir die alte Lehrerin und ihre Begleitung und den dicken Prinzen vor. Und Du, Jan, guckst, was die Frau des Prinzen und das Ehepaar Kohlmeier macht, in Ordnung?“ Beide Männer nickten. „Weißt Du mehr?“, wollte Winkler wissen. „Neei, wissen tu ich noch goar nix. Aber ick hep doo ‚ne Ohnung!“

 

Als Gesken die Tür aufstieß, setzte der Westminsterschlag der Standuhr im Speisezimmer ein. Es war genau vier Uhr. Und alle waren gekommen, die Kollegen, die Mitschüler von Bylle, die alte Lehrerin, mit denen sie zum ersten Mal im Sommer des Jahres 1978 hierher gekommen waren und die sehenden Begleiter. Bläss hatte Gesken nicht mitgebracht. Die Hündin war bei Bente junior, der siebenjährigen Enkelin von Frau Piepenbrink. Gesken wollte einfach nicht, dass die treue Seele, die langsam damit begann sich etwas von dem Verlust ihrer Besitzerin zu erholen, über mehrere Stunden mit Leuten wie dem dicken Prinzen, die sie nicht leiden konnten, zusammen sein musste. Und das Kind und die Hündin kannten einander doch recht gut.

Während Gesken den Gang zwischen den beiden Tischreihen entlang ging, befiel sie das Gefühl unfähig zu sein wie immer, wenn sie vor einer größeren Gruppe sprechen sollte. Um diesem Gefühl und der Unsicherheit, die daraus folgen musste, etwas entgegenzusetzen, konzentrierte sie sich auf die Stimmung, die im Speiseraum herrschte. Nicht nur, dass niemand zu bemerken schien, wie viel Unbehagen sie empfand, und dass Unsicherheit in ihr aufkeimen wollte. Mehr noch, alle Anwesenden vermittelten ihr den Eindruck, dass sie unverschämt selbstsicher und gekonnt auftreten würde. So schnappte sie den Blick von Frau Baumanns auf, die die Begleiterin der alten Lehrerin Frau Karoline Gerhards war, der empört fragte: „Wie kann man bei so was so ruhig und selbstbewusst daher kommen?“

Frau Piepenbrink hatte ein Stehpult für Gesken hingestellt, wie sie es sich gewünscht hatte. Und endlich erreichte sie das Pult, legte den Ordner mit den Aufzeichnungen über Sibylle Leuchteblau auf der oberen Platte ab, hielt einen Augenblick inne, um einen Moment lang die Erleichterung zu genießen und wirken zu lassen, dass sie sich der Situation im wahrsten Wortsinn stellen konnte. Und auch die Stereoanlage stand bereit, damit Gesken ab und zu eine Pause machen konnte, in der Musik von Sibylle Leuchteblau alias Euterpe Leonberger erklingen konnte.

Der dicke Prinz saß Gesken am Nächsten, er schaukelte auf seinem Stuhl hin und her, hatte eine Tasse Kaffee und ein Stück Pflaumenkuchen vor sich stehen und ihm dauerte die Zeit, die Gesken brauchte, um sich zu sammeln zu lange. Also maulte er: „Warum fangen Sie nicht endlich an? War wohl überhaupt nicht interessant und ergiebig, was Sie da gefunden haben? Geben Sie es doch endlich zu. Dann erzählen wir Ihnen eben, was so Sache war. Und der Drops ist bald gelutscht!“ Obwohl Gesken ursprünglich überhaupt nicht vorgehabt hatte, irgendeine Erklärung zur Einleitung abzugeben, entschied sie sich spontan  dazu direkt auf die Worte von Herrn von Hohlberg zu reagieren.

„Moin, zusammen! Herr von Hohlberg ich muss Sie enttäuschen. Dass ich die Musik von Euterpe Leonberger alias Sibylle Leuchteblau gehört und ihre persönliche Bilanz gelesen und bearbeitet habe, war für mich persönlich und allgemein noch viel interessanter und aufschlussreicher, als ich zu hoffen gewagt hatte. Und ich befürchte, Sie werden alle überrascht sein von dem, was Sie über Bylle erfahren.“ Gesken sah nacheinander alle Personen im Speiseraum an. Sie sah viele enttäuschte Gesichter. Nur Ramona Fuchs, Jan Wilhelmsen und Bente Piepenbrink lächelten. Und das Lächeln machte ihr Mut. Und sie schaffte es nicht wieder den dicken Prinzen anzusehen, der selbstgefällig schaukelnd auf seinem Platz saß und dabei platzgreifend, wichtigtuerisch und aufdringlich war. Und als Gesken auf die schwarzen Buchstaben auf dem Titelblatt, das sie für das Dokument erstellt hatte, blickte, stellte sich augenblicklich das gute Gefühl, die Seelenverwandtschaft zwischen Bylle und ihr wieder ein. Und dieses gute Gefühl, das Gesken während der gesamten Zeit, als sie in ihrem Hotelzimmer die Musik von Sibylle Leuchteblau gehört und die aktuelle Bilanz von Euterpe Leonberger gelesen und bearbeitet hatte, hatte sie in der vergangenen Nacht am Vormittag und am Nachmittag nicht verlassen. Und wenn es ihr nur gelang vollkommen bei sich und dem, was sie tat zu bleiben, wäre es ihr möglich diese Seelenverwandtschaft den ganzen Nachmittag zu spüren und die Kraft zu bekommen, die sie brauchte, um sich vor all diesen Menschen mit all ihren Erwartungen zu behaupten. Sie schaffte es. Und daher merkte sie gar nicht, wie alle, die im Speiseraum des Viermasters zusammengekommen waren, in den Bann von Sibylle Leuchteblaus Leben und die Erzählung von Euterpe Leonberger gezogen wurden. Wie angemessen Gesken gehandelt hatte, indem sie die Musik von Euterpe Leonberger hörend die persönliche Bilanz über Sibylle Leuchteblau  in eine neue Form gebracht und zu guter Letzt die Gedanken über Euterpe Leonberger vorangestellt hatte, um alles ruhig am Pult stehend vorzutragen, begriff Gesken erst, als sie genau einen Tag später mit Jan Wilhelmsen bei Kaffee und Streuselkuchen mit frischen Pflaumen von Frau Piepenbrink noch einmal über den Fall und Bylles Leben und Werk sprach.

„Den 08. August machte Sibylle Leuchteblau zu ihrem Lernngeburtstag. Denn der 08. August 1972 war der Tag ihrer Einschulung. Zum Lerngeburtstag machte sie dieses Datum aber erst einen tag später, an einem Mittwoch, der wie alle Tage in der Blindenschule ein zwiespältiger Tag gewesen war. Die Schulstunden waren interessant und deshalb in Ordnung. Aber die Zeit, die den Unterricht umgab, war auf unterschiedliche Arten schrecklich. Beim Essen war es besonders schlimm. Denn Bylle aß wenig und langsam und wurde deshalb von den Erzieherinnen ständig gerüft und von Albertine und Flora verspottet. „du kannst nicht mal ordentlich essen, langer Lulatsch!“

Bylle kam am 24. Dezember 1965 um 19.32 Uhr als viertes von sieben Kindern der Eheleute Hilde und Johann-Wilhelm Leuchteblau zur Welt. Bylle hörte immer wieder von Oma Amalie, die mit ihrem Sohn, der Schwiegertochter und den Kindern in einem Haus zusammenlebte: „Die Bylle kommt immer dazwischen. Das fing schon mit ihrer Geburt an. Sie wurde zwischen der Bescherung und dem Schnee geboren.“ Und es stimmte irgendwie. Markus, Paul und Agathe hatten ihre Weihnachtsgeschenke und ihr Abendessen bekommen, bevor Bylle geboren wure. Und um 19.34 begann es zu schneien. Von Hilde bekam Bylle von kleinauf etwas vollkommen anderes zu hören als von Oma Amalie. „Eigentlich kam die Bylle zu spät. Sie hätte am 18. Dezember geboren werden solln. aber dann hat sie sie alle überholt. Keine halbe Stunde hat es gedauert. Keine Geburt davor oder danach war so kurz.“ Das sagte Hilde immer wieder und wieder. Sie konnte oder wollte nicht anders sagen, dass sie die Langsamkeit, aus der heraus, Bylle dann auf der „Überholspur“ durchstartete, für das angeborene Lebensprinzip ihrer zweiten Tochter hielt. Und obwohl sie es vielleicht als ungewöhnlich empfand, gab es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass sie es als Störfaktor erlebte. Jedenfalls verlor sie nie vollkommen die Geduld mit Bylle. Und sie bekam häufig die Gelegenheit über eine plötzliche Veränderung von Bylle staunen zu dürfen. Sie staunte still aber oft genug blieb ihr Staunen nicht unbemerkt. Oma Amalie regte sich darüber auf. Und ihr Sohn tat erfolgreich so als ob es ihm nicht aufgefallen wäre. Er brauchte dann nur seine Mutter anzusehen.

Am Morgen des 25. Dezember betrachteten drei Erwachsene Bylle genau. Der erfahrenen Hebamme fiel auf wie still das Kind wach in seinem Bett lag, und dass es das rechte Auge nicht richtig öffnen und schließen konnte. Als sie das Auge genauer betrachtete, fiel ihr eine grünliche Verfärbung auf. Was sie veranlasste, den Arzt des staatlichen Krankenhauses zu informieren, weckte den Argwohn von Oma Amalie, die nachdem die Hebamme das Zimmer verlassen hatte, gemeinsam mit Johann-Wilhelm hereingekommen war und neben ihm stehend ihre jüngste Enkelin isnpizierte.

Was Amalie Leuchteblau dachte, war für den 52jährigen Johann-Wilhelm gesetz. Und es machte ihn unruhig, dass sie nicht sofort etwas sagte. Aber er traute sich nicht selbst etwas zu sagen.

Schließlich hatte sich Amalie von dem Kinderbett ab und ihrem Sohn zugewendet und zwar so abrupt, dass er auf sie aufmerksam werden musste. „Auch dat noch!“, hatte sie gesagt, unterbrach sich, wie sie es oft tat, scheinbar selbst, sodass die Pause, die sie machte, wie scharfes Bremsen bei einer Autofahrt war, das einen Schrecken verursacht. Und auch diesmal gelang es ihr wie so oft so zu tun als habe sie sich selbst auch erschreckt.

So entstand wieder eine Pause. Und dann sagte Amalie sehr langsam, sehr deutlich und im reinsten Hochdeutsch: „Das hat uns gerade noch gefehlt. Mit der stimmt was nicht. – Und lass dir nicht einfallen, ihr einen Namen zu geben, der nach Christus klingt, weil sie am heiligen Abend geboren ist. Das ist eine Sibylle!“

Da Amalie wusste, dass Johann-Wilhelm manchmal in menschlichen dingen begriffsstutzig war und Bewegung meist dagegen half, fasste sie ihren Sohn am Arm und ging mit ihm aus dem Zimmer und den langen Flur entlang, bis er sich so weit gefasst hatte, dass er fragen konnte: „Was ist die?“ „Sie ist eine Sibylle. Die Sibyllen kennst du doch aus den Märchen und Legenden von den alten Griechen. Die haben Unheil bei sich und verkünden es auch ungefragt.“

Er verstand, was seine Mutter gesagt hatte. Und so meldete er am 27. Dezember 1965 die Geburt seiner Tochter Sibylle Leuchteblau beim Standesamt an. Hilde wurde nicht gefragt, ob sie mit dem Namen einverstanden war. Aber Hilde war mit dem Namen Sibylle einverstanden, und sie war auch schon daran gewöhnt, bei der Namenswahl der Kinder übergangen zu werden. Der einzige Name, der ihr zunächst missfiel, war Agathe. Denn Agathe war eine Schwester von Amalie, die sich bei ihren wenigen Besuchen noch herrschsüchtiger gab als Amalie.

Da der Arzt des kleinen staatlichen Krankenhauses sich selbst nicht dazu in der Lage sah, zu diagnostizieren, was mit dem rechten Auge nicht in Ordnung war, wurde Bylle am 28. Dezember in die nächste Augenklinik gebracht, nachdem sie in der Krankenhauskapelle notgetauft worden war. Am 03. Januar 1966 wurde Bylles rechte Auge entfernt. Und genau zehn Wochen später folgte die zweite Operation, bei der auch das linke Auge entnommen wurde. Insgesamt blieb Bylle ein Dreivierteljahr in der Klinik, zur Beovachtung, wie es hieß.

Bylle erholte sich gut und schnell von beiden Operationen. Und sie wuchs erstaunlich schnell. Hilde besuchte Bylle einen über den anderen Tag. Amalie regte sich jedes Mal auf, wenn sich Hilde auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Denn sie befürchtete, dass ihre Schwiegertochter ihre Arbeit auf dem Hof und im Haus vernachlässigen würde. Markus, Paul und Agathe blieben jeden zweiten Nachmittag bei der Nachbarin, die ebenfalls vier Kinder hatte oder gingen zu Marille, die eine Großtante väterlicherseits war. Obwohl Agathe wie Markus und Paul gern mit den Nachbarskindern spielten oder bei Marille waren, behauptete sie später immer mit Leidensmiene: „Die Mama hatte nie für uns Zeit, hat uns immer abgeschoben nicht nur, wenn was mit der Bylle war.“

Als Bylle sieben Monate alt war, sich das Kind gut entwickelte und sich aufsetzte, wenn sie kam, beschlich Hilde der Verdacht, dass die Leute im Krankenhaus sie wie ihre Schwiegermutter nicht für eine gute Mutter hielten, die mit ihrem blinden Kind überfordert sein müsste, seine Bedürfnisse nicht erkannte und außer Stande sein würde, es zu fördern. Und man sagte ihr immer wider, dass man die Entwicklung des Kindes noch etwas beobachten wolle.

Zwei Monate später durfte Hilde Bylle endlich mithnehmen. Aber die Saat des Misstrauens, das ihr neun Monate lang entgegengebracht worden war, war aufgegangen. Sie war unsicher, wie sie mit Bylle umgehen sollte. Und obwohl Bylle sechs Wochen später am ihrem Laufgitter stand und weitere sechs Wochen später daran entlang lief, verließ Hilde die Unsicherheit nie mehr der Erziehung von Bylle nicht gewachsen zu sein.

Es gab drei Hunde auf dem Hof, von denen zwei das Haus nicht betreten durften. Nur die alte Alma, ein Leonberger von dreizehn Jahren kam tagsüber ins Haus. Und als das Frühjahr 1967 kam, war es Alma, die nie von Bylles Seite wich, das Kind dazu brachte, sich den Garten, den Schuppen, die Garage mit dem Traktor darin, die Ställe und später auch die Umgebung des Hofes zu erobern. Und wann immer das Wetter es zuließ, waren Kind und Hund draußen unterwegs. Und das war auch gut so. Denn am Johannestag 1967 wurde Hildes fünftes Kind Johannes geboren. Und es beruhigte Hilde, wie gut Bylle mit Alma und sich selbst beschäftigt war. Bylle neigte nicht zur Eifersucht, nicht, als Johannes geboren wurde und auch nicht als im Februar 1969 Wolfgang und im Mai 1970 Bernd geboren wurden. Nur Paul und Agathe waren neidisch oder eifersüchtig auf alles und jeden.

Bylle war verständig und lernte geduldig. Aber sie sprach kaum. Als Bylle zwei Jahre alt war, kam ein Lehrer von der Blindenschule, um sie zu testen. Hilde erklärte ihr, dass Herr Winkler nur für sie gekommen war. Und tatsächlich beschäftigte er sich die ganze Zeit mit Bylle, die er direkt, nachdem er auf den Hof gefahren war, dazu aufforderte, den  Kofferraum seines Wagens zu durchstöbern, was Bylle unter den Augen von Herrn Winkler und Alma mit wachsender Begeisterung tat. Und bald vergaß sie Herrn Winkler und erzählte Alma von all den Dingen, die sie im Kofferraum des Autos fand, was sie kannte, was sie noch nicht kannte. Und als sie mit dem Baukasten zu spielen begann, hörte sie nicht auf mit Alma zu sprechen. Und zu guter Letzt befolgte sie die Aufforderung die Sachen wieder einzuräumen ohne murren.

Herr Winkler empfahl Hilde, sie sollte für Bylle einen Kindergartenplatz besorgen, was die Mutter auch sofort gegen den Widerstand ihrer Schwiegermutter, ihres Mannes und der katholischen Gemeinde, die den Kindergarten betrieb, auch tat. „Wer weiß, was ihr für Sünden begangen habt, dass ihr mit diesem Kind gestraft worden seid!“, hieß es von verschiedenen Mitgliedern des Gemeinderats. Das sagte niemand zu Hilde, sondern zu Johann-Wilhelm, der nichts erwiderte. Als jedoch Frau Schöffer, die ebenfalls im Gemeinderat saß und viel für die Gemeinde tat, erklärte, dass sie „alles hinschmeißen“ würde, wenn Bylle der Platz im Kindergarten verweigert würde, wurde Bylle aufgenommen und ging ab August 1969 in den Kindergarten. Und sie freundete sich mit Margarete, der Tochter von Frau Schöffer an, die viel mehr redete als Bylle, die den beiden Mädchen den Weg in die Bauecke bahnte, und mit der Bylle das Schuhebinden und vieles mehr lernte. Marga und Bylle schmusten und spielten miteinander, wann immer sie zusammen waren. So kam es manchmal auch vor, dass Hilde Bylle zu Frau Schöffer und Marga brachte. Aber auch diese enge Freundschaft änderte nichts daran, dass sich Bylle ganz oft in menschlicher Gesellschaft sehnlich wünschte einfach so verschwinden zu können, nicht mehr gehört, angefasst und erst recht nicht mehr gesehen werden zu können.

Alma hatte die Angewohnheit sich jeden Abend vor die Haustür zu legen. Und eines morgen, als Bylle ungefähr fünfeinhalb Jahre alt war, war sie nicht mehr da. Johann-Wilhelm ging mit den beiden anderen Hunden los, um sie zu suchen. Und er fand sie am Lieblingsplatz von Alma und Bylle, in einer moosbewachsenen Mulde zwischen vier Bäumen. Und Hilde hätte schwören können, dass ie am Abend zuvor beobachtet hatte, wie Bylle sich von Alma verabschiedet hatte und zzwar so als sei es für immer. Aber das sagte sie Bylle erst, als sie 40 Jahre später selbst im Sterben lag. Und Bylle hatte gesagt: „An diesen abend kann ich mich auch noch genau erinnern. Ich war traurig. Und die Alma hat den Kopf an mich gelegt und mir damit mitgeteilt, dass ich Geduld haben sool, und dass sie mir noch etwas zeigen wird. Und dann haben Papa, Treff und Pollux die Alma an unserem Lieblingsplatz gefunden. Und ich habe verstanden, dass Agathe unrecht hatte, wenn sie immer behauptete, dass Tiere nicht in den Himmel kommen.“

Und ein Jahr später lag Bylle in dem Schlafanzug mit den Eulen auf dem Oberteil im Bett in Zimmer eins von Gruppe eins, und sogar die großen Mädchen waren nicht mehr auf dem Flur zu hören und hatte beschlossen, dass der 08. August ihr Lerngeburtstag sein würde. Und sie war gar nicht von allen guten Geistern verlassen. ihr kam es nur so vor als ob die Lebenden im Dorf weiter von ihr entfernt waren als Alma und Elli, die liebenswürdige, alte Frau, die Tante Marille bis zu ihrem Tod gepflegt hatte, und die Bylle immer die Märchen erzählt hatte und nicht nur die, die Bylle von den Schallplatten kannte, die ihre Geschwister und sie von Bylles Patin, die in Düsseldorf lebte, geschenkt bekommen hatten. Es gab jedoch zwei Märchen, vor denen sie sich fürchtete. Ihr machte der Scheiterhaufen im Märchen Marienkind Angst. Und sie fürchtete sich vor den großen mengen von Lebensmitteln im Schlaraffenland. Wie oft hatte sie schon unter den Augen von Oma Amalie vor einem tiefen Teller mit Milchreis oder Brei sitzen müssen. Und jede Wurst, mit der sie es bisher hatte aufnehmen mmüssen, war zu lang oder zu dick gewesen.

Aber, wenn Bylle die alte Frau besucht hatte, hatte sie sich immer wünschen dürfen, welches Märchen sie hören wollte. Sehr oft wünschte sie sich das Märchen der Teufel mit den drei goldenen Haaren oder der gestiefelte Kater. und wenn Bylle allein im Stall auf dem Stroh lag oder im Moos bei den vier Bäumen, die im Viereck zusammen stande, dachte sie sich Geschichten aus. Aber das waren keine Märchen, obwohl sie nicht frei von Zauber waren und alle Tiere, die darin vorkamen sprechen konnten.

Und wenn Bylle daran dachte, wie es gewesen war, als Elli ihr am Tisch sitzend und später im Bett liegend ihre Lieblingsmärchen erzählt hatte, und was sie mit Alma erlebt hatte, schien das alles ganz lange her zu sein, war scheinbar unerreichbar weit weg, ging ihr aber undendlich nah, gab ihr Kraft und beflügelte ihre Gedanken, sodass sie Dinge erfand, die ihr halfen. Und ihr Lerngeburtstag war ihre erste nützliche Erfindung. Er war ein Meilenstein. Er war ein Orientierungspunkt. Und er war nur für Bylle allein da.

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