Aktuelles Projekt in Paulas Geschichtennetz

„Wer dem Tod eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“, dachte Gesken Paulsen. Sie wandte den Kopf langsam nach links und von der Toten ab. Doch der Gedanke, der ihr über den Tot in den Sinn gekommen war, änderte durch die Bewegung seine Richtung nicht und führte sie nicht an den Punkt, wo die Quelle, von der dieser Gedanke über den Tot stammte, gespeichert war.

Gesken registrierte, dass ihr Gedächtnis sie ausnahmsweise im Stich ließ. Aber anstatt sich darüber zu ärgern, schloss sie kurz die Augen, um sich zu sammeln, öffnete sie dann wieder und betrachtete das Zimmer, in dem die Tote gefunden worden war.

„Eine verdächtig ruhige Szene, eine verdammt ruhige Szene!“, dachte Gesken. Aber irgendetwas verhinderte, dass sie diese „verdammt ruhige Szene“ genau erfassen konnte.

Dass die Tote genauso alt war wie Gesken Paulsen und einige andere Fakten hatte ihr Heiko Wissmann mitgeteilt, noch bevor sie in den ersten Stock des Hotels gegangen war, um die Tote zu sehen. Als Gesken den Eingangsbereich des Viermasters betreten hatte, hatte sie Wissmann beobachtet, wie er wie ein Gockel auf und abstolzierte, um derjenige zu sein, der der Chefin die bereits bekannten Fakten präsentierte. Obwohl er begierig seine Informationen an sie loswerden wollte und auf sie wartete, hatte er sie zunächst nicht bemerkt. „Moin, Wissmann!“, hatte sie gesagt. Er stolzierte auf sie zu, plusterte sich noch mehr auf und sah seiner Chefin mit herablassendem Blick an, obwohl er zu ihr aufsehen musste. Denn er war fast 20 Zentimeter kleiner als sie. „Welche Fakten sind schon bekannt?“ Wissmann ärgerte sich, weil er wusste, dass sie bei jedem anderen Kollegen, „Was wissen wir schon?“, gefragt hätte. Doch er schaffte es großspurig da zu stehen und Zu verkünden: „Weibliche Leiche, 51 Jahre alt, ist mit einer Blindengruppe hier, die an diesem Wochenende hier ihren 45jährigen Einschulungstag feiern wollten. Die sind wohl hier, weil sie hier auch mal im Schullandheim gewesen sind. Sie ist Musikerin und Musikprofessorin in Hamburg, schreibt und übersetzt auch und das alles inzwischen sehr erfolgreich. Ihr Name ist, ähm, Sibylle, ähm, Sibylle, ach ja, Sibylle Leuchteblau, arbeitet aber unter einem Pseudonym. Das hab ich vergessen ist aber nicht wirklich wichtig! Sie wurde vermutlich vergiftet, vielleicht auch Selbstmord, wahrscheinlich Zyankali. Sie wurde tot in ihrem Zimmer gefunden!“

„Wie sind die Leute auf den Todesfall aufmerksam geworden?“

„Die hatte einen Köter, so ein Vieh, das sie geführt hat. Der hat irgendwie gepeilt, dass was nicht stimmt, hat gebellt, die Zimmertür aufgemacht, ist zu der Wirtin gerannt, die noch beim Aufräumen war. Und die hat sie dann gefunden.“

Als sie den Flur im ersten Stock betreten hatte, war Gesken sofort die ruhige und gefasste Stimmung aufgefallen, di von überall her auf sie zugekommen war. „Gute Arbeit, Winkler!“, hatte sie gedacht. „Moin, zusammen!“, hatte sie mit ihrer tiefen leicht rauen Stimme laut und deutlich gegrüßt, dass auch die Gäste, deren Zimmertüren alle offen gestanden hatten, sie hatten hören können Sollten sie doch neugierig sein, wie sie wollten. Solange ihr niemand im Weg war oder ihr die Ohren voll quatschte, war alles gut. – War alles gut oder zumindest so gut wie  möglich? – Als sich Gesken an die Situation erinnerte, kam ihr der Verdacht, dass die spezielle Rube, die in diesem Moment geherrscht hatte, dafür verantwortlich gewesen war, dass sie beim ersten Blick nichts erkannt und nur diesen Gedanken über den Tot eines Altersgenossen gehabt hatte. Denn die Ruhe um sie her troff derart von Neugier und der Herrschaft mancher Menschen aus der Gruppe der Gäste, dass es ungemein schwer war, zu bestimmten Aspekten der Realität und zu Sibylle Leuchteblau selbst durchzudringen.

„Warum sind Sie eigentlich so spät gekommen, Chefin?“, hatte Wissmann gefragt. Das Wort Chefin hatte er ihr förmlich vor die Füße gespuckt. Er war wütend auf sich selbst gewesen, da ihm der Tonfall, der eine eindeutigzweideutige Anspielung in die Frage gelegt hätte, nicht gelungen war. „Meine ältere Tochter hatte nach mehr als einem Jahr einen ihrer plötzlichen Anfälle von Muttersehnsucht. Da musste ich doch hin!“ Gesken hatte dann heftig den Kopf geschüttelt und damit die Gedanken an den Nobelfraß, die teuren Weine, das gezierte Imponiergebell der Mutter ihres Schwiegersohns und den lamorianten Fastmonolog ihrer Tochter Rikarda, den sie sich hatte nach dem Essen anhören müssen, abzuschütteln. Dann hatte sie Sibylle Leuchteblau sorgfältig und ruhig betrachtet und festgestellt, dass sie nicht nur im selben Alter gewesen war, sondern auch zur selben Größe aufgeschossen war wie Gesken selbst. „Bohnenstange, Storch im Salat, Kleiderständer, um nur die netteren Sachen zu sagen!“, hatte Gesken mit leicht bitterem Unterton in der Stimme gemurmelt.

„Schön, dass Sie solidarisch sind! Aber, was denken Sie über den Todesfall? Finden Sie nicht auch, dass das auch ein Selbstmord sein könnte?“ „Nein, das finde ich ganz und gar nicht. Das sieht aus als ob es sich eine Frau mit einem Schlumertrunk und einem Buch zum Abschluss eines Tages im Bett gemütlich machen wollte!“, erwiderte Gesken verwundert darüber, dass sie wohl doch schon mehr wahrgenommen und verstanden hatte, als sie gedacht hatte. „Dafür spricht auch, dass wir im Bad ihre Glasaugen in der Reinigungsflüssigkeit gefunden haben!“, hatte Richards eingewendet. Er war erst seit zwei Monaten bei der Kriminalpolizei. Und noch bevor Wissmann, gekränkt darüber, dass ein noch jüngerer Beamter als er selbst einer war, überhaupt etwas gesagt hatte, hatte der Gerichtsmediziner und enge Vertraute von Gesken, Dr. Jan Wilhelmsen, hinzugefügt: „Die Auffindesituation lässt einen Selbstmord sehr, sehr unwahrscheinlich erscheinen. – Nur ein größerer Schluck war nötig, um sie zu töten. Die Dosis muss also ziemlich hoch gewesen sein. Sie hatte einen längeren Todeskampf, hat sich übergeben müssen. Also war das Kaliumcyanid nicht mit einer Säurelösung versetzt, wie man es bei einem Selbstmord typischerweise macht, um den Todeskampf zu verkürzen. – Wie dem auch sei! Die Autopsie wird wohl Genaueres zeigen.“ „Und die Befassung mit dem Leben des Opfers auch!“, hatte Gesken gesagt. Und dann war ihr noch einmal der Gedanke in den Sinn gekommen: „Wer dem Tot eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“ Diesmal hatte Gesken den Gedanken offenbar ausgesprochen, denn Wilhelmsen hatte gemeint: „So ähnlich steht es in Bruder Cadfael und ein Leichnam zu viel als Hugh Beringer den Leichnam, der eben nicht zu den Hingerichteten gehört und in Beringers Alter ist, sieht.“ Gesken hatte ihm dankbar zugenickt und gelächelt.

Und als Gesken sich diesmal, immer noch im Türrahmen stehend, im Zimmer umsah, nahm sie endlich die Einzelheiten und das Gesamtbild genau wahr. Sie sah und roch, dass sich Sibylle Leuchteblau erbrochen hatte. Und die Haut war rosig verfärbt, was wie der Geruch nach Bittermandel ein deutlicheer Hinweis auf eine Cyanidvergiftung war. Sie sah das große Punktschriftbuch auf dem Bett, die leere Flasche und das noch fast volle Glas auf dem Nachttisch, rote Hausschuhe, wahrscheinlich in Größe 45. Gesken beruhigte sich vollkommen, da sie feststellen durfte, dass sie intuitiv die Situation gleich beim ersten Mal erfasst hatte, sodass sie richtig erkannt hatte. So war ihr Eindruck richtig gewesen, dass Sibylle Leuchteblau es sich einfach gemütlich hatte machen wollen.

Und dann sah Gesken den Hund, der am Fußende des Bettes auf einer Decke lag. Offensichtlich hatte noch niemand den schokobraunen Labradormix mit dem runden, weißen Fleck auf der Stirn wirklich bemerkt. Das Tier lag da, seine Augen waren geschlossen, es gab keinen Laut von sich, zuckte nur manchmal, da nichts, was lebt, absolut unbewegt sein kann. „Auch Hunde können vollkommen resignieren!“, dachte Gesken bei sich.

„Weiß jemand, was mit Blindenführhunden passiert, wenn ihr Besitzer stirbt?“, fragte Gesken. „Die Bläss können Sie gleich mit Ihrer Dienstwaffe abknallen. Die ist schon acht oder neun. Da wird nix mehr draus. Und die ist bestimmt verwöhnt bis über beide Ohren, so vernarrt wie die Bylle in die Köter war!“ Die Stimme des Mannes, die Gesken hinter sich hörte, wäre tief und angenehm gewesen, wenn der Mann nicht so undeutlich gesprochen hätte, die Pausen, die er zwischen den Worten machte, nicht so unnatürlich gesetzt hätte, und wenn er die Lautstärke nicht hätte auf- und abschwellen lassen, sodass es schwer bis unmöglich war, nicht zu beachten, wenn er sprach. Und so spürte Gesken seine Absicht jede Situation zu dominieren und seine Haltung, dass er es überhaupt nicht nötig hatte, ordentlich zu sprechen wie eine kalte Faust im Nacken. Wer etwas von ihm wissen wollte, musste sich gefälligst bemühen ihn zu verstehen. Gesken wandte sich um und ging auf ihn zu.

Der Mann war Anfang 50, sehr korpulent, ungefähr so groß wie Wissmann und trug einen teuren Jogginganzug. Als Gesken ihm gegenüber stand aber keine Anstalten machte, ihm die Hand zu geben, wich er einen Schritt zurück. Doch er redete einfach weiter: „Wenn man mich fragt, aber mich fragt ja wieder mal keiner, hat die Bylle Selbstmord begangen. – In mehr als 50 Jahren nie einen Kerl, der sie ordentlich durchzieht, nirgendwo richtig dazu gehören, zwar jede Menge Bildung und Geld aber immer einsam und eben immer noch das erbärmliche Landei wie eh und je. Da kann man schon auf Selbstmordgedanken kommen. Und die Weiber steigern sich in alles immer so ‚rein!“

„Moin, Gesken Paulsen! Und wer sind Sie?“ „Ich bin Bertram Ferdinand Prinz von Hohlberg, seit 11 Jahren der Leiter der Kanzlei von Hohlberg & Söhne. Ich berate und vertrete Firmen in allen wirtschaftlichen Belangen und im Arbeitsrecht!“ Das sagte er sehr deutlich, machte dann eine Pause und nuschelte schließlich: „Den Stallgeruch von so’nem Bauernhof kriegt man aus den Leuten eben nicht ‚raus!“ „Warum sollte man auch? Wenn wir auf Höfen ermittelt haben, war es oft nützlich, dass ich mich mit den Arbeitsabläufen gut auskannte!“ „Ist jetzt auch egal!“ knurrte er. „Die Sache mit der Bylle können Sie schnell und günstig für den Steuerzahler abschließen. Wir setzen uns alle zwei oder zweieinhalb Stündchen zusammen, und wir erzählen Ihnen, was bei der Bylle Sache war und dann werden Sie schon begreifen, dass es nur ein Selbstmord sein kann. Wir wissen Bescheid. Wir waren zusammen im Internat. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft!“

Es waren die Worte Schicksalsgemeinschaft und Bescheid wissen, die in Geskens Kopf eine leise aber deutlich hörbare Glocke anschlugen. Nicht nur, dass Gesken keine Lust auf Gerede über alte Zeiten und Interpretationen der aktuellen Lebenssituation von Sibylle Leuchteblau hatte. Was dabei bestenfalls herauskommen konnte, war eine wortreiche Allgemeinmeinung über die Verstorbene. Sie könnten die Leute wohl gegeneinander ausspielen, sich durch das Gerede zum Kern des Todesfalles durchwühlen. Aber was konnte bei all der Wichtigtuerei von Sibylle Leuchteblau und ihrer Geschichte übrig bleiben? Und dann nahm ein Plan in Gesken Gestalt an. Sie wollte möglichst viel von Sibylle Leuchteblau selbst wissen. Und in diesem Fall würde der Vorwurf nicht lauten können, dass sich die Ermittlungen ausschließlich oder doch zu sehr um den oder die Täter drehten. Gesken war sich vollkommen im Klaren draüber, dass sie sich durch das gemeinsame Alter, die Größe, die Herkunft und die Tierliebe mit Sibylle Leuchteblau verbunden fühlte. Sie schämte sich deshalb überhaupt nicht. Sie empfand nicht die geringsten Skrupel ihre Zuneigung zu Sibylle Leuchteblau auszuleben. Ihre Idee sich ausschließlich auf das Leben der Verstorbenen zu konzentrieren, sie möglichst gut kennenzulernen, um alle Anwesenden mit Dingen zu konfrontieren, die ihnen bislang nicht wichtig gewesen waren, die sie noch nicht kannten, machte Gesken freier und offener. Denn die meisten Menschen, die hier versammelt waren, versuchten Geskens Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und sie war fest entschlossen, sich das nicht weiter unwidersprochen gefallen zu lassen.

Gesken ging in das Zimmer zurück, in dem Sibylle Leuchteblau lag und verteilte die Arbeit auf die Kollegen. „Sagt mir sofort Bescheid, wenn ein Tagebuch, persönliche Briefe oder sogar ein Abschiedsbrief gefunden wird!“, sagte sie schließlich und wandte sich dann an Dr. Jan Wilhelmsen und sagte: „ich hab da noch ‚ne Kleinigkeit zu tun, dann kümmere ich mich um den Hund. Und wenn ich sie weggebracht habe, könnt ihr die Leiche wegbringen! Müsste nicht auch der Wellmann hier sein?“ Der große alte Mann mit dem vollen weißen Haar und den stahlblauen Augen nickte nur kurz.

Als Gesken aus dem Hotelzimmer trat, wurde sie fast von Wellmann über den Haufen gerannt. Der Fotograf wirkte mit der großen Fototasche, die er bei sich hatte, wie eine kleine Kugel, die von dem Gewicht der Utensilien, die sie mit sich führte, angetrieben wurde.

Gesken ließ den Poliezeifotografen an sich vorbei gehen und trat auf den Flur. „Meine Herrschaften, ich muss Sie bitten sich nicht aus Herrmannssiel zu entfernen, bis der Kollege Winkler sie einzeln einvernommen haben wird. Um es für Sie so bequem wie möglich zu machen, werden Sie im Verlauf des Vormittags im Büro des Hotels Ihre Aussagen machen können. Aber Sie können uns jetzt schon helfen. Wissen Sie, ob es von Frau Leuchteblau persönliche Aufzeichnungen gibt, und wo wir sie finden können, oder wer uns Auskunft darüber geben kann, ob es zum Beispiel ein Tagebuch gibt?“ Beredtes Schweigen war die Antwort. Und aus der Stille wuchs trotziger Widerwille, der von allen Seiten auf Gesken zukam.

Aber dann war eine leise Stimme zu hören. „F-F-FRau P-P-PAulsen! I-ich b-bin r-Ramona F-Fuchs. I-i-ich k-k-kann I-Ihnen helfen!“ Auch die Zimmertür von Frau Fuchs stand offen. Aber die kleine Frau hatte sich tief in den hinteren Teil des Raumes zurückgezogen. Gesken betrat das Zimmer und machte die Tür schnell hinter sich zu. Dabei achtete sie darauf, dass es ein sehr deutliches Geräusch war. Damit wurden ihre Kollegen und die Klassenkameraden von Frau Fuchs von dem ausgeschlossen, was Frau Fuchs Gesken zu sagen hatte.

Ramona Fuchs war das, was man gemeinhin als eine graue Maus bezeichnet. Sie hatte aschblondes Haar, farblose Augen und eine blasse Hautfarbe. Gesken hatte den Eindruck als spürte die Frau mehr, dass die Tür zugemacht worden war, als dass sie es gehört hatte. Ramona Fuchs wischte sich die Augen und atmete mehrfach tief ein und aus, um sich zu sammeln, und damit sich die Erleichterung, die sie darüber empfand mit Gesken allein sprechen zu können, in ihr möglichst gut ausbreiten konnte. Gesken kam auf sie zu und nahm ihre kleine, weiche Hand im ihre große, raue und hielt sie fest, aber so, dass Ramona Fuchs ihre Hand jeder Zeit ganz einfach hätte wegnehmen können.

„Frau Fuchs, wie Sie gehört haben, bin ich Gesken Paulsen und ermittle im Todesfall Ihrer Freundin. Sie können mir jetzt alles sagen, was Sie wissen, und was Sie mir sagen wollen!“ „Viel sagen will ich nicht, ähm, kann ich nicht. Da bin ich nicht gut drin. Aber ich hab was für Sie, was Ihnen hilft, die Bylle selbst kennenzulernen. Die Bylle zog einmal im Jahr persönliche Bilanz, wie sie das nannte, immer am Tag unserer Einschulung, am 08. August. Und das hat sie mir immer gegeben, auf einem USB-Stick.“ „Die Bylle hatte also die Angewohnheit einmal im Jahr aufzuschreiben was sie erlebt hat?“ „Sie hat jedes Mal erst das bearbeitet, was schon da war und dann, wenn sie es für nötig hielt, was dazu gefügt.“

Gesken war verblüfft. So etwas machte sie auch. Aber sie legte immer am  02. Januar ihre jährliche Rechenschaft ab. Am 02. Januar 1969 war sie zu ihren Adoptiveltern Emma und Hein Paulsen auf den Hof gekommen und hatte am 02 Januar 1984, etwas mehr als eine Woche nach ihrem 18. Geburtstag entschieden diesen Tag als ihren Zweitgeburtstag und Rechenschaftstag zu begehen.

Ramona Fuchs räusperte sich. „Auf dem Stick sind auch Bylles Testament und die anderen Verfügungen und die Liste der Leute, an die Sie sich wenden können!“ Ramona Fuchs machte ihre Hand los und hinkte zum Nachtschränkchen. Sie zog die oberste Schublade auf, nahm den USB-Stick, den Gesken mit einem kurzen Dank entgegen nahm. „Und vergessen Sie bitte nicht, sich an Bylles Krankenkasse zu wenden und zu klären, was mit der Bläss passieren soll.“ „Aber selbstverständlich doch! Ich werde dafür sorgen, dass die Bläss einen schönen, vorgezogenen Ruhestand erleben darf!“, erwiderte Gesken lächelnd.

Als Gesken aus dem Zimmer getreten war, blieb sie einen Augenblick im Flur stehen, um sich zu sammeln. „Und – ist die Ramona einmal in ihrem Leben wirklich mal wichtig gewesen?“, stichelte der dicke Prinz. Darauf reagierte Gesken nicht. Sie holte tief Luft und sagte: „Dass jeder seine Aussage machen muss, habe ich Ihnen ja schon gesagt. Aber es spricht nichts dagegen, nicht dem Wunsch des Herrn von Hohlberg zu entsprechen, mit dem Sie wohl alle einverstanden sind. Schließlich hat ihm niemand widersprochen. Wir treffen uns um vier im Speisezimmer des Hotels. Und dann lassen wir Sibylle Leuchteblau selbst ausführlich zu Wort kommen. Denn von ihr selbst werden wir wohl am ehesten erfahren, ob ihr Todesfall ein Selbstmord war oder nicht. Und wenn es dann noch was zu reden gibt, reden wir.“

Der dicke Prinz und alle anderen, die in den Türrahmen ihrer Zimmer standen, hatten plötzlich eine Ahnung, dass das, was Gesken gesagt hatte eine Finte sein könnte. Aber sie bekamen den losen, dünnen Faden, der ihr Verdacht war, nicht zu fassen. Das ließ Gesken nicht zu. Sie drehte sich noch einmal zum Flur um und erklärte: „Das wir uns ganz klar verstehen. Jeder kann kommen. Aber niemand muss dabei sein!“

Und dann ging Gesken mit ruhigen Schritten auf Bläss zu. Und dabei geschah etwas, was ihre Kollegen schon häufiger erlebt hatten, was sie nicht verstehen konnten, was so unglaublich war, dass sie es bestaunten wie ein Wunder. Sie hatten miterlebt wie Gesken mit Kindern umging und dabei wie ein Kind gewesen war. Sie hatten miterlebt, wie sie sich mit alten Menschen unterhalten hatte und wie sie dabei genauso alt gewesen zu sein schien wie die alten Leute. Und jetzt ging sie auf Bläss zu, und obwohl sie auf ihren beiden Beinen nach Menschenart aufrecht ging und mit ihrer menschlichen Stimme sprach, war sie doch wie ein Arbeitshund, der sich einem anderen Arbeitshund zuwandte.

„Bläss, Bläss, steh auf!“, sagte sie ruhig. Und so langsam wie Bläss aufstand, bewegte Gesken ihre Hand auf sie zu, damit die Hündin sie beschnuppern konnte.

„Komm mit, Bläss!“, sagte Gesken drehte sich um, um mit dem Hund das Zimmer zu verlassen. Und Bläss ging mit. Sie ging zögernd neben Gesken her. Ihre Ohren ließ sie traurig hängen. Aber sie ging mit der neuen, großen Herrin aus dem Zimmer, ein Stück den Flur entlang ins Treppenhaus, die Treppe herunter und bis zur Tür der Wohnung der Hotelbesitzerin, an der Gesken klingelte.

Die Wohnungstür wurde sofort geöffnet. Und Gesken stand einer großen, alten Frau mit vollem, weißem  Haar gegenüber, das sie zu einem Bauernzopf geflochten trug.

„Moin, Gesken Paulsen, Kriminalpolizei!“

„Moin, Bente Piepenbrink!“

Und einen langen Augenblick sahen sich die beiden Frauen in die blauen Augen und stellten dabei fest, dass die jeweils andere keineswegs blauäugig war, dass sie aus dem selben Holz geschnitzt waren und miteinander sehr gut auskommen würden, was auch geschehen sollte.

Frau Piepenbrink zeigte schließlich auf die Tür zu ihrer Privatküche. „Einen Friesengeist?“ „Wenn die Arbeit getan ist, gern!“ Und beide lächelten sich an.

Damit Bente Piepenbrink gar nicht erst damit anfing, sich Sorgen um ihre zeugenschaftliche Einvernahme zu machen, sagte Gesken: „Der Kollege Winkler macht die zeugenschaftlichen Einvernahmen. Und es wäre gut, wenn Sie ihm dafür ein Büro oder Zimmer zur Verfügung stellen könnten.“ „Er kann mein Büro haben dafür!“, sagte die sehr tiefe Stimme der Hotelbesitzerin. „Und ich brauche ein Zimmer, viel Kaffee, ordentlich was zu beißen und was für die Bläss!“ Diesmal nickte Frau Piepenbrink nur.

Die beiden Frauen und Bläss gingen zur Rezeption. Frau Piepenbrink legte Gesken eine Anmeldung auf den Tresen und gab ihr einen Schlüssel. „Die 212 ist noch frei. Das ist direkt über dem Zimmer, in dem die Bylle, ähm, die Frau Leuchteblau gewohnt hat. Die Frau Leuchteblau und die Frau Fuchs kamen seit vielen Jahren zweimal im Jahr zu uns. Und die Bylle kam manchmal am Wochenende aus Hamburg und hat bei uns im Speisesaal und im Gemeindehaus Konzerte gegeben. Aber zu diesem Treffen wollte sie eigentlich nicht kommen. Sie wollte nächsten Dienstag ins Krankenhaus gehen, um sich die Polypen herausnehmen zu lassen. „Es tut mir leid, Bente, dass ich Deine gute Küche nicht richtig genießen kann, weil ich nicht riechen kann!“, hat sie gesagt, als sie gestern Nachmittag da stand, wo sie jetzt stehen.“ „Wer wusste darüber Bescheid, dass sie dieses Problem hatte?“ „Alle wussten das. Diese Albertine Kohlmeier, die das Treffen organisiert hat, hat das überall ‚rumposaunt, warum die Frau Leuchteblau nicht kommen wollte, wie unmöglich sie das findet, und wie sie sie überzeugt hat, doch zu kommen.“

Gesken unterschrieb das Anmeldeformular und steckte den Zimmerschlüssel in ihre Hosentasche. Bente Piepenbrink beugte sich vor und machte eine Handbewegung in Geskens Richtung. Und die Polizeibeamtin, die schon hatte gehen wollen, hielt inne. „Ich hätte besser aufpassen sollen, als die Kohlmeiers, das Ehepaar von Hohlberg und die Bylle im kleinen Salon Amaretto getrunken haben. Das Fest sollte ja erst heute Abend stattfinden. Im Moment führe ich das Hotel ja allein. Mein Mann ist im Mai ja plötzlich verstorben. Und mein Sohn und meine Schwiegertochter wollen erst Anfang nächsten Jahres übernehmen.“ „Wann machen Sie ganz zu?“ „Am 01. September!“ „Wer hat den Amaretto bestellt und bezahlt.“ „Bestellt hat Albertine Kohlmeier. Und die drei Flaschen stehen auf der Rechnung von der Bylle.“ „So was habe ich mir gedacht. So sind die Rollen klar verteilt in einer Schicksalsgemeinschaft!“, dachte Gesken. Es war alles gesagt. Aber es war noch nicht alles getan. Und Gesken schenkte Frau Piepenbrink einen langen, tröstenden Blick, um Schuldgefühlen und Selbstzweifeln, die der Frau gekommen waren, oder die noch in einem seelischen Hinterhalt lauerten, etwas entgegenzusetzen, und um ihrem Beileid bezogen auf Frau Piepenbrinks persönlichen Verlust Ausdruck zu geben. Dann wandte sie sich mit einem kurzen Gruß ab und ging mit Bläss, die nicht von ihrer Seite wich, aus dem Hotel, um ein paar Sachen aus ihrem Auto zu holen.

 

Dr. Jan Wilhelmsen stand mit einer Ledermappe unter dem linken Arm bei seinem roten Kombi und ließ den Eingang des Hotels nicht aus den Augen. Als er sah, dass Gesken und Bläss heraus kamen, ging er auf Geskens Auto zu und wartete geduldig am Heck des Wagens auf sie.

„Warum bist Du noch hier?“, fragte sie. Wilhelmsen hielt ihr die Ledermappe hin und sagte: „Ich hab auf Dich gewartet. Ich hab  was für Dich, was Dir sehr helfen wird, Sibylle Leuchteblau alias Euterpe Leonberger höchst persönlich kennenzulernen. In dem Etui sind alle Aufnahmen, die Euterpe Leonberger jemals als Jazzpianistin und Flötistin gemacht hat. Ich habe die Sticks nummeriert, sodass Du ihr musikalisches Schaffen vom Anfang bis zum Ende verfolgen kannst.“

„Ich verstehe nichts von Musik!“ Er lächelte. „Du hast gute Ohren, Herz und Verstand, bist aufgeschlossen. Das ist mehr als genug, um sich von dieser Musik verzaubern zu lassen und das Wichtigste über Sibylle Leuchteblau und Euterpe Leonberger verstehen zu können. – Ach, ja, wenn du richtig viel davon haben möchtest, setzt Du Dich hin, ziehst Dir den Kopfhörer auf und hörst erst mal einfach nur zu, bevor Du irgendetwas anderes machst!“ Und Wilhelmsen zwinkerte ihr mit einem verschmitzten Lächeln zu.

Dr. Jan Wilhelmsen war ein Musikfan und -kenner. Das wusste jeder, der ihn kannte. Und Gesken fühlte sich geehrt, dass er ihr einen Teil seiner Musiksammlung anvertraute, auch wenn es nur für wenige Stunden war. „Bist Du ein Fan?“ er nickte. „Hast Du jemals mit ihr persönlich gesprochen?“, er nickte abermals. „Sie kam jedes Jahr in unseren Jazzclub. Denn bei uns hatte sie ihre ersten Erfolge. Ihr Auftritt bei uns war immer am dritten Samstag im August. Und ich wusste, dass sie diesmal ihren Auftritt auf den dritten Samstag im September verschoben hatte, weil sie in der nächsten Woche eine Polypenop vornehmen lassen musste. Das ist, wie es häufig vorkommt, die Folge einer Nebenhöhlenentzündung.“

Es war überflüssig Jan Wilhelmsen zu fragen, warum er von alledem im Hotelzimmer nichts gesagt hatte. Es war unnötig gewesen darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Und es wäre peinlich gewesen, wie Wilhelmsens Freude an Musik und freundliche Gespräche in einem Jazzclub Wissmanns Phantasie in Gang gesetzt hätte bis daraus wohl ein heißes Liebesverhältnis geworden wäre, das Wilhelmsen angeblich befangen gemacht hätte. „Und ich werde vorsichtshalber die Ergebnisse meiner Untersuchungen von einem Kollegen gegenprüfen lassen!“, sagte Jan Wilhelmsen schließlich und zwinkerte Gesken zu.

Gesken bedankte sich für die Sticks und bat den Pathologen: „Kannst Du bitte auch um vier Uhr hier sein!“ ER nickte, nachdem er kurz auf seine Armbanduhr gesehen hatte. „Bis dahin werde ich wohl schon die wichtigsten Ergebnisse haben! Ich sag dann mal viel erfolg und bis nachher!“ Dann wandte er sich winkend ab, stieg in seinen Kombi und fuhr zum gerichtsmedizinischen Institut. Bläss sah dem Mann, der genauso groß war wie Gesken und ihre verstorbene Besitzerin wehmütig nach. Gesken beugte sich zu ihr herunter, kraulte sie im Nacken und an den Ohren und sagte beruhigend: „Ach, ja, Du kennst ihn auch. der kommt wieder. Und er hilft uns ganz bestimmt.“

Gesken packte ein paar Sachen zusammen und ging in Zimmer 212. Dort fand sie eine große Thermoskanne Kaffee und belegte Brote für sich und für Bläss stand frisches Wasser da und an der Garderobe hing ein Stoffsack mit Leckereien für sie. Gesken stellte ihren Laptop und die kleine Stereoanlage auf, die sie mitgebracht hatte. Dann nahm sie einen Stick aus der Ledermappe von Dr. Jan Wilhelmsen, setzte sich den Kopfhörer auf und hörte die Sonate für Klavier und Flöte Köchelverzeichnis 13 und das Konzert für Flöte und Harfe ebenfalls von Wolfgang Amadeus Mozart. Sie entspannte sich sofort, als die Musik begann. Zunächst sah sie nichts. Aber plötzlich sah sie die Muse Euterpe vor nachtblauem Hintergrund aber nicht mit ihrer Doppelflöte, sondern mit einer Querflöte. Und obwohl sie erwartet hatte, Sibylle Leuchteblau und Szenen aus ihrem schöpferischen Leben zu sehen, während sie die Musik hörte, war sie keineswegs enttäuscht von dem, was sie sah. Denn das Bild war absolut stimmig und harmonierte mit dem Flötenspiel, das Gesken hörte. Doch das, was sie hörte und sah, war nicht nur stimmig. Es gab Gesken auch Kraft und beflügelte sie. ab und zu schlich sich jedoch ein leises Gefühl von Scham darüber an Gesken heran, dass sie diese bezaubernde Gestalt und nicht Bylle Leuchteblau sah, die diese zauberhafte Musik spielte. Aber jedes Mal, wenn sie dachte: „Als ob sie es immer noch nicht Wert wäre, dass man sie sieht!“, wischte die Frau mit den Sternenaugen diesen Gedanken mit einer kurzen Handbewegung weg. Und das wunderbare Gefühl geerdet und doch auch im Himmel zu schweben, stellte sich augenblicklich wieder ein.

So nahm sie nach einer halben Stunde den Kopfhörer ab, stellte die Musik leiser, zog den Stecker des Kopfhörers aus der Bugse und schaltete ihren Laptop ein. Als sie die Datei Euterpe Leonberger auf dem Stick gefunden und geöffnet hatte, erkannte sie, dass diese Datei die persönliche Bilanz von Sibylle Leuchteblau enthielt, die in der dritten Person singular verfasst war. Gesken schloss ihren mobilen Drucker an den Laptop an und druckte das gesamte Dokument aus. Danach legte sie eine Datei an, die sie einem Impuls folgend stille Bylle nannte und schrieb zunächst, um sich zu sammeln, die folgenden Zeilen: „Wir Musen gehen wie eh und je mit der Zeit. Und wie eh und je küssen wir nicht. Wir sind einfach da für die, die wir unter unsere Fittiche nehmen. Wir tun nicht mehr als dafür Sorge zu tragen, dass diejenigen, für die wir da sind, alles bekommen, was sie benötigen, um das zu schaffen, was sie schaffen können. Und für die ganz Schüchternen zeigen wir uns auch als Stellvertreterinnen. Wir waren und sind natürlich nicht nur für die Männer da, die Kunst schaffen, sondern auch für die Frauen, obwohl uns bei den Frauen die Verhältnisse die Arbeit oft immer noch besonders schwer machen. Wir liebenj, was wir tun. Und es erfüllt uns so gut wie möglich Räume und Zeiten so zu gestalten, dass Menschen schaffen können, was in ihnen steckt, was ihnen am Herzen liegt und ihrem Schöpfergeist entspricht. Es war ein reines Vergnügen für Bylle da zu sein, sie in gewisser Weise zu vertreten und ihr den Freiraum zu schaffen, damit sie mit sich selbst ins Reine kommen konnte. Für Prosa bin ich offiziell eigentlich nicht zuständig, sondern für die Liebeslyrik. Aber um die Liebe ging es immer, um die Liebe zur Musik, zu sich selbst, zum Leben etc. Und sie war aufrichtig dankbar. Das ist selten und tut mir gut.“ Dann bearbeitete sie ruhigen Gewissens unter Federführung von Euterpe mit der Querflöte, was auf den Seiten zu lesen war.  Als Gesken zu arbeiten begann, sah sie Euterpe nicht mehr mit der Querflöte in der Hand vor nachtblauem Hintergrund, sondern in einem der beiden Sessel sitzend mit der Querflötentasche auf dem Schoß in Gesellschaft eines Leonbergers, der zu ihren Füßen lag sich aber bald erhob und sich neben Bläss legte. Obwohl Gesken zunächst nicht verstand, was es mit dem Leonberger und Euterpe auf sich hatte, spürte sie, dass alles in Ordnung war. Und so arbeitete sie bis sechs Uhr nur mit ganz kurzen Pausen, in denen sie einen Schluck Kaffee trank und einen Moment lang der Musik lauschte.

Um sechs machte sie eine längere Pause, versorgte Bläss mit frischem Wasser und Futter, duschte sich, aß und trank selbst etwas und machte mit der Hündin einen ausgiebigen Spaziergang, bevor sie sich erfrischt wieder an die Arbeit machte.

Schließlich hatte Gesken den gesamten Text durchgearbeitet und druckte das Dokument stille Bylle in DIN a5 aus, lochte die Seiten und heftete sie in einem blauen Ringordner ab. Sie legte eine Sicherheitskopie von stille Bylle auf einem ihrer eigenen USB-Sticks an, fuhr den Computer herunter, packte ihre Sachen zusammen und verließ mit Bläss das Hotelzimmer und machte, nachdem sie die Sachen in ihr Auto gebracht hatte, mit der Hündin einen weiteren Spaziergang, der auch ihr besonders gut tat.

Es war genau viertel nach zwei, als Gesken das Büro von Bente Piepenbrink betrat, den kleinen Ringordner unter dem Arm. Alle Kollegen waren bereits versammelt. Auch Jan Wilhelmsen war da. Er kam direkt auf sie zu und zeigte ihr eine Postkarte, auf deren Rückseite Euterpe mit der Querflöte vor nachtblauem Hintergrund zu sehen war. Gesken sagte nichts nickte ihm aber lächelnd zu.

Gesken sah sich die aktuelle Aktenlage an. Der vorläufige Befund des gerichtsmedizinischen Instituts endete mit der Anmerkung, dass weitere Ermittlungen empfohlen wurden, da fremdverschulden keineswegs auszuschließen sei. Wilhelmsen erklärte, dass er die Erstellung eines Zweitgutachtens veranlasst hatte. Gesken ging davon aus, dass er den Kollegen bereits mitgeteilt hatte, dass ihm die Tote nicht unbekannt war.

Die Protokolle der zeugenschaftlichen Einvernahmen waren wie Gesken es erwartet hatte. Niemand hatte eine Veränderung in Sibylles Verhalten bemerkt. Von der bevorstehenden Nasenop hatten alle gewusst, der Streit zwischen Sibylle und Albertine Kohlmeier war beigelegt, nachdem Bylle sich doch dazu entschieden hatte, zum Klassentreffen zu kommen. Vor allem Albertine, der dicke Prinz und die alte Lehrerin Frau Karoline Gerhards waren davon überzeugt, dass die Bylle Selbstmord begangen hatte. Und sie hatten wortreich wiederholt, warum sie davon so überzeugt waren.

Als Gesken die Besprechung beendet hatte, blieben sie, Winkler und Jan Wilhelmsen im Büro zurück. „ich will, dass ihr folgende Personen bei unserem Treffen genau beobachtet. Du, Leo, Du nimmst Dir die alte Lehrerin und ihre Begleitung und den dicken Prinzen vor. Und Du, Jan, guckst, was die Frau des Prinzen und das Ehepaar Kohlmeier machen, in Ordnung?“ Beide Männer nickten. „Weißt Du mehr?“, wollte Winkler wissen. „Neei, wissen tu ich noch goar nix. Aber ick hep doo ‚ne Ohnung!“

 

Als Gesken die Tür aufstieß, setzte der Westminsterschlag der Standuhr im Speisezimmer ein. Es war genau vier Uhr. Und alle waren gekommen, die Kollegen, die Mitschüler von Bylle, die alte Lehrerin, mit denen sie zum ersten Mal im Sommer des Jahres 1978 hierher gekommen waren und die sehenden Begleiter. Bläss hatte Gesken nicht mitgebracht. Die Hündin war bei Bente junior, der siebenjährigen Enkelin von Frau Piepenbrink. Gesken wollte einfach nicht, dass die treue Seele, die langsam damit begann sich etwas von dem Verlust ihrer Besitzerin zu erholen, über mehrere Stunden mit Leuten wie dem dicken Prinzen, die sie nicht leiden konnten, zusammen sein musste. Und das Kind und die Hündin kannten einander doch recht gut.

Während Gesken den Gang zwischen den beiden Tischreihen entlang ging, befiel sie das Gefühl unfähig zu sein wie immer, wenn sie vor einer größeren Gruppe sprechen sollte. Um diesem Gefühl und der Unsicherheit, die daraus folgen musste, etwas entgegenzusetzen, konzentrierte sie sich auf die Stimmung, die im Speiseraum herrschte. Nicht nur, dass niemand zu bemerken schien, wie viel Unbehagen sie empfand, und dass Unsicherheit in ihr aufkeimen wollte. Mehr noch, alle Anwesenden vermittelten ihr den Eindruck, dass sie unverschämt selbstsicher und gekonnt auftreten würde. So schnappte sie den Blick von Frau Baumanns auf, die die Begleiterin der alten Lehrerin Frau Karoline Gerhards war, der empört fragte: „Wie kann man bei so was so ruhig und selbstbewusst daher kommen?“

Frau Piepenbrink hatte ein Stehpult für Gesken hingestellt, wie sie es sich gewünscht hatte. Und endlich erreichte sie das Pult, legte den Ordner mit den Aufzeichnungen über Sibylle Leuchteblau auf der oberen Platte ab, hielt einen Augenblick inne, um einen Moment lang die Erleichterung zu genießen und wirken zu lassen, dass sie sich der Situation im wahrsten Wortsinn stellen konnte. Und auch die Stereoanlage stand bereit, damit Gesken ab und zu eine Pause machen konnte, in der Musik von Sibylle Leuchteblau alias Euterpe Leonberger erklingen konnte.

Der dicke Prinz saß Gesken am Nächsten, er schaukelte auf seinem Stuhl hin und her, hatte eine Tasse Kaffee und ein Stück Pflaumenkuchen vor sich stehen und ihm dauerte die Zeit, die Gesken brauchte, um sich zu sammeln zu lange. Also maulte er: „Warum fangen Sie nicht endlich an? War wohl überhaupt nicht interessant und ergiebig, was Sie da gefunden haben? Geben Sie es doch endlich zu. Dann erzählen wir Ihnen eben, was so Sache war. Und der Drops ist bald gelutscht!“ Obwohl Gesken ursprünglich überhaupt nicht vorgehabt hatte, irgendeine Erklärung zur Einleitung abzugeben, entschied sie sich spontan  dazu direkt auf die Worte von Herrn von Hohlberg zu reagieren.

„Moin, zusammen! Herr von Hohlberg ich muss Sie enttäuschen. Dass ich die Musik von Euterpe Leonberger alias Sibylle Leuchteblau gehört und ihre persönliche Bilanz gelesen und bearbeitet habe, war für mich persönlich und allgemein noch viel interessanter und aufschlussreicher, als ich zu hoffen gewagt hatte. Und ich befürchte, Sie werden alle überrascht sein von dem, was Sie über Bylle erfahren.“ Gesken sah nacheinander alle Personen im Speiseraum an. Sie sah viele enttäuschte Gesichter. Nur Ramona Fuchs, Jan Wilhelmsen und Bente Piepenbrink lächelten. Und das Lächeln machte ihr Mut. Und sie schaffte es nicht wieder den dicken Prinzen anzusehen, der selbstgefällig schaukelnd auf seinem Platz saß und dabei platzgreifend, wichtigtuerisch und aufdringlich war. Und als Gesken auf die schwarzen Buchstaben auf dem Titelblatt, das sie für das Dokument erstellt hatte, blickte, stellte sich augenblicklich das gute Gefühl, die Seelenverwandtschaft zwischen Bylle und ihr wieder ein. Und dieses gute Gefühl, das Gesken während der gesamten Zeit, als sie in ihrem Hotelzimmer die Musik von Sibylle Leuchteblau gehört und die aktuelle Bilanz von Euterpe Leonberger gelesen und bearbeitet hatte, hatte sie in der vergangenen Nacht am Vormittag und am Nachmittag nicht verlassen. Und wenn es ihr nur gelang vollkommen bei sich und dem, was sie tat zu bleiben, wäre es ihr möglich diese Seelenverwandtschaft den ganzen Nachmittag zu spüren und die Kraft zu bekommen, die sie brauchte, um sich vor all diesen Menschen mit all ihren Erwartungen zu behaupten. Sie schaffte es. Und daher merkte sie gar nicht, wie alle, die im Speiseraum des Viermasters zusammengekommen waren, in den Bann von Sibylle Leuchteblaus Leben und die Erzählung von Euterpe Leonberger gezogen wurden. Wie angemessen Gesken gehandelt hatte, indem sie die Musik von Euterpe Leonberger hörend die persönliche Bilanz über Sibylle Leuchteblau  in eine neue Form gebracht und zu guter Letzt die Gedanken über Euterpe Leonberger vorangestellt hatte, um alles ruhig am Pult stehend vorzutragen, begriff Gesken erst, als sie genau einen Tag später mit Jan Wilhelmsen bei Kaffee und Streuselkuchen mit frischen Pflaumen von Frau Piepenbrink noch einmal über den Fall und Bylles Leben und Werk sprach.

„Den 08. August machte Sibylle Leuchteblau zu ihrem Lernngeburtstag. Denn der 08. August 1972 war der Tag ihrer Einschulung. Zum Lerngeburtstag machte sie dieses Datum aber erst einen tag später, an einem Mittwoch, der wie alle Tage in der Blindenschule ein zwiespältiger Tag gewesen war. Die Schulstunden waren interessant und deshalb in Ordnung. Aber die Zeit, die den Unterricht umgab, war auf unterschiedliche Arten schrecklich. Beim Essen war es besonders schlimm. Denn Bylle aß wenig und langsam und wurde deshalb von den Erzieherinnen ständig gerüft und von Albertine und Flora verspottet. „du kannst nicht mal ordentlich essen, langer Lulatsch!“

Bylle kam am 24. Dezember 1965 um 19.32 Uhr als viertes von sieben Kindern der Eheleute Hilde und Johann-Wilhelm Leuchteblau zur Welt. Bylle hörte immer wieder von Oma Amalie, die mit ihrem Sohn, der Schwiegertochter und den Kindern in einem Haus zusammenlebte: „Die Bylle kommt immer dazwischen. Das fing schon mit ihrer Geburt an. Sie wurde zwischen der Bescherung und dem Schnee geboren.“ Und es stimmte irgendwie. Markus, Paul und Agathe hatten ihre Weihnachtsgeschenke und ihr Abendessen bekommen, bevor Bylle geboren wurde. Und um 19.34 begann es zu schneien. Von Hilde bekam Bylle von kleinauf etwas vollkommen anderes zu hören als von Oma Amalie. „Eigentlich kam die Bylle zu spät. Sie hätte am 18. Dezember geboren werden solln. aber dann hat sie sie alle überholt. Keine halbe Stunde hat es gedauert. Keine Geburt davor oder danach war so kurz.“ Das sagte Hilde immer wieder und wieder. Sie konnte oder wollte nicht anders sagen, dass sie die Langsamkeit, aus der heraus, Bylle dann auf der „Überholspur“ durchstartete, für das angeborene Lebensprinzip ihrer zweiten Tochter hielt. Und obwohl sie es vielleicht als ungewöhnlich empfand, gab es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass sie es als Störfaktor erlebte. Jedenfalls verlor sie nie vollkommen die Geduld mit Bylle. Und sie bekam häufig die Gelegenheit über eine plötzliche Veränderung von Bylle staunen zu dürfen. Sie staunte still aber oft genug blieb ihr Staunen nicht unbemerkt. Oma Amalie regte sich darüber auf. Und ihr Sohn tat erfolgreich so als ob es ihm nicht aufgefallen wäre. Er brauchte dann nur seine Mutter anzusehen.

Am Morgen des 25. Dezember 1965 betrachteten drei Erwachsene Bylle genau. Der erfahrenen Hebamme fiel auf wie still das Kind wach in seinem Bett lag, und dass es das rechte Auge nicht richtig öffnen und schließen konnte. Als sie das Auge genauer betrachtete, fiel ihr eine grünliche Verfärbung auf. Was sie veranlasste, den Arzt des staatlichen Krankenhauses zu informieren, weckte den Argwohn von Oma Amalie, die nachdem die Hebamme das Zimmer verlassen hatte, gemeinsam mit Johann-Wilhelm hereingekommen war und neben ihm stehend ihre jüngste Enkelin isnpizierte.

Was Amalie Leuchteblau dachte, war für den 52jährigen Johann-Wilhelm Gesetz. Und es machte ihn unruhig, dass sie nicht sofort etwas sagte. Aber er traute sich nicht selbst etwas zu sagen.

Schließlich hatte sich Amalie von dem Kinderbett ab und ihrem Sohn zugewendet und zwar so abrupt, dass er auf sie aufmerksam werden musste. „Auch dat noch!“, hatte sie gesagt, unterbrach sich, wie sie es oft tat, scheinbar selbst, sodass die Pause, die sie machte, wie scharfes Bremsen bei einer Autofahrt war, das einen Schrecken verursacht. Und auch diesmal gelang es ihr wie so oft so zu tun als habe sie sich selbst auch erschreckt.

So entstand wieder eine Pause. Und dann sagte Amalie sehr langsam, sehr deutlich und im reinsten Hochdeutsch: „Das hat uns gerade noch gefehlt. Mit der stimmt was nicht. – Und lass dir nicht einfallen, ihr einen Namen zu geben, der nach Christus klingt, weil sie am heiligen Abend geboren ist. Das ist eine Sibylle!“

Da Amalie wusste, dass Johann-Wilhelm manchmal in menschlichen dingen begriffsstutzig war und Bewegung meist dagegen half, fasste sie ihren Sohn am Arm und ging mit ihm aus dem Zimmer und den langen Flur entlang, bis er sich so weit gefasst hatte, dass er fragen konnte: „Was ist die?“ „Sie ist eine Sibylle. Die Sibyllen kennst du doch aus den Märchen und Legenden von den alten Griechen. Die haben Unheil bei sich und verkünden es auch ungefragt.“

Er verstand, was seine Mutter gesagt hatte. Und so meldete er am 27. Dezember 1965 die Geburt seiner Tochter Sibylle Leuchteblau beim Standesamt an. Hilde wurde nicht gefragt, ob sie mit dem Namen einverstanden war. Aber Hilde war mit dem Namen Sibylle einverstanden, und sie war auch schon daran gewöhnt, bei der Namenswahl der Kinder übergangen zu werden. Der einzige Name, der ihr zunächst missfiel, war Agathe. Denn Agathe war eine Schwester von Amalie, die sich bei ihren wenigen Besuchen noch herrschsüchtiger gab als Amalie.

Da der Arzt des kleinen staatlichen Krankenhauses sich selbst nicht dazu in der Lage sah, zu diagnostizieren, was mit dem rechten Auge nicht in Ordnung war, wurde Bylle am 28. Dezember in die nächste Augenklinik gebracht, nachdem sie in der Krankenhauskapelle notgetauft worden war. Am 03. Januar 1966 wurde Bylles rechtes Auge entfernt. Und genau zehn Wochen später folgte die zweite Operation, bei der auch das linke Auge entnommen wurde. Insgesamt blieb Bylle ein Dreivierteljahr in der Klinik, zur Beovachtung, wie es hieß.

Bylle erholte sich gut und schnell von beiden Operationen. Und sie wuchs erstaunlich schnell. Hilde besuchte Bylle einen über den anderen Tag. Amalie regte sich jedes Mal auf, wenn sich Hilde auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Denn sie befürchtete, dass ihre Schwiegertochter ihre Arbeit auf dem Hof und im Haus vernachlässigen würde. Markus, Paul und Agathe blieben jeden zweiten Nachmittag bei der Nachbarin, die ebenfalls vier Kinder hatte oder gingen zu Marille, die eine Großtante väterlicherseits war. Obwohl Agathe wie Markus und Paul gern mit den Nachbarskindern spielte oder bei Marille war, behauptete sie später immer mit Leidensmiene: „Die Mama hatte nie für uns Zeit, hat uns immer abgeschoben nicht nur, wenn was mit der Bylle war.“

Als Bylle sieben Monate alt war, sich das Kind gut entwickelte und sich aufsetzte, wenn sie kam, beschlich Hilde der Verdacht, dass die Leute im Krankenhaus sie wie ihre Schwiegermutter nicht für eine gute Mutter hielten, die mit ihrem blinden Kind überfordert sein müsste, seine Bedürfnisse nicht erkennen konnte und außer Stande sein würde, es zu fördern. Und man sagte ihr immer wider, dass man die Entwicklung des Kindes noch etwas beobachten wolle.

Zwei Monate später durfte Hilde Bylle endlich mithnehmen. Aber die Saat des Misstrauens, das ihr neun Monate lang entgegengebracht worden war, war aufgegangen. Sie war unsicher, wie sie mit Bylle umgehen sollte. Und obwohl Bylle sechs Wochen später am ihrem Laufgitter stand und weitere sechs Wochen später daran entlang lief, verließ Hilde die Unsicherheit nie mehr der Erziehung von Bylle nicht gewachsen zu sein.

Es gab drei Hunde auf dem Hof, von denen zwei das Haus nicht betreten durften. Nur die alte Alma, ein Leonberger von dreizehn Jahren kam tagsüber ins Haus. Und als das Frühjahr 1967 kam, war es Alma, die nie von Bylles Seite wich, die das Kind dazu brachte, sich den Garten, den Schuppen, die Garage mit dem Traktor darin, die Ställe und später auch die Umgebung des Hofes zu erobern. Und wann immer das Wetter es zuließ, waren Kind und Hund draußen unterwegs. Und das war auch gut so. Denn am Johannestag 1967 wurde Hildes fünftes Kind Johannes geboren. Und es beruhigte Hilde, wie gut Bylle mit Alma und sich selbst beschäftigt war. Bylle neigte nicht zur Eifersucht, nicht, als Johannes geboren wurde und auch nicht als im Februar 1969 Wolfgang und im Mai 1970 Bernd geboren wurden. Nur Paul und Agathe waren neidisch oder eifersüchtig auf alles und jeden.

Bylle war verständig und lernte geduldig. Aber sie sprach kaum. Als Bylle zwei Jahre alt war, kam ein Lehrer von der Blindenschule, um sie zu testen. Hilde erklärte ihr, dass Herr Winkler nur für sie gekommen war. Und tatsächlich beschäftigte er sich die ganze Zeit mit Bylle, die er direkt, nachdem er auf den Hof gefahren war, dazu aufforderte, den  Kofferraum seines Wagens zu durchstöbern, was Bylle unter den Augen von Herrn Winkler und Alma mit wachsender Begeisterung tat. Und bald vergaß sie Herrn Winkler und erzählte Alma von all den Dingen, die sie im Kofferraum des Autos fand, was sie kannte, was sie noch nicht kannte. Und als sie mit dem Baukasten zu spielen begann, hörte sie nicht auf mit Alma zu sprechen. Und zu guter Letzt befolgte sie die Aufforderung die Sachen wieder einzuräumen ohne murren.

Herr Winkler empfahl Hilde, sie sollte für Bylle einen Kindergartenplatz besorgen, was die Mutter auch sofort gegen den Widerstand ihrer Schwiegermutter, ihres Mannes und der katholischen Gemeinde, die den Kindergarten betrieb, auch tat. „Wer weiß, was ihr für Sünden begangen habt, dass ihr mit diesem Kind gestraft worden seid!“, hieß es von verschiedenen Mitgliedern des Gemeinderats. Das sagte niemand zu Hilde, sondern zu Johann-Wilhelm, der nichts erwiderte. Als jedoch Frau Schöffer, die ebenfalls im Gemeinderat saß und viel für die Gemeinde tat, erklärte, dass sie „alles hinschmeißen“ würde, wenn Bylle der Platz im Kindergarten verweigert würde, wurde Bylle aufgenommen und ging ab August 1969 in den Kindergarten. Und sie freundete sich mit Margarete, der Tochter von Frau Schöffer an, die viel mehr redete als Bylle, die den beiden Mädchen gegen den Widerstand von Jürgen und seinen beiden Freunden den Weg in die Bauecke bahnte, und mit der Bylle das Schuhebinden und vieles mehr lernte. Marga und Bylle schmusten und spielten miteinander, wann immer sie zusammen waren. So kam es manchmal auch vor, dass Hilde Bylle zu Frau Schöffer und Marga brachte. Aber auch diese enge Freundschaft änderte nichts daran, dass sich Bylle ganz oft in menschlicher Gesellschaft sehnlich wünschte einfach so verschwinden zu können, nicht mehr gehört, angefasst und erst recht nicht mehr gesehen werden zu können.

Alma hatte die Angewohnheit sich jeden Abend vor die Haustür zu legen. Und eines morgens, als Bylle ungefähr fünfeinhalb Jahre alt war, war sie nicht mehr da. Johann-Wilhelm ging mit den beiden anderen Hunden los, um sie zu suchen. Und er fand sie am Lieblingsplatz von Alma und Bylle, in einer moosbewachsenen Mulde zwischen vier Bäumen. Und Hilde hätte schwören können, dass sie am Abend vorher beobachtet hatte, wie Bylle sich von Alma verabschiedet hatte und zwar so als sei es für immer. Aber das sagte sie Bylle erst, als sie 40 Jahre später selbst im Sterben lag. Und Bylle hatte gesagt: „An diesen abend kann ich mich auch noch genau erinnern. Ich war traurig. Und die Alma hat den Kopf an mich gelegt und mir damit mitgeteilt, dass ich Geduld haben soll, und dass sie mir noch etwas zeigen wird. Und dann haben Papa, Treff und Pollux die Alma an unserem Lieblingsplatz gefunden. Und ich habe verstanden, dass Agathe unrecht hatte, wenn sie immer behauptete, dass Tiere nicht in den Himmel kommen.“

Und ein Jahr später lag Bylle in dem Schlafanzug mit den Eulen auf dem Oberteil im Bett in Zimmer eins von Gruppe eins, und sogar die großen Mädchen waren nicht mehr auf dem Flur zu hören und hatte beschlossen, dass der 08. August ihr Lerngeburtstag sein würde. Und sie war gar nicht von allen guten Geistern verlassen. ihr kam es nur so vor als ob die Lebenden im Dorf weiter von ihr entfernt waren als Alma und Elli, die liebenswürdige, alte Frau, die Tante Marille bis zu ihrem Tod gepflegt hatte, und die Bylle immer die Märchen erzählt hatte und nicht nur die, die Bylle von den Schallplatten kannte, die ihre Geschwister und sie von Bylles Patin, Irmgard, die in Düsseldorf lebte, geschenkt bekommen hatten. Es gab jedoch zwei Märchen, vor denen sie sich fürchtete. Ihr machte der Scheiterhaufen im Märchen Marienkind Angst. Und sie fürchtete sich vor den großen mengen von Lebensmitteln im Schlaraffenland. Wie oft hatte sie schon unter den Augen von Oma Amalie vor einem tiefen Teller mit Milchreis oder Brei sitzen müssen. Und jede Wurst, mit der sie es bisher hatte aufnehmen mmüssen, war zu lang oder zu dick gewesen.

Aber, wenn Bylle die alte Frau besucht hatte, hatte sie sich immer wünschen dürfen, welches Märchen sie hören wollte. Sehr oft wünschte sie sich die Märchen der Teufel mit den drei goldenen Haaren oder der gestiefelte Kater. und wenn Bylle allein im Stall auf dem Stroh lag oder im Moos bei den vier Bäumen, die im Viereck zusammen standen, dachte sie sich Geschichten aus. Aber das waren keine Märchen, obwohl sie nicht frei von Zauber waren und alle Tiere, die darin vorkamen sprechen konnten.

Und wenn Bylle daran dachte, wie es gewesen war, als Elli ihr am Tisch sitzend und später im Bett liegend ihre Lieblingsmärchen erzählt hatte, und was sie mit Alma erlebt hatte, schien das alles ganz lange her zu sein, war scheinbar unerreichbar weit weg, ging ihr aber undendlich nah, gab ihr Kraft und beflügelte ihre Gedanken, sodass sie Dinge erfand, die ihr halfen. Und ihr Lerngeburtstag war ihre erste nützliche Erfindung. Er war ein Meilenstein. Er war ein Orientierungspunkt. Und er war nur für Bylle allein da.

Und nachdem sie entschieden hatte, dass der 08. August ihr Lerngeburtstag sein

würde, gelang es ihr innerlich doch so ruhig zu werden, dass sie anfing sich eine neue Geschichte auszudenken, bis sie einschlafen konnte. Sie brauchte mindestens den ganzen August, um zu lernen, die Geschichten zu Fortsetzungsgeschichten  zu machen, die von Montagabend bis Donnerstagabend reichten. Denn am Freitagnachmittag wurden die Schüler mit Bussen, die in verschiedene Regionen des Einzugsgebiets der Schule fuhren, um die Kinder und Jugendlichen nach Hause zu bringen.

Im ersten Schuljahr war der Mittwoch der schlimmste Tag der Woche. An diesem Tag gab es kein Abendbrot, sondern Milchreis, Puddingsuppe oder Haferbrei. Und es war bei Milchprodukten nicht nur so, dass Bylle Probleme mit großen Mengen der Speisen hatte. Sie übergab sich meistens davon. Aus diesem Grund hatte Hilde irgendwann durchgesetzt, dass Bylle keinen Brei essen musste. Und Bylle hatte Glück. Denn mittwochs hatte Frau Feldmann Nachtdienst und nicht Frau Braun.

Bylle hatte ihren ganzen Mut zusammengenommen und sich einen Löffel Puddingsuppe in den Mund gesteckt und auch geschluckt. Und dann war Übelkeit in ihr aufgestiegen, sie war aufgesprungen und zur Toilette gerannt, wo sie sich übergeben hatte.

Frau Feldmann und Frau Braun waren zwei ältere Erzieherinnen. Frau Feldmann war eine verständige Frau aus Schlesien. Sie war streng aber gerecht. Und so gebot sie dem Spott von Albertine, Flora und den großen Mädchen resolut einhalt, als Bylle in den Tagesraum, in dem sich auch der Essbereich befand, zurück kam.

Frau Feldmann ging in ihrer Umsicht noch weiter. In dem kleinen Notizbuch, das jeder Schüler hatte, mit dem sich Eltern und Erzieher über die Geschehnisse der Woche oder des Wochenendes austauschten, stellte Frau Feldmann Hilde die Frage, ob Bylle Milchprodukte vertrug oder nicht. Und Hilde schrieb ihr, dass Bylle rohe Milch weder kalt noch warm vertrug und andere Lebensmittel wie Käse, Quark oder Yoghurt nur ab und zu essen konnte, ohne sich zu übergeben, dass sie aber selbst schon sehr gut wusste, wann sie diese Sachen essen konnte und wann nicht. Und Frau Feldmann sorgte dafür, dass für Bylle am Mittwochabend immer Brot auf den Tisch kam.

Doch damit war das Thema nicht erledigt. Denn der Mittwochabendgeruch und der heimliche Spott blieben. So gruben sich das peinliche Gefühl, das Bylle gehabt hatte, weil ihr schlecht geworden war und die Demütigung durch den Spott, den sie bei ihrer Rückkehr in den Tagesraum empfunden hatte, tief in sie ein. Was Bylle immer wieder erschreckte, war, wie dieses Ereignis in das kollektive Gedächtnis der Schüler einging, die im Jahr 1972 die Schule besuchten. Am nächsten tag wussten alle, was Bylle passiert war. Und immer, wenn sie später, als sie schon lange nicht mehr zur Schule ging, jemanden traf, der seiner Zeit Schüler in der Blindenschule gewesen war, fing die Erinnerung an die Schulzeit und an Bylle meistens mit spöttischen Bemerkungen darüber an, wie komisch es gewesen war, dass Bylle am 09. August 1972 beim Abendessen aufgesprungen und zur Toilette gestürzt war, um sich zu übergeben. Spott vor allem heimlicher Spott scheint sich aus sich selbst ernähren und fortpflanzen zu können.

 

Mittwoch war auch der Badetag in ihrer Gruppe. Es gab einen Raum zwischen den Toiletten und dem Waschraum mit acht Waschbecken, in dem es zwei Badewannen gab. Die Wannen waren durch eine Tür voneinander getrennt. Bylle und Ramona badeten immer zuerst. Frau Feldmann ließ die Zwischentür offen, wenn die beiden Mädchen badeten. Sie ging von einer Wanne zur anderen und beobachtete wie die Mädchen sich wuschen. Beim Waschen wurde ihnen immer von der diensthabenden Erzieherin zugesehen. Bylle merkte, dass Frau Feldmann dabei nicht so akribisch und penetrant war wie Frau Braun. Aber sie hatte immer das Gefühl, dass sie tun konnte, was immer sie vermochte, sie würde nie sauber werden, sie würde nie genügen. Unter dem Blick von Frau Feldmann war es nicht ganz so schlimm wie unter den Blicken von Oma Amalie und Frau Braun, aber es war immer da, dieses Gefühl. Und dann kam immer der Wunsch, einfach so verschwinden zu können.

Auch Bylle gewöhnte sich Heimlichkeiten an. Es war den Kindern nicht erlaubt Wasser aus dem Hahn zu trinken. Aber zum Abendessen gab es immer Hagebutten- oder Pfefferminztee, der sehr stark gesüßt war, sodass Bylle starken Durst bekam. Sie nutzte aus, dass die kleine Flora oft die Aufmerksamkeit der Erzieherinnen auf sich zog, sodass sie nicht auf Bylle oder Ramona achteten. Bylle half Ramona ihre Sachen für den nächsten Tag ordentlich zurecht zu legen. Und ihr blieb immer genug Zeit unbeobachtet auf die Toilette zu gehen und danach im Vorraum am Waschbecken Wasser zu trinken.

Im ersten Schuljahr hatten sie noch keinen Nachmittagsunterricht. Die kleinen Mädchen mussten nach dem Mittagessen Mittagsruhe halten. Aber keine von ihnen konnte schlafen. Und weil sie nicht schlafen konnten und ihr Zimmer nicht verlassen durften, machten sie Rollenspiele mit Feen, Zwergen, sprechenden Tieren und Kindern. Sie schafften es, so leise vor sich hin zu spielen, dass die Erzieherinnen in ihrem Büro, das sich direkt gegenüber von dem Zimmer der Erstklässlerinnen befand, nie aufmerksam wurden. Es waren Bylles Geschichten, ihre alten Geschichten aus der Zeit, als sie noch nicht hatte zur Schule gehen müssen. Dass Bylle bei diesen Spielen die Regie führen konnte, obwohl sie ansonsten nie den Mund aufbekam, war nur möglich, da sie sich immer vorstellte, Elli oder Alma wären dabei. Durch diese Vorstellung fühlte sie sich sicher. Und manchmal, wenn sie fühlte, dass auch Ramona Freude an den Spielen hatte, fühlte sich Bylle sogar ein Bisschen wohl. Und doch schlich sich immer das Gefühl ein, nicht am rechten Platz zu sein, nirgendwohin zu gehören, einfach verschwinden zu können.

Alle, die Bylle kannten, merkten etwas von dieser Fremdheit. „Die Bylle ist nie richtig bei der Sache!“, sagte Albertine immer. Und die kleine Flora ärgerte sich: „Die Bylle macht zwar, was ich ihr sage, aber die ist nie richtig bei mir. Das kann ich nicht leiden!“

Und die kleine Flora hatte noch einen anderen Grund sich über Bylle zu beschweren. Die Mädchen in der Wohngruppe und die anderen Kinder in der ersten Klasse, waren angewiesen worden sich um Flora zu kümmern. Sie war die Jüngste und wurde erst am 31 Oktober sechs Jahre alt. Aber der Welpenschutz, den sie sogar bei Frau Braun genoss, reichte bei Bylle nie so weit, dass sie Ramona, die in der Lernbehindertenklasse war, mit der sie vom ersten Schultag an befreundet war, zurückzusetzen. Flora und Ramona hatten Schwierigkeiten den Weg von den beiden Schulgebäuden zur Wohngruppe zu lernen. Wenn Bylle von ihrem Klassenlehrer Herrn Volkmann angewiesen wurde, Flora zu begleiten, ging sie mit ihr zum Schulgebäude nebenan und wartete, bis Ramona heraus kam, um beide zur Gruppe mitzunehmen. Sie mussten nie lange warten. Aber Flora wurde immer ungeduldig.

Nachmittags, wenn die kleinen Mädchen ihre Mittagsruhe beendet hatten, durften sie in der Spielecke im Tagesraum spielen oder hinter dem Haus in den Sandkasten gehen. Dort trafen sie häufig auf die Jungen aus ihren Klassen, die in einer anderen Wohngruppe lebten. Wortführer im Sandkasten waren immer Albertine und Bertram Ferdinand, der ein richtiger Prinz von Hohlberg war und Fridolin, der Mit Ramona in einer Klasse war. Bertram wurde von allen entweder Berti oder Prinz von Hohlberg genannt. Und er machte Albertine zu seiner Prinzessin. Damit war Fridolin nicht einverstanden. und die beiden prügelten sich oft um Albertine, die wie eine Ricke neben den beiden kämpfenden Hirschen stand und stolz darauf war, von solchem Interesse für die Jungs zu sein.

Dienstags inspizierte Frau Braun die Kleiderschränke der Mädchen. Diese befanden sich auf dem langen Flur zwischen den Schlafzimmern. Es verging keine Woche, in der sich Frau Braun nicht über Bylles Kleider und Schuhe lauthals aufregte. „Und wieder diese sonnengelben Kniestrümpfe und die Hosen mit Hochwasser!“, schimpfte sie. Und auch die sonnengelben Kniestrümpfe gingen in Bylles Spottgeschichte ein. doch das Schlimmste, was an einem Kontrolldienstag, mit Frau Braun und im ersten Schuljahr überhaupt passierte, war etwas, was Ramona widerfuhr.

Es kam vor, dass Praktikantinnen von der örtlichen Erzieherschule in das Internat kamen, um unter der Aufsicht einer ihrer Lehrerinnen und/oder von Frau Feldmann oder Frau Braun mit einzelnen Schülern eine Bastelaufgabe oder ein Spiel machen druften. Und wie so oft waren es Albertine und Flora, die im Besucherzimmer basteln durften. Frau Braun hinkte bei ihrem Kontrollgang ihrem Zeitplan etwas hinterher. So mussten Albertine, Flora und das Fräulein aus der Erzieherschule etwas warten, bis Frau Braun den Schrank von Ramona kontrolliert hatte. Bylle war in der Spielecke des Tagesraums und baute ein Legohaus. Sie konnte nicht verstehen, was im Flur gesprochen wurde. aber, als Frau Braun an der offenen Tür des Tagesraums vorbei ging, hörte sie sie sagen: „Das wird ein Nachspiel haben, Ramona!“

Und einen Augenblick später hörte Bylle, wie die Tür des Besucherzimmers ins Schloss fiel.

Bylle hielt inne und kurze Zeit später vernahm sie die unsicheren Schritte von Ramona, die auf die Tür des Tagesraums zukamen, zwischen den Esstischen hindurch auf die Spielecke zugingen. Dann blieb Ramona plötzlich stehen. „ich bins’s nur!“, sagte Bylle mit ihrer tiefen Stimme. Ramona kam auf den Tisch zu und setzte sich neben Bylle. „Was ist denn passiert?“, fragte Bylle leise. Schließlich hatte dieser Raum Ohren. Und da war es besser leise zu sprechen aber nicht zu flüstern. Denn in bestimmten Räumen ist ein Flüstern immer lauter als alles andere.

Ramona zögerte dann sagte sie noch leiser als Bylle gesprochen hatte: „Es ist wegen der Tabbletten!“

„Wegen welchen Tabletten?“

„Den Tabletten, die immer auf unseren Frühstückstellern liegen, und die ich nicht schlucke. Ich wusste aber auch nicht, wo ich sie hintun soll. Da habe ich sie in das kleine Fach in meinem Schrank eingeschlossen. Bisher hat sie nie da ‚reingeguckt. Aber heute hat sie das Fach aufgemacht und die Tabletten gefunden.“

„Die Tabletten sind nicht gefährlich. Das sind Kalziumtabletten. Die haben wir im Kindergarten auch schon zum Frühstück bekommen. Da ist Kalzium drin. Und Kalzium ist gut für die Knochen. Und du willst doch groß werden und starke Knochen haben, oder nicht?“

„Ich habe Angst vor allen Tabletten!“, sagte Ramona schließlich.

Bylle wusste, dass es viele Dinge gab, vor denen Ramona Angst hatte. aber Bylle wusste auch, dass Ramona gute Gründe hatte für ihre Ängste. So war ihre Angst vor Bertram und Fridolin darin begründet, dass die beiden Jungen sie schubsten und tritzten, wo sie nur konnten. Und so sehr sie um die Gunst von Albertine kämpften, so stark verbündeten sie sich oft auch gegen Ramona. so hatten sie sie einmal über eine Stunde im Keller ihrer Wohngruppe eingesperrt. Um Bylle, die zu groß für ihr Alter geraten war, trauten sie sich weder allein noch zu zweit heran.

Bylle nahm ihre Bauarbeiten wieder auf und fragte: „Was hat die Frau Braun denn gesagt und getan, als sie die Tabletten gefunden hat?“

„Sie hat gefragt, was mir denn einfällt, die Tabletten, die doch so gut für uns sind, nicht zu nehmen. Und ich habe ihr gesagt, dass ich vor allen Tabletten Angst habe. Da hat sie wütend geschnauft und kurz danach hat sie gesagt, dass ich gefälligst froh sein soll, dass wir DIESE Tabletten bekommen und nicht die, die man früher manchmal Kindern dieser Schule gegeben hat, damit sie gefälligst ruhig sind und so. Sie hat die ganze Zeit gezischt wie eine Schlange.“ Das konnte sich Bylle gut vorstellen. „Es sollte ja außer dir auch keiner hören!“, meinte sie dann. – was und so – wohl bedeuten mochte? – Als sich Bylle das fragte, wusste sie, dass sich Ramona das auch gefragt hatte. Und spätestens an diesem Dienstagnachmittag wusste Bylle, was sie immer schon geahnt hatte, Ramona war nicht dumm wie alle dachten, sie war oft einfach nur zu langsam.

Bylle stampfte vor Wut auf die alte Hexe mehrfach mit dem rechten Fuß auf und beinahe hätte sie hastig ihr Legohaus zerstört, das immerhin schon ein ganzes Stockwerk hoch war. Doch noch rechtzeitig hielt sie inne, um ruhig nachzudenken. „Ist egal, was der Ramona Angst vor Tabletten gemacht hat, die Angst muss weg! Ansonsten macht die alte Hexe, noch schlimmere Sachen!“, dachte Bylle. Und dann fiel ihr etwas ein, was vielleicht helfen konnte.

„Weißt du was Ramona? Wir machen’s wie die Ratten!“

„Wie die Ratten!“

„Ja, wie die Ratten! Mein Bruder Markus hat mir erzählt, dass die Ratten, wenn sie eine neue Futterstelle gefunden haben, ein oder zwei Ratten zum Probieren vorschicken. Wenn die das Futter vertragen, dann fressen auch die anderen! Und wir kriegen jeden Tag Tabletten aus dem Schrank im Erzieherzimmer. Wir machen es also so, dass ich morgens immer gleich meine Tablette kaue. Ich lenke die Frau Feldmann und erst recht die Frau Braun ab. Und du steckst dir die Tablette in die Hosentasche. Und wenn du in der ersten großen Pause von mir hörst, dann nimmst du deine Tablette auch!“

Ramona stimmte zu. Aber natürlich würde es seine Zeit brauchen, bis sie wirklich davon überzeugt sein konnte, dass diese Tabletten ihr nichts anhaben konnten. Und am nächsten Morgen bummelte Bylle so, dass Frau Braun sich aufregte und Ramona nicht beachtete, sodass sie ihre Tablette einstecken konnte. Und sie nahm sie immer am Ende der ersten großen Pause, nachdem sich Bylle von ihr verabschiedet hatte und in ihre Klasse ging.

Im Oktober setzten sich Bylle und Ramona an den meisten Nachmittagen nach der Mittagsruhe ab und gingen zu dem Platz mit den beiden großen Kastanienbäumen, die viel Frucht trugen. Sie sammelten so viel, dass der Kofferraum von Frau Feldmanns Auto bis oben hin gefüllt war. Frau Feldmann brachte die Ernte in den Tierpark. Und am ersten November, der ein Mittwoch war, fuhren sie in den Tierpark und durften auf Ponys reiten und andere Tiere streicheln und füttern. Es störte sie nicht, dass auch Albertine und Flora dabei waren. Bylle freute sich. Denn Ramona war endlich richtig glücklich.

Ramona litt ganz stark unter Heimweh. Sie schlief zwar abends sofort ein. Aber sie wachte nachts oft weinend auf, was Gott sei Dank nur Bylle bemerkte, die dann zu ihr ging, sich neben sie legte und wartete bis Ramona wieder eingeschlafen war. Albertine kümmerte sich um Flora, die immer lange brauchte, um einschlafen zu können.

Bylles Klassenlehrer war Herr Volkmann. Er war nett zu Bylle. Netter und geduldiger verhielt er sich Albertine, dem Prinzen und Flora gegenüber. Er ärgerte sich, da Bylle sich nie meldete aber eigentlich immer, wenn sie gefragt wurde, die richtige Antwort gab. Anders war es bei Albertine. Sie meldete sich immer, schnipste mit den Fingern, dass alle in der Klasse hörten, das sie antworten wollte. Doch es kam vor, dass sie aus Übereifer eine falsche Antwort gab oder vergaß, wie die Frage gelautet hatte. Aber niemand verspottete sie deshalb. Bertram und Flora meldeten sich, wenn sie gerade Lust hatten.

Wenn Bylle etwas gefragt wurde, stellte sie sich kurz vor, Elli oder Alma wären da. und dann antwortete sie langsam und ruhig. Und Herr Volkmann gewöhnte sich an, Bylle immer dann anzusprechen, wenn er vermutete, dass fast alle anderen nichts wussten. Denn durch ihre langsame und klare Art, lernten die Klassenkameraden oft etwas.

Nur textiles Gestalten, Sport und Religion hatte die erste Klasse nicht bei Herrn Volkmann. Die Sportlehrerin Frau Griese ließ sie interessante Sachen machen. Sie spielten mit dem Klingelball, machten Gymnastik oder tauchten im Wasser und lernten schwimmen. Nur, als sie im zweiten Halbjahr ständig irgendwelche Klettereien mit ihnen machte, hatte Bylle keinen Spaß mehr. Sie wollte nie hoch hinaus. Wie gut, dass sie einmal in der Woche, am Donnerstag, ins Wasser durften.

Katholischen Religionsunterricht hatten sie bei Frau Hiltmann, die wie die Kinder auch blind war und eine Seele von Mensch war mit ihrer freundlichen Art, ihrer Geduld und mit den Geschichten, die sie ihnen aus der Bibel vorlas. Von ihr war Bylle so beeindruckt, dass sie am ersten Wochenende, als Oma Amalie sie fragte, was sie denn werden wollte, „Blindenlehrerin“, antwortete. Das sagte sie immer und immer wieder, damit sie eine Antwort auf diese Frage hatte. Sie sagte es, obwohl sie bald wusste, dass sie nicht Lehrerin werden wollte, weil man fragen und erklären muss, wenn man Lehrer ist. Und sie war immer noch auf den Mund gefallen, obwohl sie nicht wusste, wann und wie das passiert war.

Auch Frau Poll war eine Seele von Mensch. Sie hatte gute Bastelideen. So machten sie im zweiten Halbjahr aus einem Blumentopf, einem geflochtenen Seil und einer Garnrolle eine Glocke. Und sie brachte ihnen in der Adventszeit Plätzchen mit, die sie mit Schülerinnen der höheren Klassen gebacken hatte oder Kuchen.

Frau Poll mochte Bylle. Da war sie sich ganz sicher. Die lebhafte Frau störte sich nicht daran, dass Bylle, ohne ein Wort zu sagen ihre Sachen machte. Von Frau Griese und Herrn Volkmann wusste sie, dass sie Bylle für eine Art fleißigen gut dressierten Affen hielten, der irgendwie durchs Leben kommen würde. Das hatte sie die beiden Lehrer hinter vorgehaltener Hand über sie sagen hören, als Bylle ganz allein nach der Aufführung des Märchens des Kaisers neue Kleider aus der Aula hatte gehen wollen aber an der Ausgangstür hatte warten müssen. Das war an Christi Himmelfahrt 1973, einer der beiden Feiertage im Jahr, die zumindest in den ersten Jahren als Elternsprechtage und für Musik- und Theateraufführungen genutzt wurden. Hilde hatte nicht die Zeit und wohl auch nicht das Geld gehabt, zu kommen.

Entsprechend fiel auch die Beurteilung am Ende des Schuljahres aus, die Johann-Wilhelm an dem Mittwoch vorgelesen hatte, an dem die ersten Sommerferien begonnen hatten. „Sibylle ist meist fleißig und aufmerksam, obwohl sie zuweilen aus ihrer sehr guten Arbeitshaltung ausbricht und abwesend oder verängstigt wirkt. …..“

Am letzten Schultag waren sie schon nach der dritten Stunde abgeholt worden, sodass Bylle zum Mittagessen zuhause war. Warum ihr Vater die Beurteilung vorgelesen hatte, wusste Bylle nicht. Sie fühlte sich überhaupt nicht wohl dabei, obwohl sie in vielen Punkten gelobt wurde. Sie befürchtete, dass von alledem, was in der Beurteilung stand, nur der Angsthase bleiben würde, als der sie dargestellt worden war. Und Bylle sollte  sich nicht täuschen.

Trotz des Angsthasen hatte sich schon längst etwas verändert seit Bylle zur Schule ging. Nur Mama Hilde musste sich nicht verändern. Sie hatte immer gewusst, dass Bylle ein einfacher und entwicklungsfähiger Mensch war und hatte sie so auch immer behandelt. Und sie hielt es aus gutem Grund weiter so. Wenn Bylle durch den Garten streifte, während Hilde darin arbietete, zeigte sie ihr neue Pflanzen und erzählte vom Leben in ihrem Garten. Sie wies Bylle auf Vogelstimmen hin. Und Bylle war oft die ERste, die etwas von der Ernte probieren durfte.

Oma Amalie war freundlicher als zuvor, jedenfalls meistens. Aber sie schien Bylle zu beobachten als ob sie darauf wartete, dass das Kind wieder auf eine frühere Stufe seiner Entwicklung zurückfallen würde. „Wie kann es sein, dass sich eine Sibylle ohne Augenlicht überhaupt und so gut entwickelt?“

Ihre Brüder scherten sich kaum um Bylle. Die Ausnahme war Markus, der dem Angsthasen den Gar ausmachen wollte. Er hatte ein Baumhaus gebaut, in das er Bylle einlud. Mit viel Geduld brachte er ihr bei die Leiter heraufzusteigen. Es war Gott sei Dank keine Strickleiter, sondern eine aus festem Holz.

Agathe musste mit Bylle das Zimmer teilen, was ihr nicht gefiel. Denn, wenn Bylle zuhause war, Zeigte ihr die Gegenwart der jüngeren Schwester besonders deutlich, das sie eine Familie hatte, und dass es ausgerechnet dieses Pack sein musste, mit dem sie verwandt war. Sie hatte sich inzwischen mit einigen Mädchen angefreundet, die, wie Agathe immer betonte, aus den besseren Kreisen waren. Warum ausgerechnet die Agathe nicht nur akzeptierten, sondern auch zur Anführerin gemacht hatten, verstand Bylle nicht.

In ihren ersten Sommerferien traf sie die fünf nur einmal. Denn normalerweise trafen sie sich nie auf dem Hof der Familie Leuchteblau, weil Agathe sich ihrer schämte. Die Mädchen waren wolh spazieren gegangen und dabei von einem aufziehenden Gewitter überrascht worden. Sie schafften es aber noch trockenen Fußes in das Haus der Leuchteblaus zu kommen. Hilde bot den Mädchen Kakao an. Und damit ihre Freundinnen nicht merken sollten, wie schäbig alles war, begann sie zu prahlen.

„Der Markus will Feuerwehrmann werden und zur DLRG. Die Bylle kennt die Zahlen bis 20 so wie wir nach dem ersten Schuljahr auch. ….“ Warum musste das Gewitter nur so lange dauern?

Agathe hatte romantische Vorstellungen von Internaten. „Das ist doch ganz bestimmt toll da!“, sagte sie oft, wenn sie in ihren Betten lagen. Um eine Antwort geben zu können, musste sich Bylle Ellie vorstellen. „Da willst du nicht hin!“, sagte Bylle schließlich mit einem Ton in der Stimme, der Agathe im Grunde davon überzeugte, dass Bylle recht hatte. Aber sie wollte einfach nicht, dass ihre jüngere Schwester recht behielt. Da sie aber zu gut wusste, dass stimmte, was Bylle sagte, wollte sie erst recht nicht ihre eigenen Vorstellungen verraten. „Was soll da so schlimm sein, dass ich da  nicht hin will?“ „Das Essen zum Beispiel!“, erwiderte Bylle und drehte sich um, um endlich schlafen zu können. Agathe hielt den Mund. Aber Bylle wusste, sie würde immer wieder mit diesem Thema anfangen. Alles oder zumindest fast alles, was ein anderer hatte, und was sie nicht hatte, musste besser sein als das, was sie nicht hatte. Bernd lernte schon langsam, dass man nicht alles haben kann, und dass manches gleich ist wie das, was man auch hat und man manchmal auch derjenige ist, der das Beste bekommt. Aber manche lernen diese Sachen nie wie Agathe. Die meiste Zeit in den sechseinhalb Wochen fühlte sich Bylle wohl, da sie viel Zeit damit verbringen konnte, im eigenen Tempo durch den Garten und die Umgebung zu streifen.“

Gesken hielt im Lesen inne und stellte die Stereoanlage an. Bylle spielte einen altdeutschen Tanz, der nach einem Sommerball klang. Die Kommissarin sah sich um und stellte fest, dass die meisten Menschen im Speiseraum leicht irritiert wirkten, obwohl bislang kaum etwas vorgertragen worden war, das die „Schicksalsgenossen“ noch nicht wussten oder anders war, als sie gedacht hatten. Es war wohl angemessen, wie Gesken über Euterpe Leonberger Bylle näher kam.

„Das zweite Schuljahr begann am 30. Juli und brachte für Bylle viele Veränderungen. Albertine und Flora wurden Tagesschülerinnen und fuhren jeden Nachmittag um viertel nach vier nach Hause. Bylle und Ramona blieben aber nur wenige Tage allein in Zimmer eins in Gruppe eins. Denn am Donnerstag wurden die neuen Erstklässler eingeschult. Ihre neue Zimmergenossin war Konni, die wenige Tage nach Beginn des Schuljahrs sieben Jahre alt wurde.

Frau Feldmann war in Rente gegangen. Bis sie Ende des Jahres 1973 zu ihrer Tochter nach Norddeutschland zog, kam sie mindestens einmal in der Woche zu besuch. Warum hatte man ihnen das nicht gesagt? Auch bei den Lehrern änderte sich etwas. Katholischen Religionsunterricht gab die blinde Lehrerin Frau Gerhards. Frau Hiltmann war nicht mehr da. Es hieß, dass sie seit 01. August für eine religiöse Zeitschrift arbeitete. Als sich der 72er Jahrgang zum 20. Einschulungstag traf, erzählte Albertine, das sie aus sicherer Quelle wüsste, dass Frau Hiltmann einen sehenden Ehemann gefunden hatte, 10 Jahre in der Zeitschriftenredaktion gearbeitet hatte sich dann aber selbst getötet habe. Und Bertram von Hohlberg hatte gesagt: „Merkst du was Bylle? – Man wird nie das arme Landei los, was in einem steckt. Da kann man schon Frust schieben, nicht wahr?“

Im zweiten Schuljahr hatten die Zweitklässler nur noch einen Nachmittag frei. Bylle war froh über mehr Lernzeit. Und die freie Zeit zwischen dem Unterricht, der um viertel nach vier endete und dem Abendessen um sechs konnte sie oft allein draußen verbringen. Das hatte sie Frau Kopp zu verdanken, die für Frau Feldmann gekommen war. Sie schaffte viele der Kontrollen ab. Wie sie auch Frau Braun dazu brachte, die Freizeit der jüngeren Kinder nicht mehr zu überwachen, fand Bylle nie heraus.

 

Im Jahr 1973 war Bylles Lerngeburtstag ein Mittwoch und ein sehr ereignisreicher Tag. Der Tag war so aufregend gewesen, dass Bylle sehr lange nicht hatte einschlafen können.  Am Vormittag hatten sie im Sachkundeunterricht über Wind, Wetter und Himmelsrichtungen gesprochen. Wie immer hatte sich Albertine eifrig mit den Fingern schnipsend gemeldet. Aber Herr Volkmann hatte den Prinzen angesprochen. „Bertram, welche Grundhimmelsrichtungen kennst du?“ „Norden, Osten, Westen und Süden!“, hatte Bertram geantwortet. „Und welche Himmelsrichtungen gibt es sonst Noch?“ Herr Volkmann wartete ob sich außer Albertine noch jemand meldete ließ sie aber schließlich zu Wort kommen. „Nordos, Südost, Südwest und ähm!“, sagte Albertine. „Bylle?“ Bylle dachte an Alma und wie sie in verschiedene Himmelsrichtungen schnüffelnd an einer Stelle stand. „Nordwest!“, erwiderte Bylle. Im selben Augenblick klingelte es zur ersten großen Pause. Obwohl sich so etwas schon häufiger zugetragen hatte, war etwas ganz anders als sonst, was sich Bylle zunächst überhaupt nicht hatte erklären können.

Sie hatte sofort gemerkt, dass etwas anders geworden war. War das der Tag gewesen, an dem Albertine, Flora und auch Konni zum ersten Mal sie wie die Erwachsenen als „gut dressierten Affen“ bezeichneten? Hatte Albertine Bylle auf andere Art oder länger geschnitten wie sie es zuvor getan hatte, wenn Herr Volkmann Bylle aufgerufen hatte?

Am Nachmittag nach der Schule nahm sich Bylle das Dreirad mit dem Griff aus dem Keller und fuhr durch das Gelände der Schule. Dabei war sie in Gedanken wieder mit dem Vormittag beschäftigt. Plötzlich tauchten drei ältere Jungen aus Gruppe drei auf und versperrten ihr den Weg. Zwei hielten das Dreirad vorne fest. Der Dritte ging nach hinten und nahm den Griff.  „Wen haben wir denn da? Ach, die Bylle den gut dressierten Affen aus Gruppe eins!“ Sie zogen Bylle den kleinen Berg hinauf, den sie den alten Berg nannten, weil es hieß, dass unter ihm Steine von ehemaligen Gebäuden lagen. Der Hügel war inzwischen mit Bäumen und Sträuchern bewachsen. Oben angekommen drehten die Drei das Dreirad um und der, der die hintere Stange hielt, schubste Bylle mit aller Kraft den Abhang hinunter. Sie rannten weg.

Bylle, die keine Kontrolle mehr über das Fahrzeug hatte, raste den Berg hinunter. Das Dreirad fuhr über eine Wurzel, überschlug sich und krachte gegen einen Baum. Bylle wurde aus dem Sitz geschleudert und fiel ebenfalls gegen einen der Bäume.

Sie hatte keine Ahnung wie lange es gedauert hatte, bis sie sich wieder aufrappeln konnte, um nach dem Dreirad zu suchen. Auseinander gefallen war das Gefährt immerhin nicht. aber viele Teile waren verbogen. Und Bylle hatte Mühe das Ding in die Gruppe zurückzuschleppen. Es hatte keinen Sinn an Ort und Stelle zu bleiben und auf das zu warten, was passieren würde, wenn sie gesucht und gefunden würde.

In Gruppe eins angekommen traf bylle sofort auf Frau Kopp, die sie zur Rede stellte, was passiert war. Es dauerte seine Zeit, bis Bylle langsam antworten konnte: „Ich bin ‚rumgefahren. Da haben mich drei von den älteren Jungen aus der Gruppe drei geschnappt, mich den alten Berg ‚raufgezogen und ‚runtergeschubst!“ Da Frau Kopp vollkommen ruhig blieb, fiel Bylle das Sprechen nicht so schwer wie es sonst immer war. Aber natürlich sagte sie der neuen Betreuerin nicht, dass sie von den Dreien als „gut dressierter Afee“ beschimpft worden war, obwohl sie nicht wusste, ob die Frau diese Beschimpfung schon längst von frau Braun oder den anderen Mädchen kannte.

Frau Kopp sagte überhaupt nichts. sie sah sich die Verletzungen von Bylle an. Und sie telefonierte mit der Betreuerin von Gruppe drei. Allerdings bekam Konni Wind von der Sache. Und sie machte sich abends als Bylle, Ramona und sie im Bett waren, lustig: „Bylle als Flugaffe!“ Wären Jörg, Dirk und Florian mit ihr anders umgegangen, wenn sie allein unterwegs gewesen wäre? – Bestimmt! Denn sie war die vorlaute und witzige, kleine Konni. Dass sie auch die launische Konnie war, konnten die meisten Leute noch nicht wissen oder würden es nie wissen und wahrhaben wollen.

Schließlich gab Konni endlich Ruhe und schlief ein. Aber wie so oft konnte Bylle lange nicht einschlafen. Sie dachte über ihren Lerngeburtstag nach. Es reichte also nicht, lernen zu wollen und wirklich zu lernen. Man musste das Gelernte immer vorzeigen, damit man eine Schülerin und kein gut dressierter Affe war. Man musste wenigstens nachdem etwas Schlimmes passiert war, den Mund aufmachen und sich wehren, wenn man ein normales Mädchen und kein gut dressierter Affe sein wollte. „Mach’ den Mund auf, Bylle!“, war das Letzte, was Bylle an ihrem ersten Lerngeburtstag dachte.

Und Bylle machte den Mund auf! Was sie gleich am nächsten Morgen in ihrem Entschluss noch bestärkte, war die Tatsache, dass Konni mitbekommen hatte, was Bylle am vergangenen Nachmittag passiert war. Und sie erzählte Albertine und Flora davon. Und als alle drei in der großen Pause spotteten: „Bylle, dummer, magerer Flugaffe!“, schnauzte Bylle: „Ihr dummen Kühe! Aus euch hätten die dicke Flugkühe gemacht!“

Vielleicht war es die richtige Entscheidung gewesen aus sich herauszugehen. Aber Bylle übertrieb. Und zumindest ein viertel Jahr lang merkte sie das nicht. Sie meldete sich im Unterricht immer selbst. Sie schimpfte, wenn ihr zum Schimpfen war. Sie bemitleidete sich selbst, wenn sie wieder einmal zu hören bekam, dass ihre Kleidung Hochwasser hatte oder nicht gut roch, weil sie über der Heizung hatte getrocknet werden müssen, heulte ängstlich, wenn sie in der Turnhalle klettern musste und so weiter. Sie fühlte Elli und Alma nicht mehr bei sich. dazu war sie selbst zu laut, und ihre guten Geister waren zu leise.

Aber Anfang November hörte sie wieder auf aus sich herauszugehen. Ramona meinte: „Es wäre viel schöner, wenn du wieder so wärst wie früher. Da hast du immer gut zugehört.“

„Du willst doch nicht etwa sagen, dass ich dich im Stich gelassen habe?“

„Nein, das hast du nicht. aber du passt auf nix mehr gut auf!“

Und Bylle musste zugeben, dass sich vile Dinge geändert hatten aber nichts besser geworden war. Nicht nur, dass Ramona traurig war, Bylle Elli und Alma nicht mehr bei sich fühlte, auch wenn sie abends zur Ruhe gezwungen still im Bett lag. Sie fühlte sich wie eh und je fehl am Platz und in Gesellschaft einsam, obwohl ihr fast alle das Gefühl geben wollten, dass sie dazu gehörte, weil sie endlich so war, wie sie sein sollte. Und besser schlafen konnte sie auch nicht.

Es fiel Bylle nicht besonders schwer sich wieder weitgehend in sich zurückzuziehen. Aber dieses großmäulige Vierteljahr schadete ihr dauerhaft. Denn fortan wurde sie immer von allen, die sie seiner Zeit schon gekannt hatten, an diese Zeit erinnert, so dargestellt wie sie in jener Zeit gewesen war. Und viele Jahre später, an ihrem dreiunddreißigsten Lerngeburtstag begriff Bylle, dass sie in diesem Vierteljahr so gewesen war wie sie hatte sein sollen, selbstmitleidig, altklug, ehrgeizig udn von Gefühlen, wie Neid, Angst und Minderwertigkeitsgefühlen getrieben. Was nach dieser Zeit blieb oder gestärkt aus ihr hervorging, waren bestimmte Ängste, allen voran die Versagensangst und das Gefühl nicht zu genügen bei allem, was sie tat. Hatte sie durch die mächtiggewordnen Gefühle der Versagensangst und des Nichtgenügens nicht das gute Gefühl für Tätigkeiten verloren, die sie stärkten, beruhigten, erdeten und halfen, verloren? Aber sie tat diese Dinge doch noch, obwohl sie sich nicht mehr so gut anfühlen mochten wie vorher. Sie träumte noch und machte Geschichten. Bylle las, ging spazieren, legte sich ins Gras und lernte. Im Alter von fast 40 Jahren begriff sie, dass lesen, Geschichten machen und all die anderen Dinge, weiterhin für sie das getan hatten, was sie schon immer für sie geleistet hatten. aber sie hatten in der Tiefe geradezu heimlich gewirkt, als ob sie vor Verrat hatten geschützt werden müssen. Wenn niemand wusste, wie gut ihr das Lesen wirklich tat, kam auch niemand auf die Idee ihr Bücher madig zu machen.

So fanden Agathe und Oma Amalie gefallen daran, dass Bylle an den Wochenenden und in den Ferien Bücher aus der Schulbibliothek mitbrachte und gern daraus vorlas, und dass für Bylle das Beste daran war, sich selbst zu vergessen. Sie tauchte in die Welten der Bücher ab und nahm sie ohne Mühe mit. Und es störte Bylle keineswegs am Lesewettbewerb in der Schule teilzunehmen. Sie machte sich keine Sorgen, dass sie vor mehreren Lehrern vorlesen musste. Sie nahm sie eigentlich gar nicht wahr, da sie beim Text war und keinen Gedanken daran verschwendete, wie dieser Text vorgetragen werden musste. Den Lesewettbewerb in ihrer Altersgruppe gewann erwartungsgemäß Albertine. Und dann kamen die Weihnachtsferien.

Anfang Januar begann der Kommunionsunterricht. Das Problem war die erste Beichte. Bylle fürchtete sich auch noch, nachdem sie im Nebenraum bei ihrer Klasse das Bußsakrament längst abgelegt hatte. Bylle betete abends immer still zu Gott und vergaß dabei nie auch ihre Verfehlungen zu bekennen. Und da sie sich dabei nie abgewiesen oder missverstanden fühlte, fürchtete sie sich vor der allzu menschlichen Kontrolle bei der Beichte. Wenn sie nicht Elli und Alma bei sich gespürt hätte, hätte sie kein einziges Wort herausbekommen. Sie fühlte sich schuldig, nicht wirklich allein das Sakrament empfangen zu haben. Aber als Bylle am weißen Sonntag neben Marga bei der Messe war und die erste heilige Kommunion empfing, ohne dass irgendetwas Schreckliches passierte, wusste sie, dass sie sich nichts hatte zu schulden kommen lassen, als sie sich vor und bei der Beichte die Gegenwart ihrer beiden guten Geister vorgestellt hatte.

Am Tag vor den Sommerferien des Jahres 1974 packten Ramona, Konni und Bylle ihre Sachen und brachten sie in Haus sechs, wo sie nach den Ferien wohnen sollten. Sie lernten Frau Wilke kennen, die mit Frau Kopp zusammen arbeiten würde. Und Bylle freute sich, als sie am Mittwoch nach Hause kam und eine große Buchsendung für sie angekommen war, denn ihre Patin hatte seit ihrer Kommunion damit angefangen, Bylle Punktschriftbücher zu schenken.

Das dritte Schuljahr begann am 09. September 1974. Als Bylle an diesem Montag aus dem Bus stieg, beschlichen sie ungute Gefühle. Die Zankereien von Oma Amalie und Agathe saßen ihr im Nacken. und sie wusste, dass sie eine abgewetzte Reisetasche bei sich hatte, eine Jeans mit zu kurzen Beinen trug und ein T-Shirt anhatte, an dem die Ärmel ausgefranst und auch zu kurz waren. Außerdem hatte Bylle eine Plastiktüte dabei wie immer, wenn sie mit dem Bus in die Schule kam oder am Freitag nach Hause fuhr. Diesmal war die Tüte wie so oft nicht leeer. Es dauerte, bis Bylle 15 Jahre alt wurde, dass sie sich nicht mehr auf den Busfahrten übergeben musste.

Bylle war klar, dass sie nur dann einen guten Start in das neue Schuljahr haben würde, wenn es ihr gelang, die Plastiktüte vollkommen unauffällig in den nächsten Mülleimer würde werfen können. Also stieg sie aus dem Bus und ging so ruhig, wie sie es vermochte, auf den nächsten Mülleimer zu. Aber sie hatte Pech. Frau Süß, die in Gruppe zwei arbeitete, sagte: „Hast du zu viel oder wieder gar nichts gegessen heute morgen, Bylle? Beeil dich, die tüte wegzuwerfen!“ Warum mischten sich immer alle in alles ein? Alle wussten zwar, dass Bylle Schwierigkeiten mit den Busfahrten hatte. Aber so ein besonderer Tag, wie es der Anfang eines neuen Schuljahrs ist, braucht wohl für viele besondere Anhaltspunkte, um besonders und richtig denkwürdig zu werden. Und zu besonderen Anhaltspunkten können auch Dinge werden, die jeder kennt und schon länger da waren. Es braucht nur jemand etwas herauszugreifen und daraus eine Veränderung und damit einen Anhaltspunkt zu machen. Und es war Flora, die Bylles Peinlichkeit in einen Anhaltspunkt für alle umwandelte, indem sie mit ihrer sehr hohen Stimme rief: „Der hagere Riesenreiher ist auch wieder da!“ Bedauerlicherweise starteten die Busfahrer die Motoren ihrer Busse erst, nachdem Flora das gerufen hatte. Und ab sofort war Bylle der „hagere Riesenreiher“, wie sie der „gut dressierte Affe“ und die „jämmerliche Riesenunke“ geworden war und in aller Munde auch blieb. Der „hagere Riesenreiher“ würde zumindest während des gesamten dritten Schuljahrs in Mode bleiben, bevor dann im nächsten Jahr ein anderer Spott in aller Munde kommen würde. Bylle war sich sicher, dass keine dieser Schmähungen jemals in Vergessenheit geraten würde. Es wurde immer mehr und schlimmer, dass man hier in der Schule, und dass Oma Amalie und Agathe ständig über sie redeten und nicht mit ihr sprachen.

Bylle tat, was sie konnte. Und sie konnte diesmal wieder sich so verhalten, dass man ihr nicht anmerkte, was die Peinlichkeit und der Spott mit ihr machten. Sie ging ruhig über den Platz mit der Kastanie, die anders als die Kastanienbäume hinter den Wohnhäusern nie Früchte trug, warf die Tüte in den Mülleimer neben der langen Steinbank, dann ging sie nach Gruppe sechs in das letzte Zimmer, das sie nur mit Ramona teilen durfte, warf die abgewetzte Reisetasche auf ihr Bett, ging in den Tagesraum und nahm sich ein trockenes Brötchen aus dem Korb, der auf der Theke stand, die die Küchenecke vom übrigen Raum trennte und ging an dem Gebäck knabbernd zum Schulhaus. Und noch bevor es klingelte, stand sie vor dem Klassenzimmer. Warum hatte sie sich beeilen solllen?

Als Herr Volkmann kam, um die Tür aufzuschließen, hatte Bylle das Brötchen ratzeputz aufgegessen. Albertine flüsterte: „Ich sag dem Herrn Volkmann, dass du drinnen gegessen hast!“ Aber, da Bylle nicht reagierte und ruhig an ihr vorbei in die Klasse ging, petzte Albertine nicht.

Wie gut, dass der Herbst bald kam. Es war ein zauberhafter Herbst mit vielen Kastanien von den Bäumen hinter ihrer Wohngruppe, mit Wind, der sie angenehm durchpustete und mit den wunderbaren Gerüchen nach Laub, feuchter Erde, Kastanien und später roch es nach der Zuckerfabrik. Wann immer sie konnte, war Bylle draußen, lief durch das Laub und ließ zu, dass der Regen ihre Sorgen abwusch und der Wind ihren Kummer wegblies.  Sie streunte umher, dachte sich neue Geschichten aus, die sie, wenn sie nicht nach draußen durfte, mit Konni, den beiden Jungs aus Konnis Klasse, die mit ihnen in Gruppe sechs wohnten und mit Ramona durchspielte und auf Kassetten aufnahm. Denn Konni hatte zum Geburtstag einen Kasseettenrekorder bekommen. Und vor allem Konni drängte Bylle nach immer neuen Geschichten, sodass Bylle abends nach dem Abendessen, wenn sie sich gewaschen und umgezogen hatte, ganz oft an Elli und Alma denken musste, damit sie überhaupt einen Ton herausbrachte, wenn sie mit den anderen in der Spielecke des Tagesraums zusammen war und der Kassettenrekorder bereit stand.

Bylle freundete sich mit Gerda an. Gerda war 15 Jahre alt und wohnte schon seit ihrer Einschulung in Gruppe sechs. Gerda war sehr dick und hatte immer Hunger. Sie las, und sie las gerne vor. Und sie brachte Bylle das Schreiben mit der Punktschrifttafel bei. Da Gerda sehr geduldig war, lernte Bylle schnell ein Blatt in die Tafel zu legen und Punktschrift spiegelverkehrt mit dem spitzen Griffel zu schreiben. Aber so schnell, wie Gerda konnte wohl niemand Punkt für Punkt zu Papier bringen. Frau Gerhards, bei denen sie immer noch katholischen Religionsunterricht hatten, schrieb auch mit der Tafel, war schneller als Bylle aber bei weitem nicht so flink wie Gerda.

Gerda brachte Bylle auch die Kurzschrift bei. „Dafür bist du eigentlich noch zu klein!“ „ich bin nicht klein!“ „nee, klein bist du nicht. aber die Kurzschrift lernt man erst in der Hauptschule genauso wie das Schreiben mit der Schwarzschriftmaschine.“ „Bitte Gerda, welches Wort ist das A in der Kurzschrift!“ „Das A bedeutet aber!“

Und damit begann Gerdas Kurzschriftunterricht. Mitte Februar 1975 ging Bylle zum ersten Mal in die Bücherei und lieh sich ein Kurzschriftbuch aus. Krabat von Otfried Preußer, für das sie eigentlich noch zu klein war. Doch Bylle sorgte dafür, dass sie dieses Buch über die Befreiung eines Menschen immer wieder las. Es war das erste Buch, das Bylle für Agathe mit nach Hause nahm, das ihre Schwester nicht hören wollte. nachdem Krabat in der Mehlkammer ohne Erfolg hatte sauber machen müssen, maulte Agathe: „Hör auf damit! Hast Du nichts Besseres?“ Und im Verlauf der Zeit las Bylle immer mehr Bücher, die Agathe nicht hören wollte. Aber gerade diese Bücher waren es, die Bylle abends und nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, berührten. Es waren die schwierigen Jugendromane aus der Zeit des dritten Reiches, über Krankheit und Tot, die sie für sich ganz allein las. Sie sprach nicht über diese Bücher, während Konni, Albertine und Flora von Büchern schwärmten oder sie verrissen, las Bylle einfach nur und fühlte und dachte sich ihr Teil.

Ende Februar klagte Gerda über Schmerzen in ihrem rechten Bein. Und alle machten sich lustig: „Deine Beine können dein Gewicht schon nicht mehr tragen, weil du so fett bist!“ Nach dem Mittagessen am 07. März gab Gerda Bylle eine Schreibtafel in Postkartengröße und einen Griffel, dessen Griff eine Sattelform hatte. „Hier hab ich was für dich, dass du immer spiegelverkehrt schreiben üben kannst!“ Bylle wollte die beiden Schätze nicht annehmen, nicht einmal geliehen. aber sie sagte nichts, als ihr Gerda gegenüber stand und ihr die Sachen entgegen hielt. Bylle hatte ein merkwürdiges Gefühl. Es ähnelte dem, was sie an dem Abend empfunden hatte, als sie sich zum letzten Mal von Alma verabschiedet hatte. Und Bylle wusste plötzlich, dass die gute Zeit mit Gerda zu Ende war. „Ich schreib dir was, Gerda!“, sagte Bylle, als sie die Sachen annahm. Dann drückten sie einander sehr herzlich aber nur kurz, damit niemand auf sie aufmerksam wurde. Und Bylle ging in ihr Zimmer und steckte Tafel und Griffel in ihre abgewetzte Reisetasche, bevor sie zum Bus ging.

Am Wochenende war Agathe mit ihren Freundinnen unterwegs und Bylle schrieb Gerda eine Karte, die sie von Markus bekommen hatte, der von seiner Patin einen Karteikasten mit unbeschrifteten Karteikarten in Postkartengröße bekommen hatte.

„Liebe Gerda,

herzlichen Dank für alles! liebe Grüße an alle, die du triffst, besonders an Elli und Alma und deine liebe Oma, von der du mir erzählt hast!

Bylle“

Am Montag sagte Frau Wilke leichthin: „Die Gerda kommt erst nach den Osterferien wieder!“ Frau Wilke sagte das so, dass sie es selbst nicht glaubte, und dass Bylle es erst recht nicht glauben konnte, sodass Bylle noch genauer fühlte und wusste, dass die gute Zeit mit Gerda endgültig vorüber war. Und aus diesem Grund war es nicht die Hoffnung, die Bylle dazu veranlasste, die Karte, die Tafel und den Griffel sorgfältig indem kleinen Fach mit dem Schlüsselloch aufzubewahren, das in ihrem Schrank war. Es war ein eine Art Pflichtgefühl, das ihr nicht schwer fiel, was sie dazu brachte, die Sachen, die mit Gerda zu tun hatten, sorgsam und behutsam aufzubewahren.

Nach den Osterferien geschahen vier Dinge, die dazu führten, dass Bylle viel zeit mit dem Streunen durch das Gelände zubringen musste, um nicht ganz aus dem Gleichgewicht zu geraten und sich unauffällig verhalten zu können. Gerda kam wirklich nicht wieder. Am Montag und am Mittwoch in der sechsten Stunde mussten die Schüler der zweiten und dritten Klasse für das Theaterstück die sieben Raben üben, dass am 08. Mai, Christi Himmelfahrt zum Elternsprechtag aufgeführt werden sollte. Bylle war der zweite Rabe, dem der Krug mit dem Wasser, das die Schwester retten sollte, herunter fiel. Und Bylle versagte immer wieder kläglich. Denn unter den Augen von Herrn Volkmann und Herrn Mauser konnte sie sich die Schritte, die Bewegungen und den Text nicht merken. „Dabei ist es doch nur ein Satz!“, meinte Albertine immer und immer wieder.

Am Donnerstag der ersten Woche machten die Schüler der zweiten und dritten Klasse gemeinsam einen Ausflug in den Zoo . Und sie sollten darüber bis zum nächsten Donnerstag einen ausführlichen Aufsatz schreiben.

Den Lesewettbewerb in der Woche vor den Weihnachtsferien hatte wieder Albertine gewonnen. Herr Volkmann und Albertine hatten eine riesige Sache daraus gemacht. Und Herr Volkmann hatte damit begonnen, Bylle vorzuführen, wenn es etwas vorzulesen gab. ER ließ sie immer die schwierigen Sachen lesen. aber, da Bylle nie von Elli und Alma verlassen wurde, schaffte sie das Vorlesen immer tadellos. Außer, wenn sie etwas vorlesen musste, was sie selbst geschrieben hatte. „Das Einzige, was du wirklich gut kannst, sind die Aufsätze!“, meinte Herr Volkmann immer wieder zu Bylle. Das stimmte nicht. Und das wusste er auch.

Nach dem Besuch im Zoo wurde es schlimmer. Das lag wohl auch daran, dass Bylle als zweiter Rabe immer wieder versagte. „Dein Aufsatz über den Zoo ist wirklich der Beste von allen. Das zeigst du uns jetzt selbst mal. Lies ihn vor!“ Bylle gehorchte. Sie las ihren eigenen Aufsatz recht ordentlich vor aber nicht so gut, wie sie etwas aus dem Lese- oder Sachkundebuch vorgelesen hätte. Und das merkte natürlich jeder. „Das ist kein sehr gut mehr.“, sagte Herr Volkmann schließlich. Und seit diesem Tag musste Bylle ihre Aufsätze vorlesen, damit aus dem sehr gut nur ein gut wurde, und damit sich Flora und Albertine im Aufsatz nicht benachteiligt fühlten.

Der 30. April war ein Mittwoch. Als Bylle aus dem Nachmittagsunterricht in die Gruppe kam, hörte sie FrauWilke und eine Frau, die sie nicht kannte, in Besucherzimmer sprechen. „Es war schon sehr schlimm, das mit dem Knochenkrebs!“, sagte eine fremde Frauenstimme. Und da sie in gewisser Weise gut vorbereitet war, versagte ihr Verstand nicht sofort. Bylle begriff, dass Gerdas Mutter gekommen war, um die Sachen ihrer Tochter abzuholen. Und Bylle wusste, dass sie etwas tun musste, und was es war.

Bylle ging zu ihrem Schrank, schloss das kleine Fach auf, nahm Tafel, Griffel und ihre Karte heraus und ging mit den Sachen zum Besucherzimmer. Sie klopfte an. „Herein!“, rief Frau Wilke. Bylle öffnete die Tür mit der freien Hand und trat ein. Und plötzlich spürte sie Alma neben sich. „Ich hab hier noch Sachen, die der Gerda gehören!“, meinte Bylle schließlich. Ihre Stimme klang fremd, noch tiefer als sonst.

Gerdas Mutter stand auf und kam auf Bylle zu. „Wenn du möchtest, kannst du diese Sachen behalten. Dagegen hat die Gerda nichts!“, sagte die Frau schließlich. Ein Ding konnte Bylle nicht behalten. Sie konnte die Karte aber auch nicht wegwerfen. Also hielt sie sie Gerdas Mutter hin. Und die nahm sie an. Nachdem sie die Karte länger angesehen hatte, sagte sie: „Danke, Bylle!“ „Vielen Dank auch!“, erwiderte Bylle, drehte sich um, ging aus dem Zimmer, brachte Tafel und Griffel wieder in ihr Schließfach. Dann rannte sie nach draußen kreuz und quer durch das Gelände. Schließlich kam sie bei den beiden Schaukeln an, setzte sich auf eine und begann heftig zu schaukeln. Und endlich, nach einer Ewigkeit, konnte sie weinen. Still schaukelte und weinte sie vor sich hin. Und schließlich war Bylle ganz leer und konnte aufhören zu weinen. Doch die Tränen hatten nicht nur Sorgen und Trauer aus- und weggespült. Auch ihr gutes Zeitgefühl war weggeschwommen. Sie hatte keine Ahnung wie lange sie geweint und geschaukelt hatte. Und nur langsam nahm sie wieder wahr, was um sie her geschah.

Plötzlich setzte das Abendläuten der nahegelegenen Kirche ein. Bylle sprang von der Schaukel und rannte zu ihrer Gruppe. Sie öffnete die Haustür, ließ sie krachend hinter sich zufallne, rannte in den Waschraum, wusch sich die Hände und rannte in den Tagesraum. Das Tischgebet war schon gesprochen. „Wenn das noch mal vorkommt, gibt’s nichts zu essen. Aber jetzt setz dich ruhig hin und sei still!“, schimpfte Frau Wilke.

Das musste sie Bylle nicht zweimal sagen. Die setzte sich, goss sich Pfefferminztee ein und aß still ihr Abendbrot. Sie hatte plötzlich großen Hunger. Hatte sie je so großen Hunger gehabt? „Zwei Scheiben Schwarzbrot für Gerda, mit viel Butter drauf für Elli und jeweils zwei Scheiben Salami für Alma!“

Die Woche bis Christi Himmelfahrt war eine furchtbare Zeit. Bei den Proben für die sieben Raben ließ Bylle den Topf immer mit den falschen Bewegungen fallen oder vergaß, was sie entsetzt dazu sagen sollte. Am Montag vor Christi Himmelfahrt schaffte es Bylle unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft ihren Mut zusammenzunehmen und Herrn Volkmann zu bitten, ihre Rolle neu zu vergeben. Denn nicht alle Schüler der zweiten und dritten Klasse hatten eine Rolle im Stück bekommen. Flora zum Beispiel, war an dem Tag, als die Rollen vergeben worden waren, krank gewesen. Aber Herr Volkmann kannte kein erbarmen. Und Flora war wütend, denn sie hatte insgeheim ehofft, mitspielen zu dürfen. „Das kann ja nicht so schwer sein. Drei Sätze am Anfang mit allen anderen Raben zu sprechen, einen eigenen Satz zu sagen, als das Unheil passiert, einen eigenen Satz zu sagen, bevor die Erlösung kommt und dann zwei Sätze mit allen anderen zum Abschluss zu sprechen.

Hilde kam nicht an Christi Himmelfahrt. Bis halb zwölf blieben die Schüler in den Wohngruppen, während die Eltern mit den Lehrern sprachen. Dann gingen sie zur Aula. und um 11.45 Uhr ging der Vorhang auf. Der Direktor hielt eine Begrüßungsrede, die sehr lange zu dauern schien und an Bylle voreirauschte.

Es gelang Bylle sich mit den anderen ordentlich aufzustelllen. Es gelang ihr auch mit den anderen den gemeinsamen Text gedämpft zu sprechen. Und niemand hörte ihre Stimme heraus. Dann sagte Konni, di der erste Rabe war, ihren Satz und Bylle fiel der Topf aus der Hand. Einfach so, ohne dass sie die Sekunde, die sie hätte abwarten sollen, um die Dramatik zu erhöhen, hätte abwarten können. Und das Scheppern war lauter als sie es je gehört hatte. Bylle erschreckte sich so heftig, dass sie zu zittern begann. Diesmal hatte sie den Satz, den sie entsetzt hätte sagen sollen, nicht vergessen. Diesmal wurde er wohl durch das heftige Zittern, dass sie erfasst hatte, in ihrem Kopf so herumgewirbelt, dass er den Weg zu ihrer Stimme und ihren Lippen nicht fand. Was seinen Weg über ihre Lippen fand, war ein unterdrückter, verzweifelter Schrei, der aber nur als Krächzen zu hören war. Bylle sollte krächzen. Aber dieses Krächzen, dass das beste Krächzen war, das sie jemals von sich gegeben hatte, kam zu früh. Die fünf anderen Raben hatten noch nicht ihre Sätze gesagt. Die Verwandlung hatte noch nicht stattgefunden.

Bylle hatte sich instinktiv leicht abgewandt. Das half ihr aber nicht. Plötzlich, wie auf ein Kommando, wurden ihr von vorn und von den Seiten Hohngelächter, wütendes Zischen, zornige und verachtende Blicke entgegengeschleudert. Hohn, wut und Verachtung ballten sich zusammen und schossen mit heftiger Wucht auf Bylle zu und warfen sie um. Und da Bylle am Boden war, ging der Nachschub von Zorn, Verachtung und Hohn über sie hinweg und fand sein Ziel nicht mehr. Es war wohl diese Ziellosigkeit, die dafür sorgte, dass die gesammelte Abneigung fast ebenso schnell und plötzlich in sich zusammen fiel und sich auflöste, wie sie entstanden war.

 

Aber die Situation in der Aula und die Menschen waren so stark in Bewegung versetzt worden, dass irgendetwas folgen musste. Denn, was in Bewegung ist, will in Bewegung bleiben. Und was folgte, war Chaos. Die Zweit- und Drittklässler auf der Bühne regten sich auf, weil sie nicht wussten, wie es weitergehen sollte, die beiden Lehrer, die für die sieben Raben verantwortlich waren, diskutierten, was zu tun sei. Und das Publikum wurde auch unruhig. Ungefähr eine halbe Minute lang wirbelte das Chaos über Bylle hinweg, bis sie nach dem Schlag wieder richtig zu sich fand. Und dann hatte sie plötzlich einen Geistesblitz: „Keiner achtet auf mich!“ Dieser Gedanke duchfuhr sie heftig und vollkommen, dass er ihr einen starken Impuls versetzte, sodass sie sich aufrappelte und zu einer der beiden Türen huschte, die von der Aula in eine der beiden Umkleidekabinen des Schimmbads führten.

Die Tür zwischen Aula und Mädchenumkleidekabine war wie immer nicht abgeschlossen. Bylle schlüpfte durch die Tür und zog diese hinter sich zu. ihr kam dieses Geräusch sehr laut vor. Aber niemand sonst schien es gehört zu haben. Es brodelte hinter ihr  weiter, das Chaos.

Bylle setzte sich auf eine der beiden Bänke, um einen Augenblick zu verschnaufen. Schließlich stand sie auf, ging aus der Umkleidekabine zur Ausgangstür der Schwimmhalle. Aber diese Tür war verschlossen. Bylle saß in der Falle. Nach draußen in das leere Gelände konnte sie nicht. Und zurück gehen konnte sie auch nicht, zumindest so lange nicht, bis die Veranstaltung zu ende war oder aufgelöst wurde. Und sie hörte das Gemurmel aus der Aula noch immer. Und sie hörte das Brummen der Heizung und der Umwälzpumpe des Schwimmbads. Es war sehr warm. Aber bylle fror wie nie zuvor in ihrem Leben.

Wie angewurzelt stand sie da und wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie plötzlich Schritte hörte, die die Rampe heraufkamen, die an der Seite des Umkleideraums entlang zur Tür der Schwimmhalle führte. Dann klirrten die Schlüssel an einem großen Schlüsselbund und die Tür wurde aufgeschlossen.

„Bylle, komm ‚raus!“, sagte die freundliche, tiefe Stimme von Frau Fuchs. Aber Bylle konnte sich nicht von der Stelle rühren. „So schlimm, dass man im Flur vom Schwimmbad wurzeln schlagen muss, war es denn doch nicht, Mariellche!“, meinte eine Männerstimme mit einem leicht ostpreußischen Akzent, den Bylle von ihrer Großmutter mütterlicherseits kannte. „Du willst doch nicht verpassen, dass die Ramona Klavier spielt?“

Es mochte sein, dass sie das nicht verpassen wollte, aber erst, als Frau Fuchs auf sie zukam, und Bylle an die Hand nahm, konnte sich das Mädchen endlich wieder bewegen. Und zu dritt gingen sie diesmal die Treppe herunter, machten einen weiten Bogen um die Aula, damit niemand sie durch die Glastüren sehen konnte, gingen durch das ältere der beiden Schulhäuser in das Foyer der Aula und stiegen die Treppe zur Empore hinauf.

Von dort aus verfolgten der Hausmeister Herr Wiland, Frau Fuchs und Bylle das Ende der sieben Raben, hörten den Aplaus und die Ansage von Frau Nele Niklas, die die Klavierlehrerin von Ramona war und das Stück, das Ramona auf dem großen Flügel spielte. Und am Ende aplaudierte Bylle ihrer Freundin. Sie war froh, wie gut Ramona das geschafft hatte. Und ein Bisschen Schadenfreude kam schließlich in ihr auf. Wusste sie doch, dass Flora und Albertine auch gern vorgespielt hätten. Aber Ramona war nun einmal die Beste Pianistin. Konni ärgerte sich, dass heute die Big Band nicht spielte, in der sie trompetete.

Musik war ein trauriges Thema für Bylle. Nur, wenn Ramona spielte fühlte sie sich versöhnt mit der Musik. Zu den ältesten Erinnerungen von Bylle gehörte, dass sie zuhause im Wohnzimmer mit Markus Schallplatten gehört hatte. Die Singles hatte Hilde vor ihrer Heirat gesammelt. Und sie liebte die Schlager der 50er und frühen 60er Jahre. Bylle hatte immer getanzt, wenn sie sich unbeobachtet gefühlt hatte. Denn Markus zeichnete immer, während er Musik hörte.

Im Kindergarten hatten sie oft gesungen. Aber selbst bei den einfachsten Liedern hatte Bylle immer gebrummt. Das war in der Schule nicht besser geworden. Und Bylle war oft dafür getadelt worden.

Im zweiten Halbjahr der ersten Klasse hatte Herr Volkmann ihnen Blockflöten gegeben. Und Bylle war eine von denen gewesen, die überhaupt keine Ahnung von Musik gehabt hatte, und die deshalb die einzelnen Töne und kleine Lieder nur langsam lernten. „Ein hoffnungsloser Fall!“, hatte Herr Volkmann gesagt. Inzwischen spielte er seiner dritten Klasse nur Schallplatten oder Tonbänder im Musikunterricht vor. Das war ganz interessant. Denn so erfuhren sie, wer welche Musik erfunden hatte, und wie einzelne Stücke entstanden waren. Häufig wurde Bylle immer noch von Sehnsucht ergriffen, wenn sie durch den ersten Musiksaal ging, um in den zweiten zu kommen. Sie wusste, dass in den Schränken viele Musikinstrumente aufbewahrt wurden. Und überall standen im Raum Schlaginstrumente herum, die Bylle gern ausprobiert hätte. Aber die Schränke waren verschlossen. Und an die Schlagzeuge durfte sie nicht heran.

Nach Christi Himmelfahrt wurde besonders viel über Bylle und an ihr vorbei geredet und besonders wenig mit ihr besprochen. Elli und Alma schienen verschwunden zu sein oder mussten sich um Gerda und andere Menschen kümmern, die einen schweren Tot gehabt hatten und Trost und Hilfe brauchten. Und doch schaffte sie es, sich nicht anmerken zu lassen wie ihr das Gerede aber auch das Anschweigen, was ebenso häufig vorkam, unter die Haut gingen und an ihren Nerven zehrten, dass sie noch weniger aß als sonst und noch schlechter schlief als ohnehin. „Einfach umgefallen der lange Lulatsch!“ „Fallsucht oder wie?“ „Rabe krah, krah, krah!“

Am Dienstag nach Pfingsten änderte sich alles in Bylles Leben. Die letzte Schulstunde war ausgefallen und Bylle war ziellos durch das Gelände gestreift. Weil sie auf die Toilette musste und sich in der Nähe von der Aula befand, ging sie durch die große Tür und durch das Foyer. Als sie von der Toilette zurückkam, hörte sie Musik, die in der Aula gespielt wurde. Bylle hielt inne. Welches Instrument war das? –  Eine Flöte! – Eine Blockflöte war das aber nicht!

Bylle wurde von diesen Tönen magisch angezogen. Diese Klänge verzauberten sie so, dass es ihr so vorkam, als habe sie noch nie zuvor Musik gehört. und doch spürte sie überdeutlich, dass sie der Musik noch näher kommen musste, wenn sie den Zauber vollständig fühlen und Musik wirklich begreifen wollte. Die geschlossene Tür versperrte ihr einen Teil des Zugangs zu diesem Zauber und schloss sie in gewisser Weise aus.

Schließlich fiel Bylle ein, dass sie auf der Empore vielleicht mehr und besser hören könnte, was gespielt wurde. Sie ging die Treppe hinauf und drückte die Klinke der Tür, hinter der die Empore lag. Aber die Tür war verschlossen. Bylle setzte sich auf die Stufen und überlegte, was sie tun konnte, um dieser wundervollen Musik näher zu kommen.

Plötzlich verstummte die Musik und jemand kam aus der Aula. Einen Augenblick später wurde auch die Ausgangstür geöffnet. Und Herr Wieland fragte: „Soll ich Ihnen die Aula morgen Nachmittag wieder auflassen, Frau Niklas?“ „Das wäre wirklich nett, Herr Wieland, herzlichen Dank!“ „Da nich für!“ Und dann hörte Bylle wie die beiden Erwachsenen weggingen. Sie wartete noch einen Augenblick, lief dann die Treppe hinunter und zur Ausgangstür hinaus.

In den nächsten fast 24 Stunden schaffte Bylle es, sich nicht anmerken zu lassen, wie aufgeregt sie war, wie sehr sie die Frage umtrieb, ob es ihr wirklich gelingen konnte, unbemerkt in die Aula zu kommen und dem Zauber der Musik ganz nahe zu kommen. Bislang hatte auf etwas zu warten Bylle nie viel ausgemacht. Aber, als sie am Mittwochmorgen aufstand, begann das Warten auf die Begegnung mit der Musik eine schwere Last zu werden. Bylle befürchtete, diese Last könnte sie am Ende so niedergedrückt haben, sie so steif werden lassen, das sie, wenn es darauf ankommen würde, selbst etwas zu tun, nicht mehr in der Lage zu sein, zu reagieren.

Aber dann klingelte es zum Zeichen, dass die letzte Stunde des Tages zu ende war. Bylle schaffte es zügig aber nicht überhastet aufzustehen und das Klassenzimmer zu verlassen. Sie ging aus dem neuen Schulhaus, die Rampe hinunter unter dem Dach hindurch, dass die beiden Schulgebäude miteinander verband, durch das alte Schulhaus bis in den Eingangsbereich der Aula. Vor der Tür der Aula hielt sie einen Augenblick inne. Musik war noch nicht zu hören. Bylle drückte die Klinke vorsichtig herunter. Und die Tür ließ sich tatsächlich öffnen.

Bylle huschte durch die leere Aula bis zur Bühne. Dass der Parkettboden unter ihren Schritten knarrte, störte sie nicht. Was ihr aber Sorgen machte, war, dass es die hohen Seitentüren aus Glas gab, und sie vielleicht von Herrn Wieland, einer Erzieherin oder einem der sehenden Lehrer, die zufällig vorbei gingen, gesehen werden konnte. Man würde sie zur Rede stellen, was ausgerechnet sie in der leeren Aula tat.

Aber niemand ging draußen vorbei. Bylle kam unbehelligt bis zur Bühne, krabbelte darunter und legte sich flach auf den Bauch, um auf Frau Niklas und die Musik zu warten. Das Herz schlug ihr vor Aufregung bis zum Hals. War das Pochen so laut, dass es die Musik übertönen würde?

Bylle musste nicht lange warten. Ungefähr zwei Miunten, nachdem sie sich unter der Bühne verkrochen hatte, hörte sie, dass die Tür aufging. Und Frau Niklas kam mit leichten Schritten auf die Bühne zu, stieg die Stufen hoch und ging bis zum Flügel, vor den sie sich stellte und schließlich ihr Instrument kurz stimmte und zu spielen anfing.

Als Frau Niklas das erste Stück zu spielen begann, war Bylle sofort davon überzeugt, dass es richtig gewesen war, der Musik dieses Instruments näher gekommen zu sein, sich diesen Klängen hinzugeben und anzuvertrauen. Sie fühlte sich augenblicklich gleichermaßen tief und gut verwurzelt aber auch leicht und beflügelt, vielleicht wie ein Baum im Wind.

Aber Bylle war wohl zu weit unter die Bühne gekrochen, dahin, wo der Besen und der Aufnehmer der Raumpflegerinnen nicht hinreichten. Und da Bylle lebte und unmöglich vollkommen unbewegt hatte daliegen können, hatte sie wohl Staub aufgewirbelt und bekam einen Niesanfall. Frau Niklas hielt inne. Und plötzlich war es unheimlich still in der Aula.

„Wer ist denn da unter die Bühne gekrochen?“, fragte Frau Niklas schließlich ruhig und freundlich. Aber Bylle konnte sich nicht rühren geschweige denn eine Antwort geben. Frau Niklas machte eine Pause und sagte dann geduldig wie zuvor: „Du kannst ruhig unter der Bühne hervorkommen. Ich beiße bestimmt nicht!“ Es war die Geduld von Frau Niklas, die Bylle dazu brachte, zu versuchen sich in Bewegung zu setzen. Und tatsächlich ging es immer leichter vorwärts, nachdem sie die ersten Bewegungen gemacht hatte. Schließlich stand sie aufrecht aber zitternd vor der Bühne und musste an die sieben Raben und ihr Krächzen zur falschen Zeit denken. „Wer bist du denn? Und was machst du hier?“, fragte Frau Niklas sehr freundlich. „Iiiich b-b-bin d-d-die B-B-Bylle. G-g-gestern ha-ha-habe i-i-ich d-d-die schsch-schöne M-m-Musik g-g-gehört, d-d-die, S-s-sie m-machen. D-d-der w-w-w-wollte i-i-ich g-g-ganz n-n-ahe k-k-kommen!“

„Du bist also die Bylle, die beste Freundin von der Ramona! Die Ramona hat mir schon ganz viel von dir erzählt. Dann komm doch ‚rauf auf die Bühne und setz dich auf den Stuhl beim Flügel. Dann kannst du ganz gemütlich zuhören.“ Bylle ging zögernd auf die Bühne. Sie setzte sich aber nicht auf den Stul, sondern blieb stehen und hörte zu, wie Frau Niklas Querflöte spielte. Und Frau Niklas lud Byll ein, ihr immer zuzuhören, wenn sie mochte. So kam es, dass Bylle  in den Wochen bis zu den Sommerferien jeden Nachmittag in die Aula ging, um Frau Niklas eine STunde lang zu lauschen.

Nur an den letzten drei Tagen des Schuljahrs konnte Bylle nicht kommen. Denn als Bylle am 11. Juli nach Hause kam, erfuhr sie, dass ihr Vater am Tag zuvor gestorben war. Johann-Wilhelm Leuchteblau hatte am 10. Juli gegen 16.00 Uhr beim Distelschneiden den plötzlichen Herztot erlitten und war ungefähr eine Viertelstunde später von Markus gefunden worden. Aber es war Agathe, die auf Bylle zustürzte, als sie aus dem Bus stieg, die Bylle auf die Haustür zuzog, sie gegen die Hauswand drückte und theatralisch sagte: „Bylle, gestern ist der Papa gestorben!“ Warum drängte Agathe Bylle an die Mauer? Glaubte sie etwa, Bylle würde ihr nicht zu hören oder könnte, wenn sie nicht in die Enge getrieben würde, der Tatsache, dass ihr Vater gestorben war, ausweichen? Bylle fühlte sich wie so oft von dem, was Agathe tat, überfordert und verstand ihre ältere Schwester nicht. Nicht, dass Agathe keine wahren Gefühle hatte und deshalb übertreiben musste, um Gefühle vorzutäuschen. Agathe steigerte sich in ihre Gefühle hinein. So lud sie das, was ihr besonders unangenehm war auf einem ab. Oder sie schüttete ihre Gefühle so gründlich aus, dass in ihr eine Leere entstand, die sie auffüllen wolllte, indem sie Gefühle von ihren Mitmenschen provozierte. Bylle spürte, dass Agathe diesmal wieder einmal Gefühle von ihr tanken wollte. Aber sie musste nicht reagieren. Denn die Brüder kamen aus dem Haus, allen voran Markus, der Agathe anbrüllte: „Mensch, Agathe, hör auf am Rad zu drehen! Und bist du taub? Die Mama hat dich gerufen!“

Agathe ließ von Bylle ab. Aber in der nächsten Zeit drehte sie ständig am Rad. Wann immer sie konnte, heischte sie nach Mitleid, weil sie angeblich viel mehr als alle anderen unter dem Tod des Vaters litt. Sie half zwar eifrig beim Um- und Ausräumen versuchte aber dabei, alle zu kontrollieren, machte Theater, wenn Dinge wegegeben werden sollten, die sie unbedingt behalten oder haben wollte und geriet in Wut, wenn irgendjemand etwas haben oder behalten wollte, dass sie für wertlos oder überflüssig hielt.

Am 16. Juli 1975 wurde Johann-Wilhelm Leuchteblau um 15.00 Uhr beigesetzt. Es war, wie man in dieser Gegend sagte: „Eine schöne Beerdigung!“ Denn es kamen viele Leute und die meisten von ihnen nahmen ehrlich Anteil an der Messe und der Trauerfeier. Markus begleitete Bylle. Agathe hatte sich geziert, als Hilde von ihr verlangt hatte, dass sie Bylle mitnehmen sollte. Agathes Blick genügte, dass Markus meinte: „Ich nehm die Bylle gern mit!“ Und Agathe zog einen Flunsch, denn sie hätte gern mehr gezankt.

Bylle vermisste ihren Vater und trauerte um ihn. Da aber von Anfang an nicht die ganzen Tage und Nächte von Sehnsucht und Trauer geprägt waren, war sie felsenfest davon überzeugt, dass sie ihn nicht genug vermisste und nicht genug trauerte. Und dabei kam sie sich sehr undankbar vor. Schließlich hatte sich seitdem Bylle zur Schule ging, die Beziehung zu ihrem Vater Schritt für Schritt verbessert. Zumindest, wenn sie einander im Stall oder draußen irgendwo begegnet waren, hatte sich Johann-Wilhelm Leuchteblau mit Bylle befasst, hatte ihr die Tier- und Pflanzenwelt und die Landmaschinen gezeigt. Denn im Stall und draußen hatte er seiner Mutter nie Rechenschaft ablegen über das, was er tat, ablegen müssen. Denn Oma Amalie hatte seit Bylle denken konnte, das Haus nie verlassen, obwohl sie nicht so stark gehbehindert war, dass sie es nicht hätte verlassen können. „Wie eine Spinne im Netz!“, hatte Markus gesagt.

Abends vermisste Bylle ihren Vater besonders. Das änderte sich auch nicht, nachdem die Familie am 01. August in das neue Haus im Ortskern gezogen war. Als der Vater noch gelebt hatte, hatten sich die Erwachsenen abends immer noch unterhalten und mindestens einmal in der Woche waren Freunde des Vaters gekommen, um mit ihm Skat zu dreschen. Da Oma Amalie sich schon tagsüber genug über Hilde geärgert hatte, blieb es abends still im Haus. Oma Amalie wollte nicht das Haus und Hof verkauft wurden. Aber Hilde sah keine andere Möglichkeit. Und mit dem Verkauf des Gehöfts konnte sie das neue Haus kaufen, Schulden abtragen und ihr neues Haus einrichten. Sie hatte nicht alles Weide- und Ackerland verkauft, sodass die Familie von Pachteinnahmen, der kleinen Witwenrente der Mutter und den Halbwaisenrenten der Kinder leben konnten. Hilde putzte die Hauptschule und war mehrere Stunden Zugehfrau für zwei alte Damen. Diese Arbeiten hatte ihr Margas Mutter vermittelt, die immer zur Stelle war, wenn Hilde Hilfe brauchte.

Bylle vermisste nicht nur ihren Vater, sondern auch die zauberhafte Musik von Frau Niklas. Konni, die immer alles wusste, hatte Bylle erzählt, dass Frau Niklas in den Ruhestand treten würde. Das war am letzten Freitag vor den Ferien beim Mittagessen gewesen. Ramona hatte etwas dazu sagen wollen. Aber Albertine, Flora und Konni hatten sie nicht zu Wort kommen lassen. Und Bylle dachte oft: „Vielleicht war es doch ganz gut, dass ich mich nie getraut habe Frau Niklas darum zu bitten, ob ich selbst mal versuchen darf, auf der Flöte zu spielen. Dann wäre es  bestimmt noch viel, viel trauriger!“

Aber dann bekam Bylle am 08. August 1975 den ersten eigenen Brief. Als Markus ihr den Punktschriftbrief in dem DIN-A4-Umschlag gab, konnte sie es erst gar nicht glauben, dass ausgerechnet ihr jemand schrieb. Sie wartete bis die neugierige Agathe von einer ihrer Freundinnen zum Spielen gerufen worden war, ging auf die neue Terrasse und nahm den Brief aus dem Umschlag.

„Liebe Bylle,

ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute, Gottes Segen und ganz viel Trost und Hilfe von lieben Menschen in dieser schweren Zeit! Doch diesen Brief schreibe ich Dir nicht nur, um Dir mein Beileid wegen des Todesfalls Deines Vaters auszudrücken. Du bekommst diesen Brief auch, da ich weiß, dass Ramona Dir nicht mehr alles erzählen konnte, was sie Dir erzählen wollte und von mir ausrichten sollte.

Es stimmt zwar, dass ich ab dem 01. August in den Ruhestand getreten bin und nicht mehr als Lehrerin an der Blindenschule arbeite. Aber, da ich in der nächsten Zeit nicht wegziehen werde, besonders gern musiziere und Musikunterricht gebe, werde ich weiterhin mit anderen Lehrern der Schule und mit Schülern musizieren und meinen Privatschülern unterricht geben. Ich wünsche mir, dass Du am ersten Tag des neuen Schuljahrs zur gewohnten Zeit in der Aula bist, denn ich hab Dich ganz besonders gern als Zuhörerin und habe eine Überraschung für Dich!

Ganz liebe Grüße

Nele Niklas!“

Bylle freute sich über diesen Brief. Doch die Freude blieb von Anfang an nicht ungetrübt. Sie wusste genau, das Agathe nicht ruhen würde, bis Bylle ihr den Brief vorgelesen haben und ihr von dem Zauber der Musik erzählt haben würde, wie ihn Bylle vor den Sommerferien erlebt hatte. Und dann würden Spott und Neid kommen und Bylle die Freude ganz vermiesen. Bylle wusste, dass das ihr Geheimnis bleiben musste. Aber wo war es gut aufgehoben?

Nach langem Nachdenken hatte Bylle eine Idee. Gott sei Dank war sie lange genug allein. Sie zerriss den Umschlag in ganz kleine Fetzen und warf sie in den Papierkorb. Den Brief faltete sie zusammen und schob ihn unter die Decke in Pollux’ Korb. Niemand suchte dort irgendetwas. Und außer Markus und Bylle selbst wagte sich kein Familienmitglied an den Ruheplatz des großen Hundes. vor allem Agathe machte einen großen Bogen um alles, was mit dem Hund zu tun hatte. Natürlich wäre es etwas ganz anderes gewesen, wenn der Hund ein edler Pudel, ein reinrassiger Malteser oder Jagdhund gewesen wäre. Dann hätte Agathe ihn auch zu ihren Freundinnen mitgenommen und sich viel auf ihn eingebildet. Inzwischen glaubte sie nicht wirklich zur Familie zu gehören, ein Findelkind aus reichem Hause zu sein und verachtete nicht nur ihre Familie, sondern die meisten Menschen in ihrer ländlichen Umgebung.

So verabscheute Agathe auch Frau Nelli, ihre neue Nachbarin. Bei ihr dufte Bylle eine Woche, nachdem sie den Brief von Frau Niklas bekommen hatte, fast den ganzen Tag verbringen, weil alle anderen zum Möbelkauf gingen. Frau Nelli war Schneiderin gewesen und hatte jetzt immer noch eine Werkstatt für Puppen und Stofftiere. Und auch sie hatte keinen edlen Hund, sondern einen ganz gewöhnlichen schwarzen Kater, dessen rechtes Ohr gespalten war, und dem ein Stück des Schwanzes fehlte.“

Für die zweite Lesepause wählte Gesken ein Stück Latin Jazz, das sieben Minuten und zwanzig Sekunden dauerte. Gesken trank einen Schluck Kaffee. Dann ließ sie den Blick langsam durch das Speisezimmer schweifen. Auf Geskens Gesicht zeigte sich bald ein verschmitztes Lächeln, das sie weder unterdrücken konnte noch verstecken wollte, als sie erkannte, wie sehr die meisten Anwesenden sich bemüht hatten, an den neuen Ton zu gewöhnen, in dem in diesem Text von Bylle die Rede gewesen war, ohne dass ihre Vorstellung von ihrer „Schicksalsgefährtin“ verändern zu müssen, und wie irritiert Die Kohlmeiers, der dicke Prinz, die Begleiter und die alte Frau Gerhards waren, als die Musik erklang. Sie alle waren wohl davon überzeugt gewesen, diese beiden Ziele erreicht zu haben, und dass alles in der gewohnten Ordnung geblieben war, was Bylle betraf. Und dann hatte Gesken ausgerechnet diese Musik eingeschaltet, die mit dem Schwung ihrer Rhythmen und ihrer Klangvielfalt alles, was bisher in diesem Raum und in den Menschen vorgegangen war, durcheinandergewirbelt. Denn so, wie der ungewohnte Text und das, wovon er erzählte, anders war als von ihnen gedacht und gefühlt, war der Schwung die Vielfalt der Klänge und die vermeintliche Leichtigkeit dieser Musik auch etwas, was sie bylle nicht zugetraut und zugebilligt hatten.

Schließlich wandte Gesken ihre Aufmerksamkeit dem Ehepaar Kohlmeier zu. Albertine war vermutlich nicht nur beim ersten Lesewettbewerb die Erste gewesen. Sie war zumindest in dieser Gemeinschaft immer die Nummer eins, und sie war die Erste, die die Irritation, die in ihr aufgekommen war, überwand. Sie trank einen Schluck Kaffee, nahm ihr Strickzeug wieder zur Hand und lehnte sich zurück. Es war als ob sich die kräftige Frau nicht an die Stuhllehne, sondern an die herrschende Situation anlehnte. Das schien sie immer tun zu können, höchstens durch kleine lästige Zwischenfälle wie lesende Kommissarinnen und Latin Jazz kurz unterbrochen. Albertine verfügte über alle lebenspraktischen Fertigkeiten, die sie für den Alltag als Ehefrau, Mutter und ihren Beruf als Sozialberaterin für behinderte Menschen brauchte, war intelligent, gebildet und eine starke und selbstsichere Persönlichkeit. Doch Gesken dachte: „Aber wenn es etwas nichtalltägliches zu tun gibt, wenn etwas verändert werden soll oder muss, rührt die keinen Finger. – Warum nicht? – Sie glaubt tatsächlich, dass sie das nicht nötig hat. Sie glaubt, dass das alltägliche Leben und das Leben an sich funktioniert, wie Albertine Kohlmeier glaubt, dass das Leben  zu funktionieren hat, und dass sie immer, wenn sie es braucht, jemanden findet, der dafür Sorge trägt, dass das Leben so ist, wie Albertine es braucht und will.“ Und bislang hatte dieser unerschütterliche Glaube noch immer die entsprechenden Berge versetzt. Sie hatte es nicht nötig, selbst ein Fläschchen zu besorgen, es zu öffnen und den Inhalt in eine Flasche Amaretto zu gießen.

Der Mann war auf den ersten Blick ein schwerer und harter Brocken, sonnengebräunt, muskulös, mit sehr männlichen Gesichtszügen, strenger Kurzhaarfrisur und teuer und konservativ gekleidet. Als Gesken ihn ansah, versuchte er sofort ihrem Blick auszuweichen, was ihm nicht gelang. Er fürchtete zu recht, dass diese Frau mit den klaren Blauen Augen ihn bei näherem Hinsehen richtig einschätzen würde. Gesken sah, dass hinter der ausgehärteten Schale kein menschlicher weicher, sondern ein ein von Verwöhntheit und zu leicht erzielten Erfolgen durchgeweichter Kern steckte. „Wenn sich etwas durch Bylle geändert hatte, wenn etwas zu tun war, um weiterzuleben wie bisher, er würde es ohne zu zögern tun. Albertine musste gar nichts sagen.“ Und es war für einen harten Kerl ein leichtes ein Fläschchen zu kaufen, es aufzumachen und den Inhalt in eine Flasche Amaretto zu gießen.

„Als Bylle am ersten September aus dem Bus stieg, war Ramona nicht da, obwohl der Bus, mit dem sie immer kam, das Gelände schon wieder verlassen hatte, als Bylle aus ihrem Bus gestiegen war.  Bevor Bylle beim Mittagessen von Frau Kopp erfuhr, dass Ramona und ihre Mutter einen Unfall gehabt hatten und Ramona frühestens im Oktober wieder kommen würde, musste sie die erste Riesenportion von Herrn Volkmanns schlechte Laune  über sich ergehen lassen und in der zweiten großen Pause hören, wie froh Konni war, dass sie in der nächsten Zeit von Ramonas Dummheit verschont sein würde. Denn ihr gefiel es gar nicht, in diesem Schuljahr das Zimmer mit Bylle und Ramona teilen zu müssen.

Was ihr auch nicht gefiel, war, dass Bylle ihre Gewohnheit nicht abgelegt hatte, ihre Reisetasche schnell zwischen der sechsten Stunde und dem Mittagessen auszupacken. Ramona wusste, dass Bylle es dabei nie versäumte, kurz das Schließfach in ihrem Schrank aufzusperren, um die Sachen, die sie dort aufbewahrte, kurz anzufassen. Und diesmal entging Konni nicht, dass Bylle etwas aus ihrer Reisetasche nahm, um es zu den Dingen zu legen, die im Fach lagen. Sie hätte zu gern gewusst, was die Bylle in ihrem Geheimfach hatte. „Aber der gutdressierte Affe ist die Einzige, die abschließt, den Schlüssel abzieht und ihn immer wieder irgendwoanders hin tut!“, nörgelte sie, wenn sie mit Albertine und Flora über Bylle psrach.

Was zu der Tafel und dem Griffel von Gerda in das Schließfach kam, war der Brief, den Bylle von Frau Niklas bekommen hatte. Als sie ihn aus dem Seitenfach der Reisetasche nahm, versuchte sie an die Verabredung mit der alten Dame und an die zauberhafte Musik zu denken, aber sie schaffte es nicht sich darauf so weit zu konzentrieren, dass sie sich wenigstens ein Bisschen freuen konnte. Frau Kopp klingelte ungeduldig, um sie zum Mittagessen zu rufen.

So schlecht gelaunt wie Herr Volkmann am Vormittag gewesen war, so schlecht gelaunt war er auch am Nachmittag. Und da Albertine wohl stärker von seinem guten Willen und seiner Zustimmung abhängig war, als Bylle bislang gewusst hatte, verpatzte sie viele Antworten, wenn ihr Lehrer sie aufrief. „Wie heißen die neun Planeten unseres Sonnensystems? – Albertine?“ „Erde, Jupiter, Mars ähmmm!“ „Bylle und zwar rückwärts!“ Und wie üblich brauchte Bylle ihre Zeit, um antworten zu können. „Bylle, die neun Planeten rückwärts!“ Doch Bylle schaffte es immerhin sich von seiner Ungeduld nicht noch mehr unter Druck setzen zulassen, sodass sie die Planeten im Gedächtnis behielt. „Pluto, Neptun, Uranus,Saturn, Jupiter, Mars, Erde, Venus, Merkur!“ Herr Volkmann kommentierte diese Antwort nicht. Aber er war an diesem Tag so schlecht gelaunt, dass er zum ersten und einzigen Mal Albertine aufforderte diese Antwort zu wiederholen, wie man einen  gutdressierten Affen ein Kunststück immer und immer wieder nachmachen lässt. Aber der Platz für den gutdressierten Affen war längst besetzt. Und alle würden diese Sache so ungewöhnlich wie sie war vergessen.

Kurz bevor es zum Ende der letzten Stunde klingelte, meinte Herr Volkmann: „Und jetzt gebe ich Euch bis zum nächsten Montag eine Aufgabe. Ihr sollt einen langen Aufsatz über den Tag mit Eurem schönsten Ferienerlebnis schreiben.“ Bylle wünschte sich in diesem Augenblick sie könnte verschwinden, sofort und für immer. Denn sofort fühlte sie, dass alles, was sie in den Ferien erlebt hatte, wie ein Sumpf war oder wie Schneetreiben war. Es gab keinen Halt. Alles war rutsichg. Und in dem Morast oder Schneegestöber war nichts genau zu fassen oder zu hören. Vielleicht würde es irgendwann aufhören. Aber dazu reichte eine Woche einfach nicht.

Bylle zog den Kopf ein. „Die Aufgabe gilt auch für Dich, Bylle! Du brauchst gar nicht erst zu versuchen, den Kopf einzuziehen wie eine alte Riesenschildkröte. So weise wirst Du nicht. Und Du hast keinen Panzer, um Dich zu verkriechen!“ „Das mit dem Panzer stimmt!“, dachte Bylle traurig. Und in diesem Moment schrillte die Klingel.

Immer noch von der Erkenntnis erschüttert, nicht einmal einen Schutzpanzer zu haben, rappelte sich Bylle auf. Einmal in Gang gekommen, kam Bylle nur langsam voran. Aber sie schaffte den Weg aus dem Klassenzimmer, aus dem neuen bis zum alten Schulhaus und ins Foyer der Aula. In Bylle war es furchtbar laut. „Was wird mit Ramona?“ „Und wie soll das mit dem langen Aufsatz werden?“, brüllten zwei schrille Stimmen in Bylles Kopf. Und das Geschrei trieb Bylle an ließ sie aber auch mit angezogener Bremse vorankommen.

Und dann stand sie plötzlich vor der zweiflügeligen Tür der Aula, die geschlossen war. Abrupt zum Stehen gekommen prallten Bylles innere Unruhe und die Stille, die um sie herrschte zusammen. Es war ein harter Zusammenstoß. Es war ganz still um sie her. Aus der Aula, dem Foyer, dem alten Schulhaus und von draußen war gar nichts zu hören, obwohl es erst Nachmittag war.

Bylle erholte sich schließlich so weit von dem Zusammenstoß, dass sie ihre Hand nach der Türklinke ausstrecken und sie herunterdrücken konnte. Und tatsächlich ließen sich Klinke und Tür bewegen.

Offenbar war Bylle gehört und erhört worden. Denn plötzlich war es um sie her nicht mehr still. Und auch die kleinen Geräusche, zum Beispiel die Bewegung der Klinke, erreichten Bylle wieder. Der Grund dafür war, dass Frau Niklas sich Bylle zuwandte und mit ihr sprach. Die alte Dame hatte schon einige Zeit auf der Bühne gestanden und auf Bylle gewartet.

Vielleicht hatte sie mehr gespürt als gehört, dass Bylle gekommen war. Auf jeden Fall hatte sie intuitiv begriffen, was sie tun musste, um Bylle zu helfen. und so sagte sie, während Bylle über das Parkett auf sie zukam: „Guten Tag Bylle! Ich freue mich, dass Du endlich wieder da bist. Ich hoffe, Du hast meinen Brief bekommen. und Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen. Ich habe die versprochene Überraschung natürlich nicht vergessen. Aber erst mal kannst Du mir erzählen, was so los ist bei Dir!“

Und dann stand Bylle auch schon neben Frau Niklas auf der Bühne.