Elsa und Mimmi – Weihnachtsgeschichte

Guten Tag,

 

die Paula kann auch Weihnachtsromantik. Und tierische Geschichten sind ohnehin ganz mein Ding! Also kommt hier die Geschichte Elsa und Mimmi, die ich bereits im Jahr 2003 als Geburtstagsgeschenk für jemanden geschrieben hatte, die im Advent Geburtstag hat.

 

Elsa und Mimmi

Elsa lebte mit sieben anderen Mutterschafen, einem frechen Jährling und einem Bock zusammen. Die Herde gehörte einem alten Schäfer, Richard Weigand, der bis vor zwei Jahren mit einer weitaus größeren Herde, die mehr als zweihundert Mutterschafe gezählt hatte, umher gezogen war. Inzwischen war er Rentner und lebte auf dem Bauernhof, den er von seinen Eltern geerbt hatte und ließ die Schafe ausschließlich das Land abweiden, das zum Anwesen gehörte. Anderes Vieh hielt Weigand nicht. Und der Bock erklärte immer wieder wie gut das war. „Kühe, Ziegen Schweine und Federvieh untergraben den Zusammenhalt, die Moral und die Sitten einer Herde!“

Seine kleine Herde hielt Weigand, weil der Schäfer nun mal das Scheren nicht lässt. Und was das Scheren betraf, war Elsa froh, denn ihr Hirte konnte diesbezüglich mit ihr sehr zufrieden sein. Schließlich hatte sie im vergangenen Sommer vier Kg Wolle gegeben. Nach dem Auswiegen ihrer Wolle hatte der Schäfer stolz gesagt: „Das ist sehr gut! Es gibt immer mehr Leute, die nach schwarzer Wolle verlangen!“ Aber wirklich getröstet wäre Elsa nur gewesen, wenn sie tatsächlich jemanden kennengelernt hätte, der ihre schwarze Wolle wirklich mochte, denn es war überhaupt nicht leicht, das schwarze Schaf zu sein, auch nicht oder gerade in so einer kleinen Herde.

Außer Villa mochte kein anderes Schaf neben ihr grasen oder schlafen. Und Bella, die sich immer sehr wichtig vorkam, nicht zuletzt, weil sie einen großen Stein im Brett des Bockes hatte, behauptete immer wieder: „Die Tilla bleibt nur in deiner Nähe, weil sie zu dumm ist, dich nicht zu mögen.“

Auch der Bock übersah Elsa meist geflissentlich. Und wenn er doch einmal in ihre Nähe kam, stampfte er zornig mit dem Vorderhuf auf und senkte drohend den Kopf.

Eines morgens im November beobachteten die Schafe, dass Bella, die nicht nur besonders schön, sondern auch besonders neugierig und schwatzhaft war, am Rand des Pferchs stand und aufmerksam einem Gespräch folgte, das der Schäfer mit einem fremden Mann führte. Die anderen Schafe wollten schon hingehen, um endlich auch zu erfahren, worum es ging, als Bella sich umdrehte und mit wichtiger Miene auf die Mitte der Weide zusteuerte.

„Hört mal alle her!“, rief sie. Und alle Schafe bildeten einen Kreis um Bella.

„ich muss euch was erzählen!“, fuhr Bella so aufgeregt fort, dass ihre Stimme zitterte und höher klang als gewöhnlich, sodass ihre Schwester Emma, die immer eifersüchtig auf Bella war, spitz bemerkte: „Verdammt nah an der Ziege heute, was?“

bella ließ sich nicht beirren und sprach weiter: „In der Stadt wird es einen Weihnachtsmarkt mit einer lebendigen Krippe geben. Und weil wir eine so schöne, kleine Herde sind, sind wir mit dabei. Und an jedem Sonntag in der Vorweihnachtszeit wird es ein Adventssingen geben mit der Krippe malerisch im Hintergrund. Und zu diesem Singen kommt immer das Fernsehen!“

„Fernsehen?“, fragte Tilla.

„Das ist mal wieder typisch, dass du das nicht kennst!“, meinte der Jährling herablassend.

„Der Schäfer erzählt doch immer davon. Im Fernsehen kann man alles über die Welt erfahren. Und im Fernsehen gibt es nur berühmte Persönlichkeiten.“

„Und weil das nur was für Prominente ist, und weil uns die ganze Welt sehen wird,“, fiel Bella dem Jährling ins Wort und sprach dann weiter: „Darum müssen wir einen ganz besonders guten Eindruck machen.“ Und nach einer kurzen Pause fügte sie ganz leise hinzu: „Für mich ist das ja überhaupt kein Problem.“

Dann sahen die Schafe einander an, und der Jährling knuffte Elsa in die Seite: „Dich können wir aber nicht mitnehmen, wenn wir einen guten Eindruck machen sollen. Du passt nicht zu uns. Und abends, wenn es dunkel ist, sieht dich sowieso kein Schwein, du Mistvieh!“

„Mist machst du auch nicht gerade wenig!“, versuchte sich Elsa zu verteidigen.

„Du kannst mich mal! Ich werde diese Herde berühmt machen mit meiner Show! Schließlich beobachte ich die größeren Enkel des Schäfers immer, wenn sie für das Casting üben.“ Und der Jährling begann auf den Hufen zu tänzeln und Laute auszustoßen, die manchmal kurz und abgehackt und dann langgezogen oder sogar auf- und abschwellend klangen. Währenddessen stritten die anderen Schafe darüber, welches von ihnen das schönste und hellste Fell hatte.

Der Bock machte diesem Geschrei ein Ende, indem er mit dem Kopf kräftig gegen den Unterstand stieß, den der Schäfer erst vor einigen Tagen aufgestellt hatte. Und der Bock brüllte: „Ruhe in der Herde! Ihr versteht wieder einmal den Ernst der Lage und die Wichtigkeit des Ereignisses nicht. Es geht hierbei um nichts Geringeres als um die Schafsehre, die Bedeutung des Schafswesens für die Weihnachtsgeschichte an sich. Und darum werdet ihr nur genau das tun, was ich euch sage. Und das gilt ganz besonders für dich!“

Der Bock sah in Elsas Richtung und stampfte drohend mit dem Vorderhuf auf. „Individuen wie du, eh, schwarze Schafe, sind sogar in der Menschheit berüchtigt und verschrieen. Weigand wird zwar darauf bestehen dich mitzunehmen, weil du nun mal zur Herde gehörst, aber du wirst dich gefälligst vollkommen im Hintergrund halten. Du bist zwar keine Schande für die Menschheit aber dafür umso mehr für das Schafswesen!“

Etwa zwei Wochen später verlud der Schäfer die zehn Tiere auf den Hänger an seinem Traktor. Es war ein kalter Nachmittag mit Schneeregen. Elsa fühlte sich nicht wohl. Sollte die Zeit bei der lebendigen Krippe so werden, wie die Fahrt dorthin war, sah sie sehr dunklen Tagen entgegen. Auf dem Hänger stand sie zwischen Emma und Bella, die sie immer wieder in die Seite knufften. Vor Elsa stand der Jährling, der sich zu ihr umgedreht hatte, und einige Male nach ihr biss.

Schließlich hielt Weigand an und ließ die Schafe aus dem Anhänger. Auf dem Platz, auf dem der Weihnachtsmarkt stattfinden sollte, herrschte bereits geschäftiges Treiben, denn viele Menschen waren dabei Stände und Fahrgeschäfte aufzubauen. Als die Schafe auf den Stall, der sich direkt neben dem Weihnachtsmarkt befand, zugingen, hörten sie zwei laute Stimmen.

„ich bin für die Weihnachtsgeschichte unendlich wichtig und deshalb gebührt mir der Ehrenplatz ganz vorn in der Krippe!“, rief ein Esel.

„Ich wirke viel beruhigender auf die Menschen als du, durch meine imposante Größe und meine Gelassenheit!“, muhte ein Ochse.

Als die beiden aber die Schafe sahen, riefen sie wie aus einem Maul: „Ihr dummes Gesindel haltet euch gefälligst in der lebendigen Krippe ganz im Hintergrund!“, und der Esel fügte hinzu: „Ihr kommt in der Weihnachtsgeschichte ja nur deshalb vor, weil die Hirten bei euch gewacht haben. Ihr seid also höchstens indirekt beteiligt.“

Und während Weigand mit zwei anderen Männern, die wahrscheinlich die Besitzer von Ochs und Esel waren, den Stall für die Nacht vorbereitete, hielt der Bock eine Rede zur Verteidigung des Schafswesens vor allem für die Weihnachtsgeschichte.

„Wir Schafe repräsentieren das einfache Leben und die Friedlichkeit des Gottesreiches! Und das gilt in besonderem Maße auch innerhalb der Weihnachtsgeschichte. Das schöne Wollweiß unserer Felle wirkt auf die Menschen anheimelnd, friedlich und freundlich, was man auch daran erkennen kann, dass sie uns zur Beruhigung zählen, wenn sie  abends im Dunkeln liegen und nicht schlafen können. Unser Fell leuchtet dann für sie besonders friedlich und freundlich. Wer käme denn auf die Idee Ochsen oder Esel vor dem Einschlafen zu zählen?“

Der Hinweis des Bockes auf dieses Einschlafritual der Menschen veranlasste  Elsa sich in den hintersten Winkel des Stalles zurückzuziehen. Denn sie erinnerte sich noch zu gut an den Streit, den sie einmal mit Bella über diese Sitte gehabt hatte.

„Dass schwarze Schafe wirklich nichts taugen, kann man ja ganz einfach daran erkennen, dass man so was wie dich vor dem Einschlafen nicht zählen kann, weil man dich im dunkeln ja überhaupt nicht sieht! Außerdem bekommen die Menschen, wenn sie so was wie dich sehen, nur noch mehr Albträume als sie ohnehin schon haben.“

„Ich kann doch ganz beruhigend und freundlich blöken!“

„Und was glaubst du wohl, wer dein furchtbar gewöhnliches Blöken vor dem Einschlafen hören will, he?“

Und um die Diskussion zu beenden, hatte Bella Elsa wieder einmal kräftig in die Seite geknufft.

Als Elsa den geordneten Rückzug angetreten hatte, und es sich im hintersten Winkel so gemütlich wie möglich gemacht hatte, gingen die Streitigkeiten mit unverminderter Schärfe weiter. „Schönes Fell?“, höhnten Ochse und Esel wie aus einem Maul.

„Mein Fell ist viel schöner als eure Felle durch seine einzigartige schwarzweiße Zeichnung.“

„Es stimmt! Das Wollweiß eurer Felle ist geradezu langweilig und eintönig. Außerdem muss ich betonen, dass grau nicht gleich grau ist. Und wusstet ihr schon, dass sich Esel wieder großer Beliebtheit bei den Menschen erfreuen, und dass ich aus einer großen Zahl meiner Artgenossen für die Präsenz bei dieser lebendigen Krippe auserwählt worden bin? Ich bin also das Aushängeschild des Eseltums.“

Da die Menschen ihre Arbeit getan hatten und fortgegangen waren, und weil der Esel nach seiner Rede erst einmal verschnaufen musste, da er sich doch sehr aufgeregt hatte, trat Stille ein, in der plötzlich eine leise aber sehr klare Stimme zu vernehmen war. Die Stimme kam von oben und fragte: „Was genau meinst du mit einer großen Zahl?“

Alle sahen nach oben. Es war Bella, die als Erste die Sprache wieder fand. „Ruhe da oben auf den billigen Plätzen. Wer bist du mickriges Mistvieh überhaupt?“

„Zugegeben, Mimmi heißt man als Katze nur, wenn man mal einen Menschen hatte, dem kein besserer Name eingefallen ist. Und ich hatte früher so einen Menschen, der bis auf seine Einfallslosigkeit wirklich in Ordnung war. Aber, was tun mein Name und vor allem meine Größe jetzt zur Sache?“

Mimmi war wirklich mickrig, schwarz und mager. Außerdem fehlte ihr das rechte Auge. Doch sie saß sehr gelassen auf einem Dachbalken. Und es war ihr anzusehen, dass sie beschlossen hatte, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und sich souverän zu behaupten.

„Dir ist wohl überhaupt nicht klar, wo du hier bist! Dies ist eine lebendige Krippe, die den Menschen die Weihnachtsgeschichte erlebbar machen soll. Hier haben also Herumtreiber wie du absolut nichts verloren. Wer hat jemals davon gehört, das Katzen in der Weihnachtsgeschichte vorkommen? Da kommen noch eher Hunde vor, die die Schafe gehütet haben. Und hüte dich gefälligst davor, dich bei den Filmaufnahmen zu zeigen, wenn du schon nicht gehen willst!“, blökte der Bock böse.

„Dass das hier eine lebendige Krippe ist, pfeifen die Spatzen schon seit Wochen von den Dächern. Und auch das mit den Adventssingen ist schon lange in aller Munde. Das alles interessiert mich nicht. Ich bin nur wegen der Mäuse hier, die sich schon längst hier eingenistet haben und euer Futter fressen und alles verdrecken werden. Zwei habe ich eben schon erledigt. Dieses Pack wird auch immer dreister und arroganter. Die wissen längst, dass ich hier bin und versuchen mir auf der Nase herumzutanzen. Sie halten mich für einen Gegner, den man  nicht ernst nehmen muss, weil es viel größere Katzen gibt. Ich werde es mir hier irgendwo im Hintergrund gemütlich machen, wenn ich nicht gerade Mäuse jagen muss. Also braucht ihr keine Angst zu haben, dass ich euch die Show stehle. Ich bin wirklich nur deshalb hier, um meine Pflicht zu tun, wie es mindestens einer meiner Vorfahren in der echten Weihnachtsgeschichte auch getan hat.“

„Was bildest du dir eigentlich ein? Katzen kommen nicht in der Weihnachtsgeschichte vor und damit basta! Das wird ja immer schöner. Heutzutage darf sich wohl wirklich jeder in der Weihnachtsgeschichte wichtig machen. Das können wir doch nicht zu lassen!“ Der Bock war außer sich vor Zorn und stampfte mehrfach drohend mit dem Vorderhuf auf.

Mimmi sagte: Ihr glaubt wohl alles, was euch die Menschen als Flöhe in den Pelz setzen. Was die Zweibeiner betrifft, seid ihr wirklich ausgesprochen naiv. Wir Katzen nähern uns den Menschen grundsätzlich mit gesundem Vorbehalt. Und daher wissen wir, dass die meisten von ihnen keinen Sinn für Wesentliches haben. Und aus diesem Grund halten sie oft bedeutsame Dinge für allzu selbstverständlich. Wer hat denn wohl dafür gesorgt, dass die Vorräte für eure Vorfahren und für die heilige Familie den Ratten und Mäusen nicht szum Opfer gefallen sind?“

Bella warf sich stolz in die Brust und verkündete: „Das ist doch klar! Das war der heilige Geist! Der heilige Geist fuhr vom Himmel herab, kurz bevor die heilige Familie im Stall eintraf und säuberte den Stall von Ratten und Mäusen und gab diesem Ungeziefer die Erkenntnis ein, dass sie nicht nur weggehen sollten, sondern sich für die bestimmte Zeit vom Stall fernzuhalten hatten, eben bis die heilige Familie weggezogen war.“

Allmählich schien Mimmi doch die Geduld zu verlieren, was an dem zunehmend durchdringlicheren Glanz ihres smaragdgrünen Auges zu erkennen war. Und Elsa nahm an, dass ihr Schwanzende vor Aufregung zuckte, wie sie es häufig bei der dreifarbigen Katze beobachtet hatte, die bis zum Herbst mit ihnen auf dem Hof gelebt hatte.

„Vom Himmel herabfahren, um Ratten und Mäusen Erkenntnisse einzugeben, warum sollte dieser überflüssige Aufwand nötig sein? Schließlich hatte der Chef da oben uns längst erschaffen, damit wir diese Plagegeister kurz halten!“

„So eine heruntergekommene Größenwahnsinnige!“, brüllte der Bock.

Nachdem er so geschimpft hatte, war mehrmals ein leises Geräusch zu hören. Mimmi fauchte und ließ ihren Schwanz durch die Luft peitschen. Jetzt war sie richtig zornig. Und um sich selbst zu beruhigen, murmelte sie vor sich hin: „Und meine Vorfahren haben doch ihren Platz in der Weihnachtsgeschichte gehabt, ob die Menschen sie erwähnen oder nicht! Sie haben ihre Pflicht getan. Und sie haben den Stall durch ihr Schnurren zu einem gemütlichen Ort gemacht. Von Gemütlichkeit und Annehmlichkeiten verstehen wir nämlich was.“

Wenn das wirklich wahr ist, dürfte es für dich ein Leichtes sein uns zu beraten, wer von uns die angenehmste Ausstrahlung hat und deshalb die Nummer eins in der Weihnachtsgeschichte ist!“, sagte der Ochse.

Alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden. An der Art ihrer Zustimmung hörte Elsa, wie sehr jeder von ihnen davon überzeugt war, als Hauptdarsteller ausgewählt zu werden. Die Katze merkte das wohl auch. Und daher wollte Mimi zunächst nicht auf diese Idee eingehen. Darüber hinaus hatte sie längst genug von diesen Streitereien. Doch schließlich ließ sie sich doch dazu überreden, auch weil sie hoffte, so bei irgend jemandem einen warmen und gemütlichen Platz für die Adventszeit zu finden. Und so sprang sie zunächst dem Ochsen, dann dem Esel und danach auch den neun Schafen auf den Rücken. Und sie versuchte es sich bei jedem so gemütlich wie möglich zu machen, legte sich hin, streckte sich gemütlich aus, rollte sich zusammen, drehte sich auf die andere Seite, streckte sich aus und rollte sich zusammen. Und sie kam immer zum gleichen Ergebnis: „Nicht übel aber nicht wirklich toll und freundlich!“

Schließlich sprang Mimmi auf die Raufe und verfiel in nachdenkliches Schweigen.

„Alles nur Angeberei!“, maulte Bella, und der Jährling fügte Hinzu: !Natürlich! Sonst hätte sie sofort gemerkt, wer hier die beste Ausstrahlung hat, und wer der Star ist, ich natürlich!“

Es entstand eine Pause. Aber schließlich sagte Mimmi: „Irgendwie seid ihr alle ganz schön, auch wenn keiner von euch eine besonders freundliche Ausstrahlung hat. Ihr könntet euch ja auch damit abwechseln in der Weihnachtsgeschichte, eh, in dieser lebendigen Krippe wichtig zu sein und im Vordergrund zu stehen.“

Und Mimmi war die Enttäuschung darüber, dass sie keinen Freund für die nächste Zeit gefunden hatte, deutlich anzuhören.

Schließlich fiel die Katze in ein langes und tiefes Schweigen. Schließlich jedoch leckte sich Mimmi, nur um sich wider zu sammeln die rechte Vorderpfote und ließ dann den Blick ihres verbliebenen Auges wie zufällig durch den hinteren Teil des Stalles schweifen. Plötzlich sprang sie mit zwei gekonnten Sätzen auf Elsas Rücken. Sie legte sich min, streckte sich gemütlich aus, rollte sich zusammen, rollte sich dann auf die andere Seite, streckte sich aus und rollte sich wieder zusammen. Und endlich sagte sie so laut  , dass es alle hören konnten: „Entschuldige vielmals! Beinahe hätte ich dich vollkommen übersehen und das auch nur, weil es die dumme Zankerei gegen hat!“ Dann rollte sie sich richtig gemütlich zusammen und brummte Zufrieden: „Bei dir bleibe ich!“ Und dann begann sie laut zu schnurren.

„Das ist ja wieder mal so was von typisch! Schwarzes, unheilbringendes Pack, verträgt sich!“, schnauzte der Bock und fügte mit drohendem Unterton in der Stimme hinzu: „Aber, wenn ihr euch wirklich vollkommen im Hintergrund haltet, passiert euch nichts!“ Damit ließ er es endlich bewenden und wandte sich mit den anderen Tieren der Streitfrage zu, wer sich in der nächsten Zeit wann und wie wichtig machen durfte.

Da Elsa und Mimmi sorgfältig darauf achteten, vollkommen im Hintergrund zu bleiben, und da die anderen Tiere allzu sehr damit beschäftigt waren, sich wichtig zu machen und sich dabei misstrauisch zu belauern, blieben die schwarze Katze und das schwarze Schaf in der Zeit bei der lebendigen Krippe von bösartigen Nachstellungen unbehelligt. Und auch, was alles andere betraf, war es eine wundervolle Zeit. Die Umgebung war angenehm, und das Futter war gut und reichlich. Viele zauberhafte Düfte wehten vom Weihnachtsmarkt herüber. Und Elsa war sicher, dass sie den anheimelnden Duft von Tannenzweigen, Tees, Kerzen, Gewürzen, Kuchen und Mandeln nie würde vergessen können. Abends wurde es dann immer besonders zauberhaft und feierlich, denn zu den wunderbaren Gerüchen war der Glanz von vielen kleinen und großen Lichtern zu sehen.

Doch die Katze lässt nicht nur das Mausen nicht. Und so beschäftigte sich Mimmi häufiger und nach Herzenslust auf ihre ganz eigene Art. so beobachtete ein kleines Mädchen am vierten Advent, wie Mimmi auf dem Stalldach waghalsige Kletterübungen machte.

„Oma, guck mal!“, rief es fröhlich. Mutter und Großmutter folgten dem Blick des Kindes. In diesem Augenblick sprang die schwarze Katze mit einem gekonnten und eleganten Satz auf Elsas Rücken und machte es sich dort so richtig bequem. Die drei Menschen kamen zu Elsa und Mimmi herüber. Die alte Frau fasste in Elsas Wolle und streichelte sie.

„Na, das gibt im nächsten Jahr mindestens einen schönen, warmen Pullover. Und schwarz ist ja auch immer so schick!“

Das Mädchen fragte seine Mutter, ob es Mimmi mitnehmen dürfe. Aber die wollte nichts davon hören.

Als die drei Menschen schließlich gegangen waren, bedankte sich Elsa bei Mimmi, weil sie durch sie endlich einen Menschen getroffen hatte, der ihre schwarze Wolle wirklich mochte. Aber sie war auch sehr traurig, dass die kleine, schwarze Katze immer noch kein richtiges Zuhause gefunden hatte. Doch dann hatte sie eine Idee.

„Du könntest doch mit uns nach Hause fahren, wenn die Zeit der lebendigen Krippe vorbei ist und der warme Stall wieder abgerissen wird. Bei uns gibt es einen schönen, warmen Stall, in dem es immer wieder Ratten und Mäuse gibt. Und die Enkelkinder des Schäfers waren zu der dreifarbigen Katze, die bis zum Herbst auf dem Hof gelebt hat, sehr freundlich. Sie haben viel mit ihr gespielt und ihr manche Leckerei zugesteckt.“

„Aber ich bin doch keine dreifarbige Glückskatze, sondern nur ein mickriger, schwarzer Streuner. Und die anderen Tiere werden mich nicht akzeptieren.“

„Aber wir sind immerhin zu zweit!“

Aber natürlich konnte Elsa Mimmi sehr gut verstehen. Und so redeten sie nicht weiter darüber.

Und dann kam der Tag, an dem der Weihnachtsmarkt zu ende war. Weigand führte seine Schafe über den Platz, auf dem viele Menschen damit beschäftigt waren Stände und Fahrgeschäfte abzubauen. Er lud die Herde in seinen Hänger. Und Elsa dachte traurig daran, wie sehr sie Mimmi vermissen würde, als sie plötzlich spürte, wie die kleine, schwarze Katze auf ihren Rücken sprang und sich an ihrer Wolle festhielt.

Bella blökte sehr ungehalten: „Dieses kleine, schwarze Mistvieh von Katze muss aber ‚raus!“ Doch da schlug Weigand einfach die Klappe des Anhängers zu. Und als der Schäfer auf seinem Traktor gestiegen war, und sie durch die winterliche Landschaft nach Hause fuhren, war wirklich Weihnachten.

© Paula Grimm,01. Dezember 2017

Paulas Schreibtagebuch – Aktuelles über die Paula im November

Der November ist ein guter Monat für Veränderungen, nicht wahr?

 

Guten Tag,

in den vergangenen Tagen hat sich viel getan in Paulas Blogger- und Arbeitswelt. So habe ich es doch in diesem Jahr tatsächlich geschafft die Halloweengeschichte, die ich gefühlt vor hundert Jahren für ein Buchprojekt geschrieben hatte, zu überarbeiten und vorgestern hier zu veröffentlichen. Diese Kurzgeschichte findet ihr direkt unter diesem Beitrag. Mir tut es immer noch leid, dass der Verlag Raven & Winter, in dem Cucurbitus Rex in dem Band Trick Or Treat erscheinen sollte, seine Pforten schließen musste, noch bevor es richtig los ging.

Zusätzlich zum Zuwachs, den es hier in der Schreibwerkstatt gegeben hat, gibt es aber bezogen auf meine Schreibarbeit noch zwei Veränderungen, die wesentlich größer und zumindest für manche von euch interessanter sind.

1. Ein eigener Blog für das Felicitasprojekt

Ich muss zugeben, dass ich ziemlich „‚rumgeeiert“ habe, um eine Lösung zu finden, was die Entwicklung und Präsentation des zweiten Felicitasromans betrifft. Diejenigen, die häufiger in Paulagrimmsschreibwerkstatt vorbei schauen, wird aufgefallen sein, dass die Seite mit dem Titel Ausstellungsraum nicht mehr da ist. Den Fortgang des zweiten Romans in einzelnen Artikeln zwischen andere Beiträge der Schreibwerkstatt zu schieben und das vorläufige Ergebnis auf einer Unterseite des Blogs zu sammeln, passte irgendwie von Anfang an nicht. Ein eigener Blog musste her. DA ich zunächst Probleme mit der Reihenfolge der Posts hatte, wollte ich die Buchschatztruhe, einen alten WordPress.comblog, wieder belegen. Aber dann habe ich eine Möglichkeit gefunden, wie ich bei der neuen Seite, die ich bereits generiert hatte, die Reihenfolge der Posts einfach, ohne drag and drop, umkehren kann. Chronological Post Order macht’s möglich!

Der Anfang für den Roman Felicitas mit dem Untertitel Texte aus 1001 Nacht – Inkubatormodell Lici 2000 ist gemacht. Im Blog https://www.felicitasbuchbloggerei.de könnt ihr die Vorstellung des Projekts und den Anfang des Buches lesen. Ich hoffe, manchen von euch bereitet es Freude mir bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Und ich freue mich auf eure Fragen, Kritiken und Anregungen!

In seiner Rohfassung soll der zweite Band spätestens am 15. Mai 2018 fertig sein. Ich denke darüber nach die professionelle Nachbearbeitung und Ausstattung des Buches sowie die Veröffentlichung mit einer Schwarmfinanzierung möglich zu machen.

Was Anregungen und Kritiken betrifft, so werde ich sie sammeln und bis zum Ende offen halten, was mir dazu eingefallen sein wird, was ich verwenden werde. So könnt ihr bei der Lektüre des fertigen Buches bestimmt noch die eine oder andere Überraschung erleben! 😉

2. Die Schreibwerkstatt via Paypal unterstützen

Da dieses Blogprojekt einige Arbeit macht und die Kurzprosa ausschließlich in der Schreibwerkstatt und kostenfrei veröffentlicht wird, würde ich mich über Unterstützung sehr freuen. Aus diesem Grund gibt es auf dieser Webseite und in manchen Posts einen einfachen Spendenbutton, mit dem ihr nach euren Möglichkeiten und eigenem Gusto spenden und das Blogprojekt unterstützen könnt. Herzlichen Dank dafür!

Ich wünsche euch eine gute Zeit, viel Erfolg mit eigenen Projekten, gute Unterhaltung mit diesem und anderen Blogs!

Liebe Grüße

Paula Grimm


Eine Ausgrabung für Halloween – Cucurbitus Rex


Guten Tag,

bei Ausgrabungen in der Festplatte habe ich die folgende Geschichte gefunden. Sie sollte in ein Buch mit Halloweengeschichten, das bedauerlicherweise nicht zu Stande gekommen ist. Die Paula kann auch recht niedlich und nett. Das geht vor allem, wenn man es nicht erwartet. Viel Freude mit dieser Geschichte!

Liebe Grüße

Paula Grimm

Cucurbitus Rex

„ich nehme diesen Kürbis da!“, sagte Wolfgang Wendler. Er konnte sich selbst überhaupt nicht erklären, warum er mit der Verkäuferin hinter dem Marktstand im Befehlston gesprochen hatte. Und er zeigte nachdrücklich mit einem Finger auf einen großen, glänzenden Kürbis. Es war keineswegs das größte Exemplar, das Wendler unbedingt haben wollte. Es waren wohl die Farbe und der Glanz der Schale, die ihn sofort fasziniert hatten. Aber vielleicht war da auch noch etwas ganz anderes gewesen. Er konnte sich seine Entscheidung später nicht mehr erklären.

„Ist sich ganz besonderer Kürbis!“, sagte die Verkäuferin lächelnd, während sie den Kürbis auswog. Sie legte den Kürbis vor Wendler hin, beugte sich zu ihm vor und flüsterte ihm zu: „Fünf Euro, bitte!“ Die Frau sah so aus und hörte sich auch so an als ob es ihr grundsätzlich peinlich wäre für diesen Kürbis einen Preis zu verlangen. Wendler gab ihr einen Fünfeuroschein. Und als er seine Geldbörse einsteckte und den Kürbis nahm, wiederholte die Frau mit einem verschwörerischen Unterton in der Stimme: „Ist sich ganz besonderer Kürbis!“ Und während Wolfgang Wendler zu seinem Auto zurückging, fragte er sich ob er in der Stimme der Verkäuferin nicht auch etwas Drohendes gehört hatte. Oder bildete er sich das nur ein?

Wendler hatte den Kürbis gekauft, weil er seinen drei Kindern eine Halloweenparty versprochen hatte. Zu diesem Fest hatte er zwei befreundete Familien eingeladen. An diesem Abend würden sich insgesamt sechzehn Personen um seinen Esstisch versammeln. Und Wendler wollte um jeden Preis verhindern, das dieses Fest zu einer Maskerade im amerikanischen Stil mit den vielen Süßigkeiten und dem gruseligen Brimborium verkam. Der Kürbis war nichts weiter als das einzige Zugeständnis an Halloween. Und wenn Wendler die prächtige Frucht zu einer Suppe nach seinem Spezialrezept verarbeitet haben würde, war sie ohnehin nichts weiter als eine Hommage an die Jahreszeit und eine gute Portion Bildung und Geschmacksbildung nicht nur für seinen Nachwuchs.

Wolfgang Wendler war 35 Jahre alt und arbeitete als Gymnasiallehrer für Biologie, Geschichte und Sport. Der 31. Oktober war in diesem Jahr ein Freitag. Und Wendler hatte nur drei Stunden Unterricht gehabt. Als er an diesem Vormittag nach Hause fuhr, musste er sehr langsam fahren und ärgerte sich sehr darüber. „Da wohnt man nun in einer Gegend, von der es heißt, dass sie so flach ist, dass man morgens schon sieht, wer am Nachmittag zum Kaffee kommt. Und was hatte man davon? Vor allem im Frühjahr und im Herbst hat man selten eine anständige Sicht.“ Auch an diesem Vormittag hielt sich der Nebel, der von Feldern, Wiesen, Wäldern und den großen Teichen aufstieg, zäh und würde sich wahrscheinlich den ganzen Tag lang nicht vollends lichten. Und in Großbritannien gab es viele Regionen dieser Art. Es war kein Wunder, dass an solchen Orten Bräuche wie Halloween entstanden waren und sich wie der Glaube an Zauberer und Hexerei so hartnäckig hielten.

Zuhause angekommen trug Wendler den Kürbis in die Küche und legte ihn auf den Tisch. „Und jetzt wird nichts mehr schief gehen und alles so laufen, wie ich es will!“, dachte er. Seine Frau Irene und ihre beiden achtjährigen Söhne, Ben und Alex kamen aus dem Wohnzimmer. Und nur einen Augenblick später kam auch die kleine Selma die Treppe heruntergeflitzt. Die Zwillinge waren ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, blond mit runden Gesichtern und stämmigem Körperbau. Und Wendler war sehr stolz auf die beiden, da er sich einbildete, dass sie ihm auch charakterlich sehr ähnlich waren. Selma war vier Jahre alt und hatte wie ihre Mutter schwarzes Haar. Wendler sah sie mit missbiligendem Blick an. Denn sie trug ihr Katzenkostüm, das eigentlich nur für Karneval gekauft worden war. Er mochte nicht zugeben, dass sie darin mit ihrem aufgeweckten und pfiffigen Gesicht, in dem zwei dunkelblaue Augen glänzten, einfach bezaubernd aussah. „Das Gelump ziehst du aber gefälligst aus, wenn heute Abend die Gäste kommen! Ist das klar?“ Selma nickte traurig tröstete sich dann aber damit, dass sie bis zum Abend noch reichlich Zeit hatte, eine verspielte Katze zu sein.

Obwohl die Kürbissuppe eine Spezialität von Wolfgang Wendler war, hatten die Kinder noch nie einen Kürbis gesehen und bestaunten das große, glänzende Exemplar erst einmal wortlos. Schließlich meinte Ben bewundernd: „Boah, Papa, das ist aber wirklich ein richtiger Kawenzmann!“

„Und deshalb werde ich die Kürbissuppe auch in dem großen Einweckkessel von Oma machen!“

„ich finde, der sieht richtig schön aus!“, meinte Selma und berührte die Schale der Frucht ganz behutsam.

„und ich sage euch, dass ich aus diesem Kürbis, botanischer Name Cucurbita, eine exzellente Suppe zubereiten werde, die einerseits rustikal und kräftig und andererseits rafiniert und delikat sein wird. – Übrigens, züchten Menschen seit fünftausend Jahren fünf verschiedene Sorten von Kürbissen.“

Um sich für den Vortrag, den er seinen Kindern halten wollte, zu stärken, ging Wolfgang Wendler zum Kühlschrank, auf dem die Thermoskanne mit dem Kaffee stand, nahm sich seine Tasse, die daneben stand, goss sich Kaffee ein, nahm sich ein Stück Zucker, rührte kurz und heftig um. Dann wandte er sich wieder dem Küchentisch, dem Kürbis und seiner Familie zu. Er holte tief Luft kam aber nicht dazu weiter zu sprechen. Denn plötzlich war ein leises aber doch sehr deutliches Summen zu hören, das ihn innehalten ließ. Das Summen kam nicht vom Kühlschrank und auch nicht von der Heizung. Das wurde Wendler ziemlich schnell klar. Konnte das Summen von dem Kürbis kommen?

„Papa, ich weiß ja nicht wie lange fünftausend Jahre sind. Aber Kürbisse werden schon seit acht- oder zehntausend Jahren vor Christus von Menschen gezüchtet. Das ist sogar durch Funde bei Ausgrabungen belegt!“, erklärte Selma plötzlich.

„Wie um drei Teufels Namen kommst du denn darauf?“

„Da bin ich gar nicht selbst drauf gekommen. Das hat der Kürbis gesagt!“ Und als alle anderen sie ungläubig ansahen, fuhr sie fort: „Und der muss es ja schließlich wissen. Er ist ja selbst ein Kürbis“

„Hör’ jetzt mal gefälligst genau zu, Selma! Der Kürbis weiß überhaupt nichts. Und deshalb weiß er auch nichts über sich selbst. Denn er ist nur eine Pflanze, ein Kürbis eben!“ Und während ihr Vater sprach, hatte er wie so oft und wie alle anderen diesen übertrieben geduldigen Ton in der Stimme, den Selma überhaupt nicht leiden konnte, auch, weil sie ihn allzu häufig zu hören bekam.

„Warum glaubst du, dass der Kürbis nichts weiß? In ihm sind bestimmt viele von den Sachen drin, von denen du behauptest, dass man sie zum Leben braucht, weil sie sooo gesund sind. Und diese Sachen braucht man dann ja auch zum Lernen, Denken und Wissen!“

Wolfgang Wendler, Alex und Benn kamen nicht dazu Selma auszulachen oder zu belehren. Sie hielten irritiert inne, denn der Kürbis summte abermals und drehte sich auf die Seite, sodass er hochkant auf dem Küchentisch stand.

„Übrigens, Papa, der Kürbis muss jetzt weg. Er hat nämlich noch was wichtiges vor!“, sagte Selma, ging durch die offene Küchentür auf die Haustür zu und öffnete sie. Als der Kürbis dann vom Küchentisch sprang und auf die Haustür zurollte, sah Selma ihren Vater an und sagte: „Reg’ dich nicht auf! Du kriegst ja ‚nen neuen!“ Und während sie das sagte, strahlte ihr Gesicht reine Zuversicht aus.

An der Haustür hielt der Kürbis kurz inne, summte ganz besonders freundlich und kullerte dann mit zunehmender Geschwindigkeit auf das Hoftor zu. Selma winkte ihm nach und rief: „Gern geschehen, Cucurbitus Rex!“

Mit einem raschen Blick hatten sich Wolfgang, Alex und Ben darauf verständigt dem Kürbis zu folgen. Im Vorbeihasten schnappten sie sich noch ihre Jacken von der Garderobe und stürmten zur Haustür hinaus.

„Den holt ihr sowieso nicht ein!“, dachte Selma, die mit wachsender Freude die Flucht des Kürbisses beobachtet hatte. So war ihr nicht entgangen, wie Cucurbitus Rex mit einem eleganten Satz das kleine Hoftor überwunden hatte. Schließlich machte sie die Haustür wieder zu, und weil sie doch ein Bisschen traurig darüber war, das der Kürbis schon wieder weg war, und sie nicht wusste, wohin er rollte, und was er vor hatte, tröstete sie sich selbst mit dem Gedanken: „Er macht das bestimmt so wie der dicke, fette Pfannekuchen im Märchen von den Gebrüdern Grimm.“

Es dauerte seine Zeit, bis die Herren der Schöpfung begriffen, wie sinnlos es war, den Kürbis zu verfolgen. Denn für eine Kreatur, die ihrer Anlage nach dazu bestimmt ist, auf dem Feld immer an der selben Stelle zu stehen und nur ordentlich zu wachsen, um sich schließlich abschneiden zu lassen, auf ein Fahrzeug geladen zu werden, um dann endlich verkauft, zerkleinert, zubereitet und verspeist zu werden, legte der Kürbis ein mehr als erstaunliches Tempo vor.

Schon auf der kleinen Straße, an der sie wohnten, zwang Cucurbitus Rex sie zu einem Dauerlauf, wenn sie sich nicht von ihm abhängen lassen wollten. In dieser Geschwindigkeit ging es auch auf der Landstraße weiter, die der Kürbis Richtung Ortskern entlang rollte. Im Ort angekommen, witterten Wolfgang Wendler und seine Söhne die Chance den König der Kürbisse endlich zu fangen. Denn hier musste die Frucht ihr Tempo drosseln. Es waren viele Leute unterwegs und nicht alle fanden die Zeit vor Schreck zur Seite zu springen. Aus diesem Grund musste der Kürbis um viele Personen herum rollen. Doch seine Verfolger stellten bald enttäuscht fest, wie geschickt und schnell er nicht nur um die Menschen herumrollte, die ihm begegneten. Ebenso gekonnt wich er Hunden, geparkten Autos und Aufstellern aus. Nur einem einzigen Aufsteller konnte Cucurbitus Rex nicht ausweichen, da ihm gerade ein kleiner Hund entgegen rannte. Der Aufsteller fiel krachend zu Boden. Und der Kürbis musste einen ordentlichen Satz machen, um über ihn hinweg zu springen. Im Vergleich zu ihm stellten sich seine Verfolger reichlich ungeschickt an. Sie rempelten einander und andere Fußgänger häufig an und kamen oft aus dem Tritt, da sie über Gegenstände stolperten. So kam es dazu, dass der Kürbis an einer T-Kreuzung abbog, und die Wendlers zu spät erkannten, welchen der beiden Wege der Kürbis eingeschlagen hatte. Sie bogen nach rechts ab. Nach wenigen Metern blieb Wolfgang wendler stehen, holte ein paar Mal tief Luft, um zu Atem und zu Ruhe und Besinnung zu kommen. Dann sagte er endlich: „Ich befürchte, das War’s! Der ist nach links gerollt. Den holen wir nicht mehr ein. Ihr geht jetzt nach Hause. Und ihr erzählt niemandem, wie der uns geleimt hat! Ist das klar?“ Alex und Ben nickten. Mit eingezogenen Köpfen traten sie einen Umweg nach Hause an und hofften, dass ihnen niemand begegnete, der sie erkannt hatte, als sie hinter Cucurbitus Rex hergelaufen waren.

Wolfgang Wendler sah seinen Söhnen so lange nach, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwunden waren. Dann überlegte er, was er jetzt tun sollte. Mit der festen Absicht einen neuen und viel schöneren und größeren Kürbis zu kaufen machte er sich auf den Weg zum Obst- und Gemüseladen. Und dann stand er schließlich vor dem großen Sortiment mit den unterschiedlichsten Kürbissen und ihm sank der Mut. Er hatte heute schon einen fatalen Missgriff getan. Das sollte sich auf keinen Fall ein zweites Mal wiederholen. „Pechsträhnen und Fehlerserien reißen zwar auch mal ab. Aber das tun sie in der Regel nicht so schnell!“, dachte Wolfgang Wendler. „Und ich habe es überhaupt nicht nötig mir ausgerechnet von Kürbissen sagen zu lassen, was ich kochen soll. Und meine Vorratskammer ist immer gut und umsichtig gefüllt. Da brauche ich doch diese unverschämten Früchte nicht!“ Also machte Wolfgang Wendler auf dem Absatz kehrt und machte sich so ruhig und gelassen wie er es vermochte, auf den Heimweg.

Um viertel vor zwei kam Wolfgang Wendler zu Hause an. Er wollte gerade die Haustür aufschließen, als er sah, dass etwas auf der Fußmatte lag. Er wich erschrocken einen Schritt zurück, als er erkannte, was da lag. Es war ein großer, glänzender Kürbis. Doch es war nicht der König der Kürbisse. Denn diese Frucht war nicht ganz so groß und glänzend wie das Exemplar, das Wendler am Vormittag auf dem Markt gekauft hatte.

Als der Kürbis bemerkte, dass er von Wendler angesehen wurde, begann auch er wie Cucurbitus Rex leise zu summen.

„Zu Diensten, der Herr! Seine Majestät, Cucurbitus Rex, schickt mich, damit Sie einen Kürbis für Ihr geplantes Abendessen haben!“

Wendler beugte sich vor und fragte ganz leise: „Heißt das, dass du dich gleich wie ein ganz normaler Kürbis verhalten wirst, obwohl du dich jetzt mit mir unterhältst?“

„Ja wohl, mein Herr!“

„Und wenn wir gleich ins Haus gehen, lässt du dich wirklich ganz normal hereintragen, springst nicht vom Tisch, summst nicht und lässt dich zerteilen und verarbeiten, wie es sich für einen Kürbis gehört?“

„Aber selbstverständlich, mein Herr!“

Wendler war keineswegs von dem überzeugt, was dieser Kürbis sagte. Der konnte ihm viel erzählen! Wenn ein Kürbis mit ihm sprach, was dieser Frucht nicht zustand, war etwas überhaupt nicht in Ordnung. Also fragte Wendler misstrauisch: „Wie kann ich denn sicher sein, dass ihr mich nicht nach Strich und Faden leimt, du und dein König? Wer sagt mir denn, dass du kein faules Früchtchen bist oder ein Zaubermittel enthältst? Du kannst ja noch nicht mal beurteilen, ob du reif und schmackhaft bist!“

„Dass ich reif bin, kann ich Ihnen versichern. Das kann ich selbst beurteilen. So wie Sie wissen, wie alt Sie sind, weiß ich auch, wie alt und reif ich bin. Was ich jedoch nicht beurteilen kann, ist, ob ich schmackhaft bin. Wer könnte das schon von sich selbst sagen? Aber seine Majestät hätte mich sicherlich nicht für Ihre Mahlzeit ausgewählt, wenn ich nicht schmackhaft wäre!“

Wolfgang Wendler bezweifelte natürlich, dass Kürbisse überhaupt etwas wussten, und dass sie auch nur die geringste Ahnung von Geschmacksfragen hatten. Aber dazu sagte er nichts. Ihm ging eine ganz andere Frage durch den Sinn, die er viel wichtiger fand.

„Warum lässt sich dein König zuerst ganz normal von mir kaufen und nach Hause bringen, bevor es ihm einfällt, sich aus dem Staub zu machen?“

„Das weiß ich nicht! Aber alles braucht seine Zeit. Wahrscheinlich war die Zeit für Cucurbitus Rex noch nicht reif, um etwas zu tun.“

Wendler war immer noch nicht überzeugt davon, dass er mit diesem Kürbis ein ganz normales Exemplar bekommen hatte, mit dem er tun konnte, was man eben mit Kürbissen so tat. Er bückte sich also und befühlte die Frucht sorgfältig. Schließlich fasste er sich ein Herz, nahm den Kürbis unter den Arm, schloß die Haustür auf und trug den Kürbis in die Küche.

Irene saß am Küchentisch und trank eine Tasse Kaffee. Sie betrachtete die Frucht erst einmal sehr aufmerksam und sagte schließlich: „Ach, da hast du aber noch einen schönen Kürbis gekauft!“ Und da Wendler einen zweifelnden oder skeptischen Unterton in der Stimme seiner Frau zu hören, glaubte, erwiderte er scharf: „Natürlich habe ich noch einen schönen Kürbis kaufen können. Den werde ich zu einer Kürbissuppe verarbeiten, die einerseits kräftig und rustikal und andererseits raffiniert und delikat schmecken wird. Es wird so sein, wie ich es schon die ganze Zeit vor hatte, und wie es sich gehört. Und ich möchte bis zum Abendessen von niemandem gestört werden, basta!“

Irene stand auf und sah ihren man mit einem beruhigenden Blick an. „Es gibt keinen Grund zur Aufregung! Heute Abend geben wir für unsere Freunde nichts weiter als ein gutes und gemütliches Essen!“

„Das will ich wohl meinen! Und lasst mich bloß mit diesem Hokuspokus in Ruhe. Ich will keine Masken oder Kostüme sehen. Und die Kinder bleiben im Haus! Ich dulde es nicht, wenn sie da draußen im Nebel ‚rumlaufen!“ Er zeigte aus dem Fenster, vor dem noch immer oder schon wieder dichte Nebelschwaden hingen.

„Und ich will bis zum Abendessen niemanden hier sehen! Ist das klar?“ Irene nickte und ging mit ihrer Kaffeetasse in der Hand aus der Küche.

Da Alex und Ben ein neues Computerspiel bekommen hatten, war es nicht schwer sie zu überreden nicht in die Küche zu gehen. Ausnahmsweise war es Selma, die Ärger machte. Sie hielt sich gern mit ihrem Malzeug oder Bastelsachen in der Küche auf und hatte Spaß daran beim Kochen zu helfen. Außerdem war sie immer noch traurig und wütend über das, was am Vormittag geschehen war, war von ihren Brüdern wegen ihrer Unterhaltung mit Cucurbitus Rex verspottet worden, würde ihr Katzenkostüm nicht tragen dürfen und hatte so gar keine Lust auf das langweilige Abendessen mit den Leukers und den Verbeks. Erst, als Irene ihr versprach, dass Leonie bei ihr übernachten durfte, war Selma bereit mucksmäuschenstill bis zum Abendessen in ihrem Zimmer zu bleiben und das Katzenkostüm auszuziehen.

Bis die Gäste, Familie Verbek und Familie Leuker, pünktlich um sieben Uhr eintrafen, lief es für Wolfgang Wendler sehr gut, denn alles verlief vollkommen normal. Er konnte in aller Ruhe in seinen zahlreichen Kochbüchern nach der passenden Vorspeise und dem Nachtisch stöbern. Alle Zutaten ließen sich ohne Summen und Gegenwehr verarbeiten, sogar der Kürbis. Und der schmeckte ausgesprochen gut.

Die Leukers trafen zuerst ein. Helmut Leuker war im Stadtrat und der Vorsitzende des örtlichen Kleingärtnervereins. Helmut und Sabine Leuker kamen mit ihren drein Kindern. Familie Verbek hatte einen Kiosk mit Lottoannahmestelle. Das Ehepaar Verbek kam mit ihren drei Kindern und der Mutter von Heiner Verbek, Hermine. Wolfgang Wendler nahm es als ein gutes Zeichen, dass keines der Kinder verkleidet war.

Nach der gewohnt herzlichen Begrüßung setzten sich alle an den großen Esstisch, um einen Aperitif zu trinken.

„und, was gibt’s Neues?“, fragte Wolfgang Wendler. Helmut Leuker bekam einen hochroten Kopf, sah alle am Tisch nacheinander an, bevor er so ruhig wie es ihm möglich war, sagte: „Seit siebzehn Uhr 14 steht fest, dass es in diesem Jahr beim Herbstfest des Kleingartenvereins keinen Kürbiswettbewerb geben wird!“

Seine Frau Sabine sah ihn beunruhigt an und meinte schließlich: „Ich glaube, dass erzähle ich lieber, sonst regst du dich wieder so furchtbar auf!“

Leuker sah seine Frau, die selten etwas sagte, misstrauisch an. Aber Sabine Leuker ließ sich diesmal nicht beirren.

„Es war genau um halb drei heute Nachmittag, als ich leises Rumoren aus dem Garten gehört habe. Es war ein Kullern und ein leises Summen. Ich habe Helmut Bescheid gesagt, dass er mal im Garten nach dem Rechten schauen sollte und habe ihm die Geräusche beschrieben, aber er wollte nichts davon wissen, hat mich nur angesehen als ob ich nicht mehr alle Latten am Zaun hätte. Als ich wieder in die Küche ging, um Kaffee zu kochen und zufällig aus dem Fenster sah, konnte ich beobachten wie ein großer, glänzender Kürbis auf unseren Schuppen zu rollte. Danach waren Geräusche aus dem Schuppen zu hören und später auch wieder aus dem Garten. Als Helmut zum Kaffeetrinken herunterkam, hörte er das Kullern und Summen auch. Aber da entfernte es sich schon von Haus und Garten. Dann wurde es bald wieder ganz ruhig. Nach dem Kaffee ist Helmut dann in den Garten gegangen und hat festgestellt, dass der Kürbis, den er zum Kürbiswettbewerb angemeldet hatte, verschwunden war, und dass nach Jahren unser Schuppen endlich mal wieder aufgeräumt ist.“

Sabine machte eine kurze Pause. Dann fuhr sie fort: „Im Verlauf des Nachmittags zeigte es sich dann, dass alle Kürbisse, die für den Wettbewerb vorgesehen waren, verschwunden sind. Und es wurde beschlossen, dass deshalb der Kürbiswettbewerb in diesem Jahr ausfallen muss.“

Irgendetwas hatte Leuker an der Schilderung seiner Frau missfallen, denn er sah sie wütend an. Das war es wohl, was Sabine Leuker dazu veranlasste, weiterzusprechen: „Es ist zwar sehr schade um den schönen Kürbis. Aber die Sache hat auch viel Gutes. Unser Schuppen ist endlich ordentlich. Und ihr habt immer so ein fürchterliches Theater um diesen Kürbiswettbeweerb gemacht.“

In diesem Augenblick stand Wolfgang Wendler auf und schenkte allen noch einmal nach. Dann ging er rasch in die Küche, um die warmen Brötchen mit Gemüsefüllung zu holen. Es schien ihm höchste Zeit zu sein, für reichlich Nahrung in fester und flüssiger Form zu sorgen, denn in der langen Zeit der Freundschaft, die diese drei Familien miteinander verband, hatte es noch keine offene Frage oder Auseinandersetzung gegeben, die nicht durch eine gute, üppige Mahlzeit und reichlicher Flüssignahrung zugestopft oder weggespült worden wäre. Und diese Rechnung schien auch diesmal aufzugehen. Alle langten kräftig zu. Nur Selma und Leonie, die jüngste Tochter der Leukers, die wie Selma vier Jahre alt war, hielten sich zurück.

Schließlich fragte Selma: „ich möchte doch gerne wissen, was Cucurbitus Rex und seine Leute noch so vor haben?“

„Wie bitte?“, fragten Wendler und Leuker gleichzeitig. Und beide hatten ihren Mund noch nicht leer.

Es war Helmut Leuker, der zuerst in der Lage war, nachzuhaken: „Woher, weißt du in drei Teufels Namen, wie das Scheusal heißt?“ Leukers Stimme klang sehr wütend und die Zornesröte war in sein Gesicht gesprungen.

Als Selma dann auch noch die zornigen Blicke ihres Vaters und ihrer Brüder sah, wurde sie unsicher, ob sie noch etwas sagen sollte. Aber sie wusste schon, dass Angriff oft der beste Weg zur Verteidigung ist. Und es gelang ihr in dem betont geduldigen Ton, den sie selbst allzu oft zu hören bekam, den wohl niemand ertragen kann, weil er meist vor wohlmeinender Herablassung strotzt oder so klingt als ob man mit einem dummen Ding spricht, zu antworten: „Woher ich den Namen weiß? Das ist doch ganz einfach. Ich weiß den Namen, weil mir der Kürbis seinen Namen gesagt hat. Papa hatte ihn auf den Küchentisch gelegt. – Und was macht man, wenn man irgendwo ‚reinkommt oder ‚reingebracht wird? – Man stellt sich erst mal vor!“

„Kann hier jemand diese Version bestätigen?“, fragte Leuker. Und seine Stimme klang nicht mehr ganz so wütend wie zuvor. Wolfgang Wendler und seine beiden Söhne schafften es ahnungslose Gesichter zur Schau zu stellen. Sie wollten nicht, dass herauskam, welche Rollen sie in der Sache mit Cucurbitus Rex gespielt hatten. Da sie an diesem Vormittag nicht begriffen hatten, was vorgegangen war, war es nicht gelogen,  da sie die Sache ganz anders erlebt hatten als Selma. Doch sie konnten kein reines Gewissen dabei haben. Denn es war längst genug Zeit vergangen, die gezeigt hatte, dass stimmte, was Selma erzählte. Und so mussten sie alle drei etwas tun, damit niemand etwas merkte, und um dieses leise Mahnen der inneren Stimme zu übertönen. Und während sich Irene Wendler an Helmut Leuker wandte, um ruhig mit ihm zu sprechen, standen Alex und Wolfgang auf, um die Kürbissuppe und neue Getränke zu holen. Ben blieb an seinem Platz sitzen. Er saß da und scharrte ungeduldig mit den Füßen. „Jeder hat mit Cucurbitus Rex heute seine ganz eigene Geschichte erlebt. – Und ich war heute Morgen auch dabei und kann bestätigen, was Selma erzählt hat.“

Als seine Mutter zu ende gesprochen hatte, wandte sich Ben an seinen Patenonkel Helmut Leuker und sagte: „Die Selma ist ja immer noch wie’n Baby, klein und dumm. Und darum hat sie dem Kürbis die Tür aufgemacht, weil sie geglaubt hat, dass er was Wichtiges vor hat. Sie hat ihn losgelassen, das dumme Ding!“

„Stimmt!“, erklärte Selma. „Ich hab’ Cucurbitus Rex die Tür aufgemacht. Und ich hab’ dem Papa auch ausgerichtet, dass er auf jeden Fall einen neuen Kürbis bekommen wird. Aber er wollte mir wie immer nicht glauben. Und dann sind Papa, Ben und Alex wie die Verrückten hinter ihm her.“

Weiter kam Selma mit ihrer Geschichte nicht, denn in diesem Augenblick stellte ihr Vater den Topf mit der Kürbissuppe auf den Tisch und erklärte mit stolz geschwellter Brust: „Und ich kann euch versichern, dass ich uns dann noch einen überaus schmackhaften Kürbis besorgt habe, der aber ansonsten ein ganz normaler Kürbis ist und sich deshalb zu dieser Kürbissuppe nach meinem Spezialrezept verarbeiten ließ.“ Dann nahm er den Deckel ab und Leuker nahm triumphierend den Schöpflöffel in die Hand und tat sich eine besonders große Portion auf.

„Riecht wirklich schmackhaft, Wolfgang!“, erklärte er und steckte sich den ersten Löffel in den Mund. Dabei machte er ein Gesicht, als habe er einen seiner ärgsten Todfeinde mit einem ganz lockeren Handstreich besiegt.

„Absolut delikat!“, meinte er, nachdem er seinen Mund wieder leer hatte. Und in seinen siegestrunkenen Gesichtsausdruck mischte sich eine gehörige Portion Gier.

Alle beeilten sich von der Suppe zu nehmen. Und nachdem sich die erste Gier und Euphorie gelegt hatten, wandte sich Helmut Leuker wieder an Selma.

„Wenigstens gibst du zu, dass du schuld daran bist, dass dieser Kürbis uns heimgesucht hat!“

In diesem Augenblick legte Hermine Verbek ihren Löffel demonstrativ neben ihren Teller und funkelte Helmut Leuker zornig an.

„Helmut Leuker, fang’ bloß nicht schon wieder an deine Wut darüber, dass dein Kürbis weg ist, an einem Anderen auszulassen!“

„Mutter, lass’ gut sein! Reg’ dich nicht auf und misch’ dich gefälligst nicht überall ein!“, versuchte Heiner Verbek zu schlichten. Doch Hermine Verbek schien ihren Sohn überhaupt nicht gehört zu haben, denn sie fuhr fort: „Vielleicht geschieht es dir  selbstgerechtem Lackaffen ja ganz recht, dass dein Kürbis weg ist und du so auch in diesem Jahr den Wettbewerb gegen den alten Koller nicht gewinnst. Aber das sei mal dahin gestellt! Es geht aber überhaupt nicht an, dass du in Wildwestmanier ‚rumläufst und alles und jeden beschuldigst und nieder machst! Und ich schwöre dir, dass ich dich das nächste Mal ‚rausschmeiße, wenn du dich in meinem Laden noch mal vordrängelst und dich so unverschämt verhältst, wie du heute die Frau Baumann behandelt hast!“

„Aber Mutter, wenn, äh, wenn so ungewöhnliche Dinge wie heute passieren, dann liegen doch bei allen die Nerven blank. Da sagt man dann Sachen, die man gar nicht so meint!“ Und wohl nicht nur, weil dieser Vorstoß ihres Sohnes irgendwie kläglich geklungen hatte, funkelten die stahlblauen Augen, der kleinen, alten Frau Heiner Verbek herausfordernd an.

„Hast du den Ton seiner Stimme noch im Ohr?“, fragte Hermine Verbek ihren Sohn. Dabei hatte ihre Stimme einen ungewöhnlich scharfen Unterton.

Heiner Verbek wusste nicht mehr , wohin er sehen sollte. Auch davon ließ sich seine Mutter überhaupt nicht beeindrucken. Sie wandte sich an alle, die am späten Nachmittag nicht in ihrem Geschäft gewesen waren. Und sie erzählte ihnen: „Am späten Nachmittag war der Laden ganz besonders voll, weil morgen Allerheiligen ist und deshalb alle ihre Lottoscheine heute schon abgegeben haben. Und alle haben über ihre Erlebnisse mit diesem ganz besonderen Kürbis geredet, wie er zum Beispiel heute Mittag von Wolfgang, Alex und Benn verfolgt, durch die Hauptstraße gerollt ist. – Das habe ich übrigens selbst auch gesehen. – Alle haben große Reden geschwungen, was sie mit diesem Kürbis tun wollen. Vor allem der Helmut und sein Spießgeselle, dieser Gernert, haben das Maul aufgerissen. Der Helmut und der Gernert haben sich aufgeführt wie die Verrückten. Sie wollten eine Bürgerwehr, eine Todesschwadron,  nie dagewesener Größe gründen, den Kürbis dingfest machen und zwar sofort. Dann kam die Frau Baumann ins Geschäft und hat auch einen Lottoschein abgegeben, was sie seit dem Tod ihres Mannes und ihrer beiden Kinder nicht mehr getan hat. Und als sie gefragt wurde, warum sie denn jetzt wieder einen Lottoschein ausfüllt, hat sie, weil sie gehört hat, dass alle über Cucurbitus Rex gesprochen haben, erzählt, was sie mit dem König der Kürbisse erlebt hat. Sie hatte ihn auf ihr Haus zukommen hören. Und er hatte ihr freundlich erklärt, dass er in guter Absicht gekommen sein. Er ist dann siebenmal gemächlich um ihr Haus herumgekullert, bevor er wieder davon gerollt ist. Und weil die Sieben nun mal die Zahl der Fülle ist, hat die Frau Baumann zum ersten Mal nach siebeneinhalb Jahren einen Lottoschein ausgefüllt. Alle, besonders Helmut und dieser struntedoofe Gernert, haben sich furchtbar über ihren Aberglauben aufgeregt und sie beschimpft. Als sich dann aber die Aufregung gelegt hatte, wollten alle ihre Zahlen wissen. Und als die Frau Baumann ihre Zahlen nicht verraten wollte, gingen die Beschimpfungen von vorne los. Ins Irrenhaus wollten sie sie schicken. – Und wie gesagt, dieser absolut feindselige Ton mit dem Neid im vorauseilenden Gehorsam dabei! – Einfach nur noch peinlich, anmaßend und schrecklich!“

„Aber Hermine, du musst doch zugeben, dass es vollkommen verrückt und finsterster Aberglaube ist! Vor allem behauptet sie, dass in der Summe, die sie gewinnen wird, mindestens auch eine Sieben enthalten sein wird!“, verteidigte sich Helmut Leuker.

„Ich finde das nicht verrückter als eure Idee mit der Bürgerwehr, der bis unter die Zähne bewaffneten Armada gegen einige Kürbisse vorgehen zu wollen! Mal sehen, wie diese Sache ausgeht. Mich jedenfalls würde es freuen, wenn bei der Frau Baumann in der nächsten Zeit Post von der Lotterie kommt!“

„Mich auch!“, sagten Selma und Leonie gleichzeitig.

„Du gehst jetzt gefälligst sofort ins Bett!“, fauchte Wolfgang Wendler Selma an. „Du hast schon mehr als genug Unfug gemacht.“

Selma sah ihre Mutter an. Irene wagte zwar nicht ihrem Mann zu widersprechen. Aber sie sagte: „Geht schön brav nach oben, Selma und Leonie, hört euch noch eine Geschichte an. Ich komme dann gleich noch mal zu euch!“ Die beiden Mädchen gingen nach oben, ohne zu widersprechen. Wendler war froh, dass seine Strategie aufging. Denn das Thema Cucurbitus Rex und seine Folgen war zumindest für diesen Abend erledigt. bevor sich die Mädchen eine Gutenacht wünschten, meinte Leonie zu Selma: „Ich wünsche mir, dass die Frau Baumann so viel Geld bekommt, dass in der Zahl siebenmal die Sieben vorkommt!“ „Das wünsche ich mir auch!“, erwiderte Selma.

Hermine Verbek ärgerte sich darüber, dass die beiden Mädchen nichts von dem köstlichen Eis bekamen, was es an Halloween bei Wendlers zum Nachtisch gegeben hatte. Und als sie Leonie und Selma am Nikolaustag dieses Jahres vor ihrem Kiosk sah, rief sie sie herein und spendierte ihnen zur Feier des Tages ein Eis. Denn im Dorf war bekannt geworden, dass Frau Baumann 777.777,57 Euro im Lotto gewonnen hatte. Eine Bankangestellte hatte ihren Mund nicht halten können. Und alle redeten über die Summe. Doch vor allem Wendlers, Leukers und Verbeks vermieden es davon zu reden, wie es zu dieser Summe gekommen sein musste. Und sie vermieden über alles zu reden, was mit Cucurbitus Rex zusammen hing. Sie hielten ihren Mund nicht nur, wenn Hermine Verbek es hören konnte. Vor allem Wolfgang Wendler und Helmut Leuker wollten kein Wort mehr über den Kürbis verlieren. Schließlich konnte er zu Halloween wieder kommen und Dinge tun, die sie nicht im Griff haben würden. Das wollten sie auf keinen Fall heraufbeschwören.

© Paula Grimm, 31.10.2017

Kurzprosa: Der fehlende Augenblick

Guten Tag,

 

hier kommt nach längerer Zeit wieder einmal ein Stück Kurzprosa, das seiner Zeit ganz spontan entstanden ist. Es geht um eine ganz besondere erste Kontaktaufnahme. – Wie könnte es weiter gehen? – Was könnte noch über die Schuldfrage und Jasmin geschrieben werden? – Dazu sage ich nur, dass ich dazu viel schreiben könnte aber entschieden habe, es so zu lassen.

Der fehlende Augenblick

„Aus vielen Gründen hatten wir keine Chance diese Sache zu einem guten irdischen Ende zu bringen, meine Schutzbefohlene und ich. Nie hätte ich gedacht, bei meinem Dienst irdische Müdigkeit empfinden zu müssen. Aber ich bin ja auch noch nicht lange dabei. Die Schuld an allem hat dieses Loch in der Ewigkeit. Dieses Loch dauerte noch nicht einmal eine Sekunde. Aber dafür ist es fast unendlich tief. Das sind die fatalen Verhältnisse von Zeit und Raum. Das menschliche Auge kann in einer Sekunde acht Bilder wahrnehmen. so muss das Loch in der Ewigkeit sogar eine geringere Dauer als diese Achtelsekunde gehabt haben. Denn für unsere Tätigkeit ist das menschliche Augenmaß und seine übrigen sinnlichen Fähigkeiten der entscheidende Maßstab. Denn der Mensch muss die Möglichkeit haben uns wahrzunehmen, damit unser Schutz wirksam werden kann. Ob unsere Existenz und Anwesenheit in seinem Leben auch tatsächlich in sein Bewusstsein dringt, ist dagegen vollkommen belanglos. Die Möglichkeit der Aufmerksamkeit, die den Sinnen eigen ist, stellt unserer Wirkmächtigkeit alle Facetten zur Verfügun, die sie  benötigt. Da sich unsere Wirkmächtigkeit auf irdische Bedingungen bezieht, ist sie keineswegs perfekt oder unendlich, aber doch sehr weitreichend.

Du merktest, dass sie plötzlich da war. Und du merktest, dass sie ebenso plötzlich verschwand. Dieses unendlich tiefe Loch in der Ewigkeit hat sie verschluckt. Es hat siech als ein ganz einfaches Loch ausgegeben, als der Meter zwischen Bahnsteig und Gleisen. Diese Tarnung ermöglicht den Menschen eine logische Wiedergabe des Ereignisses. Aber allen direkt Beteiligten ist mit der Logik nicht geholfen. Du bist auch beteiligt. An dieser Art von Ereignissen ist man nie freiwillig beteiligt. Und ich wende mich auch nur deshalb an dich, gebe dir Gedanken, weil du beteiligt bist. Und du bist in ganz besonderer Weise beteiligt. Denn wenn man jemandem begegnet, der plötzlich da ist, der dann ebenso plötzlich verschwindet, ist dieser Mensch einem unwiderruflich nahe gekommen. und diese Nähe wird lebenslänglich gelten. Doch ab und zu wird sie ein Bisschen ihr Gesicht verändern, diese Nähe. Und das alles tut der Mensch, der einem zu nahe tritt, nicht freiwillig und auch nicht absichtlich. Und so wie er kam und ging ist er nicht mehr als ein Phantom. Der Mensch soll so weit wie möglich davor geschützt werden mit Phantomen leben zu müssen. Und zu schützen, das ist meine Sache. Und damit sie kein Phantom ist, sollst du etwas über sie wissen.

Sie war siebzehn und hieß Jasmin. Oh, ja, sie war in deinem Alter. Nicht nur durch ihre Größe war sie eine auffällige Person. Sie lebte bereits seit vier Jahren von jedem heimischen Gefühl entfernt. Sie war unterwegs. Jasmin kam schon seit langer Zeit nirgendwo mehr an. Sie wäre schwarz mit der Bahn gefahren, die sie vorläufig unter sich begrabenhatte. Sie wäre eingestiegen und irgendwann und irgendwo ausgestiegen, um wenigstens so zu tun, als könnte sie irgendwann und irgendwo ankommen. Sie hatte ein leeres Gesicht mit dunklen Augen. Und sie stand sehr nah bei den Gleisen. Sie merkte es nicht. Sie war den Gefahren immer sehr nahe, also auch dieser.

Ja, sie hatte ein leeres Gesicht mit dunklen Augen. Das Schlagzeilenwissen von morgen, das übermorgen schon älter sein wird als fast alles andere, wird zu wissen glauben, dass alles an Drogen lag. Aber Drogen haben wenig bis gar nichts mit alledem zu tun. Das leere Gesicht, der fehlende Augenblick, der so plötzlich zu einer Konsequenz führte, kommt vom Aufsehen, vom Hinsehen ohne zu sehen und vom Wegsehen, ohne den Blick abwenden zu müssen. Ständig aufgesehen zu werden, ist eine Möglichkeit keinen eigenen Augenblick mehr zu haben. Und diese Art den Augenblick zu verlieren, wird immer häufiger. Jasmins blickloses Gesicht ist deinem fehlenden Augenblick begegnet. Von ihrem eigenen fehlenden Augenblick hat sie gewusst. aber zu spüren bekommen hat sie ihn erst, als sie dein Gesicht sah. Sie wankte. Das konnte sie sich aber nicht erlauben, da sie der Gefahr schon viel zu lange nahe stand.

Du willst die Erklärungen und die Versuche zu verstehen nicht hören. Du redest dich heraus, dass das alles nicht reicht. Es wird bei den Menschen immer beliebter, verstehen und entschuldigen einander gleichzusetzen. Das ist wunderbar einfach. Denn dann hat man jemanden, den man der falschen Entschuldigungen bezichtigen kann und zwar da, wo es keine Entschuldigungen gibt. Und das tut man damit man menschlichen Dingen nicht gleichermaßen mit Gefühl und Verstand begegnen muss. Wenn es bei diesem Ereignis überhaupt eine Schuld gibt, dann ist es die Schuld der Aufseher, die das An- und Hinsehen verlernt haben. Einfach nur zusehen ist viel einfacher. Die habgierigen Blicke vermehren sich unentwegt. Und mit dem Zusehen kann man sich leicht und schnell aus dem Staub machen, ohne selbst gesehen zu werden.

Übrigens, hatte der Fahrer der bahn auch keine Schuld und keine Chance. Er konnte nicht mehr gegen das unselige Gesetz der Geschwindigkeit tun als auf die Bremse zu treten. Aber um ihn kümmert sich jetzt ein anderer Schutzengel. Ich lasse mich auf die Schuldfrage nicht weiter ein. Das ist Chefsache, was für das Stopfen von unendlich tiefen Löchern in der Ewigkeit ebenfalls gilt. Und diese Aufgabenteilung ist das einzige, was mich in solchen Augenblicken, wenn ich das Fehlen eines Augenblicks zu spüren bekommenhabe, trösten kann.“

© Paula Grimm, 23. Oktober 2017

Das Haus(boot) am Lebenslauf 65

Guten Tag,

 

als Sonntagshappen möchte ich euch heute wieder einmal einen Text als Lesefutter geben, den ich ausgegraben habe. Diesmal kommt er nicht aus irgendeinem Ordner auf meinem Computer sondern aus einem meiner Blogs. Ich habe diesen Gedankengang einfach so herauskopiert und lasse ihn so, wie er ist. Auch das war wieder eimal so ein Ding, das ich in einer halben Stunde oder auch in 45 Minuten in die Tasten getippt habe. Vielleicht kann man trotzdem ein Bisschen was damit anfangen. 😉

 

Das Haus(boot) am Lebenslauf 65

 

Der Körper ist das Haus, in dem die Seele lebenslänglich wohnt. Seit Ende 1965 versuche ich nun schon das Haus für meine Seele so gut als möglich zu bestellen, ihr immer wieder neu, den verschiedenen Gezeiten und den unterschiedlichen Erfordernissen des Körpers entsprechend ein Heim zu schaffen.Und ich muss offen zugeben, dass mir das nur mit sehr mäßigem Erfolg gelungen ist. Von Anfang an waren die Fenster schadhaft. Niemals blickte die Seele klar und frei in die Welt und zu den anderen Menschen heraus. Derart von Grund auf beschädigt, hatte es sofort einen schlechten Ruf. Vorwürfe, nicht immer ausgesprochen und in Worte wie Schuld, Versagen, Unfähigkeit, Wertlosigkeit et c. gefasst, prasselten als Hagel allzu früh auf das noch unfertige Haus und die daher noch weitgehend ungeschützte Seele ein. Die Fassade bekam Risse und die schädliche Nässe drang teilweise in das Haus und damit auf die Seele ein. Und es gilt wie immer die Regel: „Das Haus verliert nichts!“ Und einmal entstandene Schäden können nicht vollends behoben werden. Daher ist es keineswegs verwunderlich, dass das Haus zahlreiche Leichen vergebener Liebesmüh‘, unerfüllter Hoffnungen und Träume im Keller hat. Und es ist ebenso wenig verwunderlich, dass auf dem Speicher getrocknete Giftpilze der Sorten, Angst, Schmerz, Enttäuschung, Vernachlässigung et c. lagern. Es bedarf nicht vieler Tränen und auch kaum Speichel, der mit den Worten der Verleumdung, der Schmeichelei usw. Über die Ohren auf die Pilze gespuckt werden, um sie plötzlich und stark aufzuschwämmen, damit sie ihre Gifte wieder ungehindert freisetzen können.Und da gilt, dass das Haus nichts verliert, ist die Behausung meiner Seele eher ein Hausboot als eine Wohnimmobilie. Es fährt auf dem Lebenslauf und wird erst am Zielhafen entladen. Es bewegt sich noch immer verblüffend leicht über die Wellen, obwohl es in den mehr als fünf Jahrzehnten viel Ballast aufnehmen musste. Da von alledem zu Lebzeiten nicht über Bord geworfen werden kann, gilt, dass all das Blut, der Schweiß und die Tränen, die vergossen worden sind und vergossen werden, nur als ausgesprochen notdürftige Reinigungsmittel taugen. Und von allem Unrat und Ballast sind zumindest deutliche Spuren an der Fassade und/oder in den Räumen geblieben. So ist es keineswegs verwunderlich, dass sich die Trostlosigkeit der Verlassenheit,, in der das Hausboot auch sehr früh häufig dalag, mit anderem alten Kummer zu Wollmäusen verfilzt in jedem Raum findet. Ab und zu werden sie pflichtbewusst weggesaugt. Doch wenige Minuten später sind sie wieder überall.

Und in ihrem Haus oder auf ihrem Hausboot geht die Seele bekanntlich zu Fuß, barfuß sogar. Und die Seele ist bis zum Ende ihrer Reise auf ihrem Hausboot dazu verdammt, regelmäßig jeden Winkel ihres Domizils zu durchstreifen. So läuft die Seele häufig auch auf Scherben, die nur notdürftig zusammengekehrt werden können und als kleine Splitter meist sogar unsichtbar herumliegen. Vor allem unliebsame Gäste, die das Haus oder Hausboot heimgesucht haben, haben zahlreiche Scherben gemacht und hinterlassen. Und auch die anderen Spuren, die diese Gäste hinterließen begegnen der Seele auf Schritt und Tritt Und daher wird ihr immer und überall die Erkenntnis aufgenötigt, dass eine aufrichtige, treue und hilfsbereite Seele immer teuer dafür bezahlt, ein offenes und gastfreundliches Haus oder Hausboot zu führen.

Offenherzig zu sein und allem, was einem auf dem Lebenslauf begegnet, mit offenen Sinnen entgegenzukommen, lockt nur egoistisches und rechthaberisches Gesindel an. Und solche Leute gehen nicht von selbst wieder oder erst dann, wenn es für sie nichts mehr zu holen gibt. Ich habe ihnen, wie es sich für einen gastfreundlichen Menschen gehört, ein geräumiges Gästezimmer und die Nutzung von Kombüse oder Küche und dem Bad überlassen. Aber sie wollten das ganze Haus oder Hausboot. über die offenen Sinne dringen sie in jeden Teil der Wohnung und auf die Seele ein. Manchmal gelang es mir sogar sie aus dem Haus oder von Bord zu werfen. Bei diesen Geiern in Menschengestalt geht das aber nur, wenn keine anderen größeren Aufgaben im eigenen Haus oder an Bord anliegen. Bisher sind die anderen auch immer noch irgendwann gegangen. Doch sie gehen erst, wenn kein Glas mehr da ist, das zerbrüllt werden kann, wenn es nichts mehr gibt, das sie wund reden oder bis zur Unkenntlichkeit durch abgreifen entstellen können. Es ist gleichgültig, ob es gelingt sie des eigenen Heims zu verweisen, oder ob sie das Zuhause verlassen, weil da nichts mehr ist, dass sie zerstören oder sich einverleiben können, sie sind immer beleidigt, dass sie nicht bekommen haben, was sie wollen, oder dass es nicht so bequem weitergeht, wie sie es gewohnt sind. Und sie zeigen ihren Ärger auf jeden Fall, wenn sie das Haus oder Boot verlassen. Denn zum Abschied hinterlassen sie deutliche Duftmarken und ätzende Spuren, indem sie an und in die Ecken pinkeln und Gift und Galle ausspucken. Man wird sie schließlich los und in gewisser Weise auch wieder Herrin im eigenen Haus oder an Bord. Ich gebe mir redlich Mühe, aber es wird mir nie gelingen die deutlichen Spuren ihrer Verachtung vollends zu beseitigen. Und ihre Verachtung ist immer und überall zu finden. Und wenn aus allen Ritzen und Winkeln die Ausdünstungen und der Schmutz der Verachtung dringen, wird die Mühe um ein sauberes Haus und gegen die Verachtung zu einem Kampf um jeden winzigen Rest der Selbstachtung. Niemand, der etwas auf sich hält, will das miterleben. Und darum bleiben die geladenen und wohlgesonenen Gäste meinem Haus fern und betreten das Hausboot nicht.Für den liebsten Gast ist das Gästezimmer liebevoll zurechtgemacht. Aber er hat es nicht bewohnt, er bewohnt es auch jetzt nicht, und er wird es nie auch nur für einen Tag bewohnen. Wer könnte es ihm auch verdenken. Schließlich gibt es viele gut gepflegte, weniger oder gar nicht beschädigte Boote oder Häuser, in denen man komfortabler und unbeschwerter zu Gast sein kann.

Manchmal treten die Schäden so deutlich zu Tage, dass die Heizung, die Herzenswärme, versagt, und es kalt wird. Oder durch aufgerissene Stellen geht Energie verloren. Auch das muss repariert werden. Und die Schutzbedürftigkeit von Leib und Seele wird wieder dringlicher und größer. Aber wie lange kann das noch so weitergehen?

]tags Gedanken, Gefühle, Essay, Kurzprosa]

Stella Engel: Der erste Schutzauftrag

Guten Tag,

 

in der vergangenen Woche hatte ich das Engelprojekt erwähnt, von dem es schon acht Kapitel gibt. Hier kommt als Kostprobe 01. Das Personalgespräch. Gute Unterhaltung damit!

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

Stella Engel: Der erste Schutzauftrag

01. Das Personalgespräch

Bereits in Menschengestalt warte ich geduldig vor Gabriels Arbeitszimmer. Noch bin ich überhaupt nicht aufgeregt, obwohl ich natürlich weiß, dass mir jetzt die offizielle Verabschiedung und die Erteilung meines ersten Auftrags bevorsteht. Als Mensch bin ich weiblich, rothaarig, habe grüne, katzenartige Augen, einige wenige Sommersprossen, bin 1,80 m groß, bin schlank und ungefähr 20 Jahre alt. Im Großen und Ganzen bin ich mit meiner menschlichen Gestalt sehr zufrieden. Und auf den heiligen Schein kann ich gut und gern verzichten. Was ich allerdings jetzt schon schmerzlich vermisse, sind meine Flügel. Das ist der einzige Makel, den es hat, wenn man als Schutzengel anfängt. Man bekommt alle Möglichkeiten, die zu einem Schutzengel gehören, aber man verliert zunächst die Flugerlaubnis und die Fähigkeit sich selbstständig zu beflügeln.

Plötzlich geht die Tür von Gabriels Arbeitszimmer auf und gleich wieder zu. Das bedeutet, dass ich noch ein bisschen warten muss. Das stört mich nicht. Was mich aber stört, ist, dass ich bemerke, dass mich jemand skeptisch anstarrt. Ich sehe mich um und sehe in das Gesicht eines anderen Engels in Menschengestalt. Sie ist blond und etwa in meinem Alter. Sie hat blaue Augen, ist 1,70 m groß, und sie trägt sehr exklusive Menschenkleidung. Ich erkenne sie nicht. Aber sie war bestimmt in meinem Kurs zur Vorbereitung für Schutzengel. In der Vorbereitungsphase auf unsere Umwandlung zu Menschen und für den Erdeinsatz waren wir 24 Engel. Aber wir haben einander nie in Menschengestalt gesehen, obwohl es in diesem Unterricht auch darum geht, ein menschliches Profil zu entwickeln. Damit wir unter den Menschen nicht auffallen, durften wir in unserer Vorbereitungszeit alles ausprobieren, was Menschen tun. Wir durften wirklich alles testen, aber wir sehen einander erst bei der offiziellen Verabschiedung in unserer Menschengestalt. Darum erkenne ich mein Gegenüber erst, als sie mich anspricht: Dass sie mich erkennt, liegt sicherlich daran, dass ich schon so verrückt aussehe, wie ich eben bin. Mit der Motorradkombi aus Leder, den selbstbestrickten Pullover, den man sieht, weil der Reißverschluss meiner Lederjacke offen ist und meiner leger vierschrötigen Figur ist es unmöglich neben so einer Person nicht aufzufallen. „Übrigens, Derila, du bist die Letzte!“ sagt sie mit einem schadenfrohen Ton in der Stimme.

Sie haben mir den Spitznamen Derila, die Verrückte oder Spinnerin, verpasst, weil das menschliche Profil, das ich entwickelt habe, sehr widersprüchlich und chaotisch ist. Ich fahre Motorrad, habe den schwarzen Gürtel in Karate, mache aber auch Qi Gong und Schattenboxen, Stricke gut und leidenschaftlich gern, liebe Rockmusik und starke Frauenstimmen wie Giana Nanini und Tina Turner, skate, knüpfe und koche gern. Und ich mag scharfe Sachen aus aller Herren Länder. Dass ich gern lese und schreibe versteht sich wohl von selbst. Würde ich mir die Mühe machen alles aufzuschreiben, wenn es anders wäre?

„Macht doch gar nichts, dass ich die Letzte bin. Es heißt ja, die Letzten werden die Ersten sein.“

Ich merke durchaus, dass sich mein Gegenüber über meine Gelassenheit ärgert. Aber sie geht nicht einfach weg, sondern sie redet weiter.

„Ich bin wirklich gespannt, was sie dir aufbrummen.“ „Das möchte ich auch gern wissen, aber ich habe immer noch keine Angst, dass mir ein Auftrag erteilt wird, der nicht zu mir passt.“ „Du wirst nicht glauben, wie ich jetzt heiße, und was mein erster Auftrag ist.“ Mir fällt auf, dass sie furchtbar nörgelt.

„Ich heiße ab jetzt Dorothea Glück. Und ich komme als Kindermädchen in einen sehr wohlhabenden Haushalt mit drei Kindern. Die Mutter wird sterben und zumindest zwei von den Kindern sind sehr verwöhnt. – Gleich am Anfang mehrere Kinder!“

Sie schluckt. Um sie zu trösten, sage ich: „Du hast Zeit alles in Ordnung zu bringen, weil die Frau nicht gleich sterben wird. Und im Grunde passt dieser Auftrag sehr gut zu dir und deinem exklusiven Geschmack.“ Ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht will sie nicht getröstet werden und hat Lust zum Jammern. Jedenfalls wendet sie sich ab und murmelt: „Man sieht sich bei der offiziellen Verabschiedung!“ Dann stolziert sie davon.

Einen Augenblick später öffnet sich die Tür zu Gabriels Arbeitszimmer wieder, und ich darf eintreten.

„Sei herzlich gegrüßt, Herr und Meister!“ sage ich, als ich eintrete und mache einen Knicks. „Sei auch ganz herzlich gegrüßt, Stella Engel. Ich heiße Gabriel und nicht Herr und Meister!“, erwidert Gabriel mit seiner tiefen, freundlichen Stimme.

„Sei herzlich gegrüßt, Gabriel!“ „Na, geht doch!“

Ich frage mich, ob ich jemals wirklich begreifen werde, dass eine gesunde Hierarchie keine Förmlichkeiten braucht. In dieser Hinsicht habe ich wohl einen richtigen Schaden genommen durch meinen ersten Vorgesetzten. Seinen Namen habe ich nie erfahren, weil er von Anfang an auf der Anrede „Herr und Meister“ bestand.

Bevor ich zum Schutzengel ausgebildet wurde, war ich ein Seelenbegleiter. Meine Aufgabe war es die Seelen Verstorbener auf dem Weg zu Gott zu führen. Das ist auch eine wichtige und schöne Aufgabe. Und ich habe sie getan seit es Menschen auf der Erde gibt. Eine Seele wird immer von zwei Engeln bei diesem Weg begleitet. Es ist wichtig, dass jede Seele diesen Weg in die Ewigkeit geht, diesen Weg selbst zurücklegt aber dabei an jeder Seite von einem Engel geschützt wird. Es gilt: „Ich nehme deine Hand, aber laufen musst und kannst du selbst!“ Es heißt nicht ohne guten Grund, dass die Seele zu Fuß geht. Und für die Ewigkeit, in die die Seele eingeht, ist zu Fuß gehen genau die geeignete Geschwindigkeit. Und weil es viele geschundene Seelen gibt, sind zwei Engel zum Trost und als Helfer dabei.

Ich habe in meiner Zeit als Seelenführer sehr viele Seelen begleitet, denen es nicht vergönnt war, sich in Ruhe und Frieden von ihrem irdischen Sein verabschieden zu können. Es war eine dankbare Aufgabe. Aber jedes Wesen braucht irgendwann einmal eine andere Arbeit. Und mein Vorgesetzter war das, was man auf Erden wohl einen Stinkstiefel nennt. Er soll übrigens degradiert und versetzt worden sein. Und ich bin wirklich erleichtert, dass Gabriel Geduld mit mir hat.

Gabriel gibt mir ein Mäppchen. Es enthält zwei Dokumente. Das eine ist mein Personalausweis, ausgestellt auf Stella Engel, geboren am 05.01.1991 in Bochum. Und ich bin begeistert wie gut das Lichtbild getroffen ist. Meine Begeisterung steigt fast ins Unermessliche, als ich das zweite Dokument sehe. Es handelt sich um einen brandneuen Motorradführerschein. Er ist selbstverständlich auch auf Stella Engel ausgestellt und trägt als Ausstellungsdatum den 26. April 2012. Während ich meine neuen Papiere betrachte, beobachtet mich Gabriel wohlwollend aber ohne jede Spur von Herablassung. So ein Verhalten bin ich überhaupt nicht gewöhnt. Ich stecke das Mäppchen in die große Brusttasche meiner schwarzen Lederjacke.

„Stella, einen so sprachbegabten Engel haben wir bislang noch nie im Schutzengelseminar gehabt. Du hast so schnell wie niemand zuvor alle Tier- und Menschensprachen gelernt.“ „Dafür hattet ihr aber auch noch niemanden im Schutzengelseminar, der ein derart chaotisches Profil entwickelt hat!“, denke ich spöttisch. Dass Gabriel meinen Gedanken folgen kann, weiß ich. Aber ich wundere mich, dass er jetzt auf das reagiert, was ich gedacht habe und in herzlichem Ton sagt: „Öfter was Neues. Und Vielfalt hat noch nie geschadet und macht Freude!“

Damit ich mich leichter daran gewöhne, hat Gabriel bisher nach Menschenart mit mir gesprochen. Damit ich aber an Leib und Geist erfahre, dass ich selbstverständlich immer noch ein Engel bin, zeigt er mir die Einzelheiten meines Schutzauftrags in der Art, wie wir Engel kommunizieren. Unsere Verständigung ist eine blitzschnelle Gedankenübertragung. Und auf diese Weise zeigt mir Gabriel im Bruchteil einer Sekunde, wen ich zu beschützen habe, und was sie erlebt hat. Es ist nicht wie in einem Film, in dem man nur hört und sieht, was geschieht.

Ich sehe und höre nicht nur, was Magdalena Zindler, die ich beschützen und deren Leben ich neu ordnen soll, erlebt hat. Ich fühle auch, wie sie den Unfall erlebt und überlebt hat, den sie vor 40 Jahren hatte, und der sie ihr Augenlicht gekostet hat. Ich schmecke die Medizin, die sie für ihren Magen bekommen hat, um ihn von den Nebenwirkungen der anderen Medikamente zu heilen. Ich nehme daran teil, wie sie Punktschrift lernt. Und ich spüre, wie sie den Kontakt zu ihren Mitmenschen, den Tieren und den Dingen ihrer Umgebung erlebt hat. Dass Schutzengel das Leben ihrer Schutzbefohlenen durchleben, ist im Sinne des Wortes sinnvoll. So bekommen wir wirklich alles mit, was die Menschen betrifft, um die wir uns kümmern. Da wir das Leid und Glück der Menschen miterleben können, haben wir auf eine Weise Anteil an ihrem Leben, wie es Mitmenschen nicht möglich ist. Unser Miterleben trägt so auch zur Linderung von Leid und zum Erwachen der seelischen Heilkräfte bei. Und in gewisser Weise stimmt, was Ihr Menschen sagt: „Die Zeit heilt Wunden!“ Denn wir nehmen Euer Erleben vollständig in Eurem Zeitformat wahr.

Gabriel zeigt mir natürlich auch einen Teil dessen, was in der nächsten Zeit geschehen wird. Aber davon erzähle ich später, wenn es an der Menschenzeit dafür ist.

Magdalena ist 45 Jahre alt, so groß wie ich, hat schwarzes Haar und blaue Augen. Sie arbeitet als Übersetzerin für deutsch, russisch, spanisch und englisch. Sie ist ledig und hat keine Kinder. Sie ist Russlanddeutsche und lebte in den ersten fünf Jahren bei ihrer Mutter, die bei dem Unfall, durch den Magdalena erblindete, starb. Danach nahm ihre Tante Olesja sie bei sich auf. Sie lebt inzwischen zusammen mit ihrer Freundin Lea Hafenmeister in einem kleinen Haus, das sie von Olesja geerbt hat.

Nachdem ich alles, was ich über Magdalena wissen muss, erfahren habe, zeigt mir Gabriel meine eigenen Lebensumstände auf Erden. Ich werde in einer Wohngemeinschaft mit einem anderen Engel in Menschengestalt leben. Sie heißt Raela Liebmann ist als Mensch fünf Jahre älter als ich und arbeitet als Krankenschwester. So weit so gut.

Aber ich wundere mich doch sehr darüber, dass ich meine Brötchen als Mensch bei einem Esoterikportal verdienen soll. Nachdem mir Gabriel alles Wesentliche gezeigt hat, lässt er eine Pause entstehen, damit ich mich sammeln kann.

Dann fragt er mich: „Hast du noch Fragen, Stella?“ „Ja, ich habe eine Frage, Herr und Meister!“ „Stella, ich heiße Gabriel!“, erwidert mein neuer Vorgesetzter freundlich. „Ja, ich habe eine Frage, Gabriel!“ „Na, geht doch!“

Der Erzengel sieht mich an und nickt mir zu. Und dabei leuchten seine Augen und sein Heiligenschein besonders freundlich.

„Warum soll ich ausgerechnet in einem dieser Esoterikportale arbeiten?“ „Dafür gibt es verschiedene Gründe. Durch diese Arbeit kommst du direkt in Magdalenas Umfeld. Denn dieser Bendix Krämer, der das Portal leitet, ist, wie du gesehen hast, ein Bekannter von Magdalena. Dazu kommt, dass entschieden wurde, diese Szene vom Himmel aus freundlich aber bestimmt ein wenig aufzumischen. Ich bin mir sicher, dass dir der eine oder andere Streich für diese Leute einfallen wird.“

Und dann sehe ich etwas, was ich noch nie gesehen habe, und was man auch als Engel sicherlich wenn überhaupt nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommt. Auf Gabriels Antlitz zeigt sich ein verschmitztes Lächeln. Obwohl der Schalk in diesem Lächeln deutlich aufleuchtet, sind in diesem Ausdruck keine Spuren von Bosheit oder Schadenfreude zu erkennen. Nur ein kleiner triumphierender Funke und eine Art verspielter Freude leuchtet in seinen Augen auf.

Schließlich fragt Gabriel: „Möchtest du sonst noch etwas wissen, Stella?“ Ich schüttele den Kopf. „Dann ist es gut! Und denk‘ immer daran, dass du dich jeder Zeit und von überall mit deiner Gedankenkraft an mich wenden kannst.“

Ich nicke dem Führer der Cherubim und Seraphinen dankbar zu, und er sieht mich noch einmal mit sehr herzlichem Gesichtsausdruck an.

Nachdem ich Gabriels Arbeitszimmer verlassen habe, gehe ich zur großen Halle, in der wir verabschiedet und nacheinander zu unseren Erdeinsätzen entsendet werden. Und jetzt wird mir langsam doch mulmig ums Herz.

Aus Paulas Schreibtagebuch: Achtundachtzig Blütenblätter für Gertrud

Achtundachtzig„Die Dummen hetzen, die Klugen warten, die Weisen gehen In den Garten, stimmt’s Mama?“ 🙂

Guten Tag,

am Mittwoch dem 28. Juli 2010 fand die Beisetzung meiner Mutter Gertrud Maria Paula Quenel geborene Grimm auf dem neuen Friedhof in Sevelen statt. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie anonym bestattet. Sie lebte vom 14. September 1934 bis zum 06. Juli 2010.

Die Geschichte, die diesem Beitrag als Spontanlesung mit den entsprechenden Macken beigefügt ist, entstand drei oder vier Wochen nach Gertruds Beerdigung. Im Wesentlichen blieb sie seither unverändert. Es ist nicht die einzige Würdigung für sie. Auch mein Pseudonym ist als Ehrung für sie gewählt. Darüber hinaus habe ich vor ungefähr zwei Jahren einen Blogaufruf zum Anlass genommen https://www.paulagrimmsschreibwerkstatt.de/2017/07/15/einer-mutter-gedanken-zu-flucht-und-vertreibung-mutter-mutter-wie-weit-muss-ich-reisen/ zu schreiben, der ebenfalls meiner Mutter gewidmet ist.

Von zwei Dingen bin ich inzwischen vollkommen überzeugt. Die Gertrud ist mit dem oben genannten Text inhaltlich absolut einverstanden. Und sie ist eine der wenigen wenn nicht sogar der einzige Mensch, der von Herzen froh und einverstanden damit ist, dass ich endlich tue, was ich kann und möchte, nämlich schreiben.

Die Trauer bleibt. Es stimmt, eine Mutter fehlt immer, gleichgültig, wann sie stirbt. Die Trauer bleibt und hat viele Gesichter, die sie nicht nur bei der Trauer um unterschiedliche Menschen zeigt. Ihre Gesichter ändern sich in der Trauer um meine Mutter immer noch von Zeit zu Zeit, obwohl bereits sieben Jahre verstrichen sind.

Achtundachtzig Blütenblätter für Gertrud hatte ich länger nicht in die Hand genommen und gelesen. Auch das merkt man der Spontanlesung an. An die beiden vermackten Stellen im Punktschriftausdruck konnte ich mich nicht mehr erinnern. Aber das ist Lifelesen! Bestimmte Aspekte bleiben immer im Gedächtnis und im Gefühl. So bin ich seit der Fertigstellung des Textes davon überzeugt, dass Gertrud mehr meiner Mutter entspricht als ich Dagmar entspreche, obwohl die manche Dinge mit mir gemein hat. Und dass das so sein soll, fühlt sich immer noch richtig an.

Liebe Grüße

Paula GrimmAchtundachtzig.MP3

Kurzprosa: Hildes Todesfall

Guten Tag Ihr Lieben,

 

hier kommt der älteste Text von mir, der erhalten ist, obwohl viele andere Texte, die vor dem Jahr 2004 geschrieben wurden, verschwunden sind oder von mir vernichtet wurden. Diesmal habt ihr die Wahl, ob ihr hören oder lesen möchtet, was bei und nach dem U-Bahnunfall passiert.

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

 

Hildes Todesfall

„Die Hilde ist plötzlich aufgestanden und auf eine junge Frau zugegangen. Die stand mit Freunden ziemlich nah bei den U-Bahngleisen. Die jungen Leute stritten darüber, was sie mit dem Freitagabend anfangen sollten. Die Hilde hat die junge Frau gegrüßt. Jedenfalls nehme ich das an. Verstehen konnte ich nichts. Sie machten gerade wieder eine Durchsage. – Doch, die Hilde hat sie gegrüßt, schüchtern, wie wir das machen, wenn wir Leute treffen, die wir von früher kennen. Die junge Frau hat auch etwas gesagt. Und eine Bewegung mit dem Arm hat sie gemacht. Die Hilde wankte, fiel ins Nichts, während die Linie 12 einfuhr. Und plötzlich fielen die Geräusche ineinander, wurden zu einem einzigen mächtigen Geräusch. Da macht man die Augen zu oder guckt weg, weil das Geräusch mit einem Mal so mächtig, übermächtig, ist, dass man erst mal mehr als genug hat.“ „Fiel ins Nichts, so ein Quatsch! Halt dein versoffenes Maul Alte!“ Inge antwortete nicht auf die Beschimpfung des jungen Mannes. Er war wie die anderen jungen Leute instinktiv zurückgewichen und stand jetzt unmittelbar neben Inge, die immer noch auf der Bank saß, auf der sie bis vor wenigen Sekunden, bis vor einer halben Ewigkeit, mit Hilde gesessen hatte.

Sie sah nicht zu den Gleisen hinüber. Sie wusste, dass es dort nichts zu sehen gab, was sie verstehen konnte. Sie betrachtete die jungen Leute. Der junge Mann, der sie beschimpft hatte, war seiner Haltung nach der unumstrittene Anführer. „Also hat der bloß eine dicke Lippe riskiert, weil die Anderen es von ihm erwartet haben, vorsichtshalber sozusagen!“ dachte Inge. Es war das typische Cliquenverhalten. Aber waren sie nicht alle doch schon ein bisschen zu alt für eine typische Clique? Hilde wusste aber, dass man sich immer so leicht verschätzte, weil die Meisten immer anders wirkten und sein wollten, als sie waren. Alle waren sorgfältig zurecht gemacht. Inge konnte sich nicht daran erinnern, jemals so aufgetakelt gewesen zu sein, obwohl sie auch bessere Zeiten erlebt hatte als diese, wesentlich bessere Zeiten. Dieser junge Mann und seine Freunde mussten nicht wissen, warum Inge mit sich selbst geredet hatte. Sie wollte doch nur begreifen, was passiert war, und was vorging. Für den Anfang musste dazu wohl eine einfache logische Kette genügen. „Fremde Leute beschimpfen, aber die ganze Zeit nur auf die Armbanduhr starren. – Dich meinen und dich doch nicht meinen, so ein feiger Hund!“

Leute von der Feuerwehr, dem technischen Hilfswerk und der Polizei trafen ein. „Guten Abend! Die Station muss geräumt werden, wenn Sie bitte so freundlich wären, uns n oben zu begleiten, damit wir Ihre Personalien aufnehmen können, und Sie uns freundlicherweise erklären können, was Sie gesehen haben!“, sagte eine junge Polizeibeamtin zu ihnen. Und Inge rappelte sich auf. Gerade das Aufstehen war für Inge seit einiger Zeit doch sehr beschwerlich. Aber einmal in Gang gekommen, wurde es zumindest etwas leichter. „Warum sollen wir mitkommen? Wir haben mit dieser, äh, Sache nichts zu tun!“ beschwerte sich der Anführer stellvertretend für alle Cliquenmitglieder. Die Beamtin würdigte er zwar eines Blickes, war aber ansonsten nicht freundlicher als zu Inge. „Wir wollen nur Ihre Zeugenaussagen aufnehmen!“ erklärte die Polizistin ruhig. Und die jungen Leute folgten den Beamten, wenn auch widerwillig zur Rolltreppe, die ins Zwischengeschoss der U-Bahnstation fuhr.

Inge bildete das Schlusslicht.

Als sich Inge auf die Rolltreppe stellte, musste sie an etwas denken, dass Hilde gesagt hatte: „Es ist ganz egal, wann man mit der Rolltreppe fährt, die Luft, die von der Klimaanlage hier ‚runtergeschubst wird, beißt immer. Ob sie warm oder kalt, feucht oder trocken ist, sie beißt, weil sie einfach nicht nach unten will.“ Und Hilde und Inge waren die Letzten, die ihr das verübelten, obwohl oder gerade, weil sie selbst, sich die meiste Zeit, fast freiwillig, unten aufhielten. In das Mittelgeschoss trauten sie sich häufiger. Denn dort gab es mehrere Imbissbuden und Bäckereien. Manchmal war Hilde aber auch allein auf Beutezug gegangen. Denn sie hatte ein sehr gutes Auge für Leute, die etwas übrig ließen. Und sie konnte unauffällig und geduldig wie eine Katze, die auf Beute lauert, warten, bis etwas für sie abfiel.Nach oben, auf den Markt, gingen sie nur, wenn sie unten vertrieben wurden, was inzwischen nicht mehr ganz so häufig vorkam, wie noch vor ein paar Monaten. Oben hatten andere ihr Revier. Und deshalb ging Inge auch an diesem Abend nur zögernd auf die Rolltreppe, die ganz nach oben führte. – Ganz nach oben?

Auf dem Markt angekommen, führten die Beamten die Gruppe zu einem Polizeiwagen. Inge blieb etwas abseits stehen und wartete darauf, von den Polizisten irgendwann befragt zu werden. Sie stand im Licht einer Straßenlaterne. Die Lampe spendete ein orangefarbenes Licht. Es regnete. Inge war froh darüber, nicht unter einer Laterne mit weißgrünlichem Licht zu stehen. In diesem Licht hätte sie wie eine Wasserleiche ausgesehen. Inge erinnerte sich plötzlich daran, wie es gewesen war, als sie noch eine eigene Wohnung in einem Mietshaus gehabt hatte, und wie es ausgesehen hatte, aus einem höheren Stockwerk bei Regenwetter auf diese orangefarbenen Lampen zu sehen. Von da oben hatte es ausgesehen, als wäre es kein Regen, sondern fließendes Gold, was sich auf die Straße ergoss. „So weit nach oben, dass ich das noch mal sehen kann,komme ich wohl nicht mehr. Und so allein, ohne die Hilde, bin ich inzwischen auch ein zu großer Angsthase, um so weit oben und so normal zu sein. Aber war die Hilde überhaupt jemals so weit oben gewesen, um nachts von oben auf die Orangefarbenen Laternen und den Regen gucken zu können?“

Wahrscheinlich hatte Hilde diesen Anblick nicht gekannt. Denn Hilde kam ursprünglich aus dem Umland der Großstadt, wo alles kleiner und weniger glanzvoll gewesen war. Diese eher ländliche Umgebung hatte Hilde gefallen. Sie hatte häufiger davon gesprochen, zum Beispiel von den Gärten. Aber von der Familie, die sie gehabt hatte, und die zerbrochen war, hatte sie dagegen kaum etwas erzählt. Hilde hatte einen Mann gehabt und zwei Kinder. Die Kinder waren inzwischen erwachsen. Die beiden hießen Niels und Nina und kamen, wie Hilde gemeint hatte, Gott sei Dank auf ihren Vater. „Hilde, erinnerst du dich noch an das Gespräch von den beiden jungen Frauen, die auf die Vier warteten und sich gefragt haben,warum man so oft nicht zu anderen Menschen durchkommt, warum man so oft nicht verstanden wird. Und wie die Eine zu der Anderen sagte dass jeder Mensch eben eine eigene, ganz andere Welt ist. Und dann kam ihre Bahn und du hast gesagt: „Wenn das stimmt, dann ist jeder hier unten eine eigene, ganz andere Unterwelt.“ Und recht hast du gehabt. Und weil das stimmt, musstest du weder mir, noch sonst jemandem alles von deiner buckligen Verwandtschaft erzählen.“

Es dauerte seine Zeit, bis die Beamten, die sich von der Ungeduld der jungen Leute nicht aus der Ruhe bringen ließen, die Personalien und Zeugenaussagen aufgenommen hatten. Die jungen Leute bekamen Termine, zu denen sie sich auf dem Präsidium melden sollten. Und als das vorbei war, standen sie plötzlich alle da, scharrten mit den Füßen, sahen sich in der Gegend um blickten auf ihre Uhren, beschäftigten sich mit dem Inhalt ihrer Taschen oder mit ihrer Aufmachung und konnten auf die Schnelle, an die sie normalerweise gut gewöhnt waren, ihre Unternehmungslust nicht wieder finden.

Die junge Beamtin kam mit ihrem Kollegen auf Inge zu. Und Inge kam das Gesicht der jungen Frau immer bekannter vor. Schließlich mussten sich die Beamten im Bereich der U-Bahnstation gut auskennen, denn hier gab es für sie häufiger etwas zu tun. So kannten sie auch Hilde und Inge, zumindest den Namen nach, und deshalb war Inge keineswegs verwundert, dass die Beamtin zu ihr sagte: „Guten Abend, Inge!“ „Guten Abend! Wissen sie vielleicht, ob die Hilde noch lebt?“ „Die Leute vom technischen Hilfswerk und der Feuerwehr sind noch da unten beschäftigt, aber sie wissen schon, dass die Hilde tot ist. Du hast sie doch gut gekannt, die Hilde!“ „Lieber Gott mach‘, dass die Hilde jetzt so weit unten ist, dass sie nicht noch weiter nach unten fallen muss. Und sei ihrer Seele gnädig!“ Später konnte Inge beim besten Willen nicht mehr sagen, ob sie das Gebet vor sich hingesprochen hatte oder nicht. Aber sie kam damit immerhin dazu, sich so weit zu sammeln, um mit der Beamtin weiter sprechen zu können. „Ja, wir waren seit einem Jahr befreundet. und so lange kannte ich sie auch, na, jedenfalls so ungefähr. Ich weiß aber nicht, wie die Hilde weiter hieß. Bei uns verliert man den Nachnamen zuerst. Ich weiß nur, weil sie das irgendwann wahrscheinlich ausversehen gesagt hat, dass sie nicht so hieß wie der Mann, den sie mal gehabt hat.“ „Und was ist eben passiert?“

„Die Hilde ist plötzlich aufgestanden und auf eine junge Frau zugegangen. Die stand mit Freunden ziemlich nah bei den U-Bahngleisen. Die jungen Leute stritten darüber, was sie mit diesem Freitagabend anfangen sollten. Die Hilde hat die junge Frau gegrüßt. Jedenfalls nehme ich das an. Verstehen konnte ich nichts. Sie machten gerade wieder eine Durchsage. – Doch die Hilde hat sie gegrüßt, schüchtern, wie wir das machen, wenn wir Leute treffen, die wir von früher kennen. Die junge Frau hat auch etwas gesagt. Und eine Bewegung mit dem Arm hat sie gemacht. Die Hilde wankte, fiel ins Nichts, während die Linie 12 einfuhr.“

„Hat die junge Frau sie gestoßen? Ist sie verantwortlich für den Sturz?“ Die Fragen waren naheliegend und berechtigt. Das spürte Inge sofort. Aber das half nicht bei der Beantwortung der fragen. Schließlich fand Inge in ihrem Wortschatz Begriffe für Antworten, Die zumindest einigermaßen taugten. „Ein Gericht wird in dieser Sache nichts finden können, um herauszufinden, wer oder was Schuld ist, nehme ich an. Aber Schuld gibt es wohl schon, alte Schuld, Ungerechtigkeit, die neu geworden ist, durch die Verleumdung und die Abweisung, die Hilde erfahren hat. Die beiden hätten auch viel weiter voneinander weg stehen können. Verleumdung und Abweisung machten den Arm lang genug für eine Berührung, die die Hilde einfach ins Wanken bringen musste, zu Fall bringen musste. Die Hilde war überhaupt nicht unberührbar, im Gegenteil.“ Inge behielt diese Worte genau im Gedächtnis und wunderte sich später darüber, so etwas gesagt zu haben. Sie traute ihren Ohren nicht, als sie sich die Zeit nahm, das Gesagte vor sich zu wiederholen. andererseits konnte sie nichts Falsches darin finden.

„Du sagtest, dass du den Eindruck gehabt hättest, dass sie einander kannten.“ „Ich bin mir sicher, dass sie sich kannten.“ Und ich werde es Ihnen beweisen.“ Langsam, so schnell wie es ihr möglich war, drehte sich Inge um. „Du kannst nicht einfach auf sie zeigen. Man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute!“ dachte Inge. Außerdem konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass ihr Arm viel zu kurz war für eine so weite Geste, selbst wenn sie sie für die Beamten mit einigen Worten angeschoben oder verstärkt hätte. Also ging Inge mit ihren kleinen, unsicheren Schritten auf die junge Frau zu. Einen Augenblick lang sah sie ihr unschlüssig ins Gesicht. Sie überlegte, ob sie ihr die Hand geben sollte. Aber sie war zu schüchtern für diese Handgreiflichkeit, wagte es nicht einmal, die Hand leicht auszustrecken. Doch sie brachte wenigstens den Mut auf, sie direkt anzusprechen und ihrem Blick standzuhalten. „Guten Abend, Nina! Herzliches Beileid zum Tod ihrer Mutter!“ Von der jungen Frau kam keine Reaktion. Doch das war Reaktion und Antwort genug.

© Paula Grimm, 18. Feb

Negritas Brief an alle schwarzen Katzen, andere Glücksbringer und Menschen

Guten Tag Ihr Lieben,

 

hier kommt ein Beitrag, den ich vor drei Jahren im Rahmen einer Blogparade geschrieben habe. Es ist, wenn ich mich recht erinnere, der einzige Blogbeitrag zu einer Blogparade. Viel Freude damit!

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

 

Negritas Brief zum Thema der Blogparade des Museumsblogs: Leben ohne Zufall? Blogparade zum Thema \“Aberglauben\“

An alle schwarzen Katzen, andere Glücksbringer und Menschen mit und ohne Aberglauben

Guten Tag Ihr Lieben,

bei diesem Thema kann ich mein schwarzes Maul und alle vier schwarzen Pfoten einfach nicht still halten. Und ich muss gleich erwähnen, dass ich wohl nicht im Stande bin, das Thema ganz kurz und bündig abzuhandeln. Freundlicherweise hat mir die Paula ihren Arbeitsplatz und Webspace in ihrem Blog überlassen und zwar so viel ich brauche.

Damit Ihr wisst, mit wem Ihr es zu tun habt, stelle ich mich kurz vor. Ich bin eine schwarze Katze mit Migrationshintergrund, wie Mensch in deutsch gerade so sagt. Und mein Name passt zu mir und beschreibt mich genau. Ich heiße Negrita, die kleine Schwarze. Und ich trage einen spanischen Namen, da ich die ersten zehn Monate meines Katzendaseins auf den Straßen von Barcelona gelebt, besser gesagt, mein Leben gefristet habe.
Inzwischen habe ich viereinhalb Jahre auf dem Buckel und kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich im Leben auskenne, da ich mit allen vier Pfoten fest im Leben stehe, sicher klettere und umsichtig schleiche.

Ich kenne mich aus, so gut man sich eben auskennen kann. Und ich kenne mich auch mit Euch Menschen aus, mit Eurer Jagd nach Glück, Eurem Glauben und Aberglauben, Eurer Einstellung zu den Wechsel bzw. Zufällen des Lebens und mit Euren Ideen zum Thema Glück und Vermeidung von Unheil.

So wie ich Euch Menschen bezogen auf die erwähnten Lebensbereiche kennengelernt habe, bin ich stark versucht Euch in allen Punkten als absolut hoffnungslose Fälle zu bezeichnen. Aber man soll die Hoffnung niemals aufgeben. Und das ist ein nützliches Prinzip, um Glück zu erleben und Unheil zu vermeiden. Voraussetzung ist jedoch, dass man nach Möglichkeit Hoffnung nicht mit Illusion verwechselt. Denn die Pflege von Illusionen führt unweigerlich zum Perfektionswahn, für den Ihr Menschen ohnehin übermäßig empfänglich seid. Wann lernt Ihr endlich Hoffnungen von Illusionen zu unterscheiden? Und wann begreift Ihr endlich mit Kopf, Herz und Hand, dass Glück erleben aber auch die Vermeidung von Pech keinen Perfektionswahn vertragen? Dabei macht es keinen Unterschied, ob Ihr einem oder gleich mehreren selbsternannten spirituellen Führern und ihrer Flut von Anweisungen folgt, ob Ihr Euer Heil in der Flucht vor der Realität sucht, oder ob Ihr Euch irgendeinen Aberglauben selbst zusammenzimmert. Durch dieses Verhalten werdet Ihr immer weniger Glück verdienen und erleben als möglich ist. Und Ihr werdet immer mehr Leid erfahren als notwendig ist.

Ihr sagt: „Das Glück liegt auf der Straße!“ Selbst, wenn das stimmt, werdet Ihr es nie finden und erfahren. Ihr werdet es höchstens überholen, übersehen und überfahren. Und ich weiß leider allzu genau, wovon ich hier schreibe. Denn erst Vorgestern habe ich bei meinen Streifzügen durch mein Revier zweiter Ordnung eine überfahrene Artgenossin gefunden. Und das war leider sogar eine von den Katzen, die manche von Euch als Glückskatzen bezeichnen, eine dreifarbige europäische Kurzhaarkatze. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich immer mehr Vertreter Eurer Spezies an die alte Weisheit erinnern: „Das Glück der Erde ist auf dem Rücken der Pferde!“

Nichts und niemand ist davor gefeit als Objekt für Eure Jagd nach dem Glück oder zur Vermeidung oder Linderung von Unheil ge- oder missbraucht zu werden. Ihr Glückskäfer mit den Jahrespunkten auf dem Rücken, Ihr Pferde, die Ihr ab und zu Eure Hufeisen verliert und Ihr dreifarbigen Glückskatzen tut alles, was Ihr tun könnt, und was wir vermeintlichen Unglücksbringer auch tun würden, um Menschenglücklich zu machen und ihnen Glück zu bringen! Und nehmt auch Ihr es nicht zu schwer, dass es Euch oft nicht so gelingt, wie es sein soll. Ihr könnt nichts dafür! Sie stehen sich und ihrem Glück mit ihrem Übereifer selbst so gut im Weg, wie sie können und erleben dadurch mehr Unheil als für sie vorgesehen ist.Da kann man nichts tun als so gelassen und geduldig als möglich das eigene Leben für seine Freunde und sich selbst so gut wie man es eben vermag in die Pfote zu nehmen.

Wir schwarzen Katzen zählen im christlichen Abendland eindeutig zu den Unglücksbringern. Aber jede schwarze Katze sollte wissen, dass die Menschen bezogen auf diesen Aberglauben wie der Mond sind. Sie haben ihre Phasen. Unglücksbringer sind wir immer. Aber angeblich bringen wir an Donnerstagen in der Abenddämmerung, wenn wir Menschen über den weg laufen besonders viel Unglück, wenn der Donnerstag der 12. eines Monats ist. In diesem Zusammenhang habe ich mich am Donnerstag dem 12. Dezember 2013 zu zwei Dingen entschieden. Ich will nicht herausfinden, wie die Abergläubischen Menschen ausgerechnet auf dieses schmale Brett gekommen sind, und warum sie offenbar seit mehreren Jahrhunderten an diesem Gedanken festhalten. Außerdem tue ich seit diesem Donnerstag im Dezember nicht mehr so, als könnte ich in dieser Sache auf sie Rücksicht nehmen. Sie sind sich in diesem Punkt ja noch nicht mal einig. Manche glauben, wir dürfen ihnen nicht von links nach rechts über den Weg laufen. Andere behaupten das Gegenteil. Und wieder andere meinen, dass wir ihnen Unglück bringen, wenn wir ihnen überhaupt über den Weg laufen. Wer soll daraus noch schlau werden und sich entsprechend verhalten. Flüche, abwehrende Gesten, hysterische Stoßgebete und Wasserspritzer, die Katze vertreiben sollen, gibt es sowieso. Es ist ein Kreuz mit den abergläubischen Menschen. Dabei gehen wir auch an Donnerstagen, die ein 12. im Monat sind, mit guten Absichten durch unser Katzenleben, wenn wir nicht gerade auf der Jagd nach Ungeziefer sind.

Da es ohnehin sinnlos ist, dem menschlichen Aberglauben und seinen Folgen zu entkommen, werde ich an jedemAbend und Morgen, die der Herr werden lässt, gewissenhaft mein Revier zweiter Ordnung durchstreifen und alles nutzen, was mir auf meinen Wegen so zufällt. Uns Lebewesen fällt alles zu. Denn wir können kaum etwas selbst bestimmen. Wir können nur nutzen, was uns an Gutem zufällt. Und wir können uns nur dem stellen, was uns anUnheil widerfährt. Es könnte sein, das Ihr Menschen nur deshalb so extrem nach Glück jagt und so krampfhaft versucht Unheil von Euch fernzuhalten, da Ihr das mit den Zufällen missversteht. Ich bleibe dabei, dass uns alles zufällt. Nicht nur ein außergewöhnlich großes Glück wie ein neues gemütliches Revier erster Ordnung nach zehn Monaten auf der Straße und alle schrecklichen Ereignisse sind Zufälle. Das sind nur die Zufälle, die seltener auf einen zufallen. Aber jedes Blatt, mit dem ich jagen üben kann, fällt mir vom Baum mit Hilfe des Windes zu. Das ist doch ganz einfach, oder nicht?

Und was die Rituale betrifft, so habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass sie tatsächlich etwas mit dem Glückbringen zu tun haben.Deshalb verlasse ich mein Revier erster Ordnung niemals ohne mich vorher sorgfältig gewaschen zu haben und mich ausgiebig an Topf der großen Palme gerieben zu haben. Das ist ein starker Ausdruck meiner Dankbarkeit, die ich empfinde, da ich jetzt schon über drei Jahre bei freundlichen und anständigen Menschen in einem so angemessenen Revier erster Ordnung leben darf. Und aufrichtige Dankbarkeit erhält das Glück und lockt es an. Unterschiedliche Rituale brauchen Zeit. Und die Zeit, die sie brauchen, brauchen die Lebewesen auch, um innezuhalten, damit sie überhaupt fühlen können, was ihnen da zufällt. Ist es etwas zu- oder abträgliches? Das Innehalten taugt auch dafür, dass man sich sammeln, sich dem Elend stellen oder einen Glücklichen Zufall nach Herzenslust genießen kann.

Es gäbe da noch so viel zu sagen. Aber ich lasse es damit erst einmal bewenden und wünsche Euch allen viel Glück, eine gute Entwicklung Eurer Intuition, bei der Gefühl und Verstand sinnvoll zusammenarbeiten und die angemessenen Rituale! Und Ihr lieben Zweibeiner tut Euch und uns anderen Lebewesen den Gefallen daran zu denken, dass auch bezogen auf das Glück weniger mehr ist.

Liebe Grüße
Negrita (Texthase Online)

Einer Mutter Gedanken zu Flucht und Vertreibung: Mutter, Mutter, wie weit muss ich reisen?

‚nabend zusammen,

was Ihr in diesem Artikel lest, sind Gedanken zu Flucht und Vertreibung, die ich mir anlässlich der gegenwärtigen Situation und bezogen auf die Tatsache gemacht habe, dass meine Mutter, die auch ein Flüchtlingskind war, gestern 81 Jahre alt geworden wäre. – Ziemlich provisorisch das und vielleicht auch anmaßend, was sie mir hoffentlich nachsieht!

Mutter, Mutter, wie weit muss ich reisen?

Nennt mich Maria. Denn auch das ist einer meiner drei Vornamen. So wurde ich zu Lebzeiten nicht gerufen oder genannt. Aber für diese, meine Zwecke wird es reichen. Mir ist es gleichgültig, ob Ihr das, was ich denke, gut findet, nachvollzieht oder bedeutsam findet. Ich habe ein, nein, viele, ernste Worte mit Euch Nachgeborenen, wie man so sagt, zu reden. Aber auch für die aus meiner Generation, die noch leben, sind diese Zeilen bestimmt. Mir geht es um Flucht und Vertreibung.

Wenn ich die Bilder sehe, die millionenfach zweidimensional und lautstark kommentiert in Echtzeit oder doch fast in Echtzeit um die Welt gehen, dann kommt ziemlich bald ein Augenblick, in dem ich die Augen schließe und mir die Ohren zuhalte, natürlich bildlich gesprochen. Und es stimmt natürlich, dass ich mich so gegen einen Teil des Elends verschließe. Aber anders als zu Lebzeiten ist das kein Ablenkungsmanöver. So kann ich klarer sehen, fühlen, hören und denken den je. Und diejenigen, die sich eine Auszeit für die Arbeit in ihrem Garten, die Schaffung eines gemütlichen Heims, in einem Verein etc. nehmen und nicht den jüngsten Schreckensmeldungen nachjagen, sind häufiger, als bestimmte Meinungsmacher Glauben machen wollen, nicht diejenigen, die nicht helfen, die unbarmherzig sind und vertreiben Menschen weiter treiben wollen. Obwohl die Mentalität „mein Haus, meine Selbstgerechtigkeit, mein Auto!“ natürlich auch gibt. Doch der Schluss, dass diejenigen, die ihren Garten und ihre Tiere pflegen und voller Hingabe ihre eigene Marmelade kochen, weltvergessen „nur ihr eigenes Süppchen kochen“, ist falsch. Gefährlich für die Menschlichkeit, für die Veränderung der Welt sind vor allem diejenigen, die die Zeit die andere Menschen mit kreativen oder familiären Aufgaben verbringen, damit vertun, dass sie darüber lamentieren, wie es alle anderen zu machen haben, was zu tun ist, wie man gefälligst denken soll usw. Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei sterben nicht aus und bringen viele Menschen um ihr Heim und Leben. Und sie verhindern notwendige Veränderungen, die allen Kreaturen auf der Welt also auch den Menschen helfen. Diese Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei ist geprägt von einer bestimmten Art der Häme, der Häme, die als Pandemie für Geist und Seelen weltweit grassiert. Wer die Schuld an allem Elend einfachen und genügsamen Menschen unterschieben will, weil sie nichts für den „großen Wurf“ tun, der die Welt verbessert, kann das bezogen auf mich gern tun, denn ich stehe dazu, nach dem Grundsatz gelebt zu haben: „Die Dummen hetzen, die Klugen warten, die Weisen gehen in den Garten!“ Und das habe ich gemacht, obwohl ich allzu gut wusste, wie leicht das alles verloren gehen und vernichtet werden kann. Denn die getrockneten Pilze und die Nüsse, die meine Großmutter für den Winter 1944.1945 als Vorrat angelegt hatte, blieben, nachdem wir unser Zuhause in Freimarkt im Kreis Heilsberg verlassen mussten, nur zwei Tage in unserem Besitz. Der kleine wagen, auf dem die Vorräte und meine kleineren Geschwister waren und die Vorräte wurden ihr mit Waffengewalt abgenommen.

Meine Befassung mit dem Thema Flucht und Vertreibung hörte zu Lebzeiten nicht auf und hat auch jetzt noch lange, vielleicht sogar nie, ein Ende. So sehr sie sich auch verändern mag, fängt sie doch immer mit einer scheinbar harmlosen Szene, die sich viel später, 28 Jahre, nach unserer Flucht zugetragen hat. Ihr kennt doch bestimmt das Spiel: „Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen?“ Das haben meine Kinder auch gespielt. Und im Sommer des Jahres 1973 wurde ich Zeugin von dem, was passierte, als meine Töchter dieses Spiel mit Kindern aus der Nachbarschaft spielten und eines meiner Kinder fragte: „Mutter, Mutter, wie weit muss ich reisen?“ Sie verbesserte sich zwar schnell, indem sie die Frage so wiederholte, wie es die Spielregel besagt: „Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen?“ Aber das nutze ihr nichts. Sie wurde von dem Nachbarkin, das die Mutter spielte, damit bestraft, dass sie nur einen Gänseschritt machen durfte. Und jedes Mal, wenn mir das einfällt, frage ich mich: „Wie viele Menschen sind jetzt auf der Flucht?“ Die Zahlen ändern sich. Und ob man sich auf sie verlassen kann oder nicht, es sind immer mehr Menschen auf der Flucht als es Urlaubsreisende gibt. Da bin ich mir sicher.

Damals traf mich der Geistesblitz, dass die Frage meiner Tochter auch etwas damit zu tun hatte, dass Flucht und Vertreibung ein Thema war, obwohl sie damals noch so klein war, dass wir nicht darüber gesprochen hatten. Sie war für längere Zeit in einem Krankenhaus gewesen, dass weit von unserem Wohnort entfernt war. Es ist nicht das Gleich und auch nicht das Selbe, was wir auf der Flucht erlebt haben. Aber eine Entwurzelung und Vertreibung von dem Platz, an den man gehört, ist es doch. Und wenn man es genau betrachtet, hat niemand von uns das Selbe erlebt wie ein anderer Flüchtling. Und diese unerbittliche Regel gilt immer noch. Und obwohl das Erleben ein vollkommen Anderes war, war da doch eine solide Grundlage dafür, miteinander zu sprechen sich im wahrsten Wortsinn miteinander zu verständigen. Wir wurden uns in vielen Dingen einig. Das geschah, obwohl wir später nur ab und zu über die lückenhaften Erinnerungen gesprochen haben. Alles braucht eben seine Zeit. Und wir waren, wie ich jetzt weiß, klug und liebevoll genug, um keinen falschen Zwang aufeinander auszuüben. Vielleicht hat sie mir anfangs keine Vorwürfe gemacht, weil ich ihr bezogen auf ihre eigene Entwurzelung nicht so geholfen habe, wie eine „gesunde“ Mutter es tut, weil sie sich nicht getraut hat mich zu verletzen. Aber ich bin mir schon lange sicher, dass sie keinen Vorwurf gegen mich erhebt, weil sie auf die ihr eigene Art begreift, dass es mir nicht anders möglich war. Das hat Gott sei Dank funktioniert. Aber das ist nicht selbstverständlich. Und auch für die Menschen, die jetzt auf der Flucht sind, können nicht davon ausgehen, dass die Verständigung über das, was von den Folgen von Flucht und Vertreibung bleibt, so gut als möglich funktioniert. Und die Erfahrungen von Flucht und Vertreibungen werden immer viel mehr als nur einen blauen Fleck auf der Seele als Spur hinterlassen. Denn Menschen werden zurückgelassen, bleiben auf der Strecke. Wir haben uns anvertrautes Leben, eine Ziege, Gänse und Katzen zurückgelassen. Wir haben erlebt, wie unser kleiner Cousin, unsere jüngste Schwester und unser kleiner Bruder gestorben sind. Wir haben miterleben müssen, wie auf Schiffe mit Flüchtlingen geschossen wurde. Und es hört bis heute nicht auf, dass Menschen auf der Flucht zu Fuß gehen und versuchen auf Schiffen von dem Land wegzukommen, auf dem sie nicht mehr erwünscht sind, auf dem sie nicht bleiben dürfen.

Unterweisen war ein Thema in unserer Familie. Ich wurde im September 1934 in Freimarkt im Kreis Heilsberg geboren und war die Älteste von neun Kindern meiner Eltern. wir wohnten an einer Bahnstrecke, denn mein Vater und die meisten anderen meiner Verwandten arbeiteten bei der Reichsbahn. Der Zugang zu diesem Transportweg hat uns nichts genutzt. Genauso wenig wie die Tatsache, dass mein Vater nicht in der Partei war. Er wurde mit einem Zug, auf dem er Zugführer war, von den Russen verschleppt.

Wir waren nicht nur gezwungen Tiere zurückzulassen, die uns Menschen anvertraut waren. „Oh Land der dunklen Wälder und der Kristalle Seen!“ – Vor allem im Winter zeigte dieses Land seine raue Seite, seine harten Regeln. Und so zeigen die Landschaften Afrikas und anderer Weltteile gerade den Flüchtlingen ihre harten Bedingungen, Hitze, Staub und Trockenheit. Aber Wüste, Schnee und Meer sind an dem, was Menschen einander antun, unschuldig.

Es gibt viele Dinge, über die ich froh und dankbar bin. Gott sei Dank musste ich nach 1945 nie wieder fliehen. Denn als ich 1953 von Brandenburg in die Bundesrepublik reiste, haben meine Großmutter und zwei andere Menschen dafür gesorgt, dass es eine Ausreise und nicht wieder eine heillose Flucht war. Es ist mir erspart geblieben als Mutter mit kleinen Kindern oder als alte Frau auf der Flucht zu sein. Und ich freue mich über jeden Menschen, der fliehen musste und ein neues Zuhause findet. Aber wenn ich meine Augen schließe, meine Ohren zu halte, weil mir das Lamentieren über die Willkommenskultur zu laut wird und auf den Geist geht, wird in mir eine andere Frage laut. „Warum gibt es in der Zeit der Globalisierung keine Bleibekultur? Denn einen sicheren Platz zum Leben braucht jeder Mensch!“

In der Zeit unserer Flucht waren die Leute, zu denen wir kamen, oft auch sehr arm. Und es wurde auch aus Not gestohlen. Meine jüngere Schwester und ich haben mehr als einmal Brot geklaut. Aber machen wir uns nichts vor. Dei meisten Waffen, mit denen Leuten Nahrung, Kleidung und andere Habe abgepresst wurde, wurden nicht gefunden, sondern gehörten habgierigen Leuten. Denn Habgier, nicht Not, ist seit Menschengedenken eines der häufigsten Mordmotive. Das gilt auch für Massen- und Völkermord. Und wir müssen davon ausgehen, dass viele Mitbürger, die sich in den Regionen aufhielten, in denen wir heimisch waren, gab, die es gewöhnt waren zu stehen, zu vergewaltigen und zu töten. Sie hatten schon in der Zeit vorher und zwar mit „Rückenwind“ von staatlicher Seite geraubt, Menschen gequält und getötet. Und so ist es auch geblieben. Die Gewalt, die Menschen vertreibt, ist nach wie vor meist wie ein Pendel, das in eine Richtung geschlagen wird und in die andere Richtung zurückschlägt. Und immer war und ist es so, dass es Unschuldige trifft. Ein Mensch auf der Flucht war und ist ein Mensch zuviel, der auf der Flucht war oder ist. Es war und bleibt ein mörderisches Geschäft und ein ständiger Kampf um Leben und Tot. Wer anfängt oder nicht damit aufhört Vertreibung und Flucht von damals und heute gegeneinander zu vergleichen, aufzurechnen, um nichts tun zu müssen, nicht zu helfen, kein Verständnis zu zeigen, der sollte bedenken, dass sein persönliches Leid, seine persönlichen Verluste sowie das Leid und der Tod der geliebten Menschen, die er verloren hat, ebenso radikal subjektiv waren und sind, wie es das Leid, die Verluste und die Tode der Menschen sind, die heute fliehen. Wogegen das Pendel der Gewalt, das Flucht und Vertreibung bringt, sich damals wie heute der selben Maschinerie bedient. Angefangen bei den Gründen dafür, warum das Pendel angestoßen wird, bis hin zu den Gründen und der Hilflosigkeit, die die Bewegung des Pendels in Gang halten.

„Warum reißt die noch den Mund auf, obwohl ihr der Tot ihn ihr schon 2010 gestopft haben sollte?“ ich wünsche mir einfach, dass es besser wird. Die Flucht machte mich zu einem ängstlichen Menschen. Das gebe ich unumwunden zu. Aber Angst ist kein guter Berater. Sie ist nicht mehr als ein Warnsignal. Und man kann sich mit ihr auseinandersetzen. Dabei ist es mir passiert, dass ich nicht zu einem mutigen Menschen geworden bin, der seine Angst verloren hat. Aus der Entfernung zum Weltgeschehen, dass inzwischen mehr als fünf Jahre beträgt, muss ich sagen, dass ich mich so oft fremd gefühlt habe und mich aus der Distanz immer noch so viel befremdet, dass ich keine angst vor Fremden mehr habe nur noch vor fremdbestimmten Leuten, vor Hass, Hähme, Bosheit, Verleumdung und Habgier. Vor dem Tod muss ich keine Angst mehr haben. Geblieben ist das Entsetzen über jeden unnötigen vorzeitigen Tot. Doch ich habe schon zu Lebzeiten aufgehört die Toten zu zählen, die ich gesehen habe.